05. September 2017

Die tapfere Bergbäuerin

Schicksalsschläge, finanzielle Sorgen und jetzt auch noch der Wolf: Josi Jauch hat ein Leben lang gekämpft, doch sie hat ihre Zuversicht nie verloren. Wie jedes Jahr ist die Urnerin auf der Alp Oberberg. Hier hütet die 78-Jährige 380 Schafe und Ziegen.

Josi Jauch vor ihrer Alphütte
Josi Jauch: «Ich gehe so lange ‹z Alp›, wie ich kann!»

Oberhalb des Urnersees, des südlich ausgestreckten Zipfels des Vierwaldstättersees, befindet sich die Alp Oberberg. Sie liegt auf einer leichten Schräge am Fuss des Gitschen, des imposanten kleinen Bruders des Uri-Rotstocks – mit fast 3000 Metern Höhe der mächtigste Berg in der Region.

Hier, auf 1800 Metern, sömmert Josi Jauch (78) bereits zum 55. Mal ihre Schafe und Ziegen, eigene genauso wie Tiere von vier anderen Bauern, insgesamt 380 Stück. Vor Ort sind auch Helfer Martin aus dem Schwarzwald, der hier mit seiner Frau Sonja und deren Tochter Bianca für ein paar Tage mitanpackt, und Felix Jauch, Josis Sohn. Er arbeitet bei der Sozialversicherungsstelle Uri in Altdorf und kommt an den Wochenenden sowie ein- bis zweimal während der Woche abends auf die Alp, um seiner Mutter und seiner Frau Irene (35) unter die Arme zu greifen. Zusammen mit den Kindern Angelina (5) und Alex (3) hält seine Frau die Stellung auf der Alp und schaut zu den Tieren.

Felix Jauch hilft beim Zäunen, denn der Wolf geht neu auch im Urnerland um: 2015 riss er in der Region erstmals über 50 Schafe. Nun sind die Jauchs auf der Hut; sie haben sich zwei Herdenschutzhunde angeschafft. Zudem schauen neu zwei Lamas nach dem Rechten in der Herde, und die drei Border-Collies sind mehr auf Zack denn je.

Herdenschutzhund auf der Alp Oberberg
Ohne Herdenschutzhunde läuft nichts mehr, seit der Wolf in der Gegend umgeht.

Die Schutzmassnahmen fruchten, doch der Mehraufwand für den Herdenschutz sei enorm, sagt Felix Jauch. «Er ist unterdessen so gross, dass uns die Zeit fehlt für andere wichtige Arbeiten auf der Alp wie das Instandhalten der Wanderwege, das Pflegen der Weiden oder den Unterhalt der Bauten.»

Habe sich ein Wolfsrudel in der Gegend etabliert, steige der Druck zusätzlich. Dann müssten sie noch mehr Herdenschutzhunde anschaffen, sagt Felix Jauch. «Das ist wie bei einem Wettrüsten.» Wobei das Maximum an Aufwand bereits erreicht sei. «Besser zäunen geht gar nicht, das hat uns auch der Herdenschutzverantwortliche des Kantons Uri bestätigt.

Kraft durch das Gebet

Als seine Mutter hier vor 55 Jahren als 23-Jährige gemeinsam mit ihrem Mann Hans erstmals «z Alp» ging, kannte man den Wolf nur noch vom Hörensagen. Josi Jauch kam 1939 im Chlital, in einem Seitenzweig des Isenthals, als Bergbauerntochter zur Welt und wuchs dort mit ihren fünf Geschwistern «in grosser Geborgenheit auf», wie sie erzählt. «Das gab mir sehr viel Kraft mit auf den Weg.»

Und die brauchte sie auch. Denn die Stürme des Lebens fegten zum Teil sehr heftig über sie hinweg und krümmten ihren Rücken wie bei einer Föhre, die jahrzehntelang dem Sturm ausgesetzt ist. Josi Jauch geht am Hirtenstock. Aufgerichtet hat sie in schweren Stunden immer wieder das Gebet. «Wenn die Tiere auf die Alp kommen, übergebe ich sie stets dem heiligen Antonius, dem Patron der Schafe, und der heiligen Agatha, die vor Feuer und Blitz bewahrt», sagt die noch sehr rüstige Älplerin. «Dass die Leute mich deswegen belächeln, ist nicht so schlimm. Denn ich weiss ja, dass die Schutzheiligen helfen», sagt Josi Jauch schmunzelnd.

Holzherd
Josi Jauch kocht auf dem Holzherd – für die ganze Grossfamilie.

Trotz Schutz von oben: Im Sommer 1974 wollte es das Schicksal, dass ihr Mann Hans beim Heuen plötzlich bewusstlos umfiel. Ein Hirntumor war geplatzt und hatte zu einer Hirnblutung geführt. Nach einer ersten Operation wucherte der Tumor so schnell weiter, dass Hans Jauch zehn Tage später zum zweiten Mal operiert werden musste. Er fiel ins Koma, aus dem er erst 19 Wochen später ­erwachte – als ein völlig neuer Mensch. Nach der Reha gaben ihm die Ärzte noch ein Jahr. «Ich nahm ihn heim», sagt Josi Jauch, «pflegte ihn und sorgte daneben für unsere Kinder.» Zum Bergbauernhof, zum Alpbetrieb, zu den sieben Kindern im Alter zwischen ein und elf Jahren kam nun also auch noch die Betreuung ihres invaliden Mannes hinzu. «Ich pflegte ihn 25 Jahre lang, er starb mit 65.»

Für die Bergbäuerin war das eine sehr schwierige Zeit. «Durch das Koma hatte ich von heute auf morgen meinen Mann verloren und einen wildfremden Menschen neben mir. Es gab kein nettes Wort mehr. Nie die Frage: Wie geht es dir? Wie geht es den Kindern? Wie kommst du über die Runden? Es war, als hätte ich ein Kind mehr zu betreuen.»

Josi Jauchs Sohn Felix packt mit an, wo er kann.

Dazu die viel zu kleine Minimalrente, mit der Josi Jauch sich und die Familie durchbringen musste. Sie bestieg die Alp mit den Schafen und führte den kleinen Bauernbetrieb im Dorf Isenthal mit vier Stück Vieh. «So hatte ich Milch für die Kinder und konnte ab und zu ein Rind verkaufen, was mir einen kleinen Zusatzverdienst einbrachte.» Es gab oft Zeiten, in denen sie jeden Franken zweimal umdrehte, bevor sie ihn ausgab, zumal sie einen grossen Teil der Kosten für die Behandlung ihres Mannes selber tragen und jahrelang Schulden abstottern musste.

Und als sie dann endlich alle Schulden abbezahlt hatte, schaffte sie sich eine Kühltruhe an. «Die war mir wichtiger als ein Fernseher oder ein neues Kleidungsstück. Wenn ich im Winter ein Schaf oder ein Schwein schlachtete, war ich nicht mehr auf unsere zentrale Tiefkühlanlage im Dorf angewiesen.»

Ferien konnte sie sich nie leisten. Bis auf die drei Pilgerreisen nach Lourdes und die Spitalbesuche mit ihrem Mann in Zürich kam sie kaum aus dem Isenthal heraus. Dennoch ist sie zufrieden mit dem, was ihr das Leben geschenkt hat. «Es ist eine Gnade, wenn man mit dem, was man hat, zufrieden sein kann», sagt sie. «Ich habe das Leben immer angenommen, wie es ist, Gott sei Dank.»

Und sie hat das Leben gemeistert, brachte alle durch. Besonders freut es sie heute, immer wieder zu hören, dass ihre Kinder gut seien zu ihren Mitmenschen. «Dass sie alle ‹recht herausgekommen› sind und fest im Leben stehen, ist nicht nur mein Verdienst. Die Muttergottes und die Schutzengel haben dabei geholfen», sagt sie.

Josi Jauchs Schwiegertochter und Enkel auf der Alp Oberberg
Zu den grössten Schätzen auf der Alp gehören für Josi Jauch die Kinder ihrer Schwiegertochter Irene, Enkelin Angelina und Enkel Alex. Sie hat insgesamt zwölf Grosskinder.

Als die Zeitungen zum 50. Alpsommer breit über die tapfere Bergbäuerin und Älplerin berichteten und die damalige Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf ihr gar gratulierte, freute das Josi Jauch ungemein. «Ich bewundere Sie, wie Sie trotz allem Schweren, das Sie durchmachen mussten, Ihre Zuversicht und Lebensfreude nicht verloren haben», schrieb die Bundesrätin, «wie Sie, obwohl Sie selbst unendlich viel Kraft brauchten, immer wieder anderen Kraft und Halt gaben.» Josi Jauch lächelt beim Vorlesen des magistralen Schreibens.

Und für sie ist sonnenklar: «Ich gehe so lange ‹z Alp›, wie ich kann.» Inzwischen zwar ein bisschen bequemer: mit dem Helikopter. Das letzte Mal zu Fuss unterwegs war sie vor zwei Jahren, mit 76. Doch ihr Sohn, dem sie die Alp vor einiger Zeit verkauft hat, findet, sie habe das bisschen Luxus verdient nach so vielen Jahren, sie dürfe dieses Geschenk annehmen. Josi Jauchs hellblau-klare Augen leuchten unter dem silbernen kurzen Haar.

Bücher zum Thema: Daniela Schwegler, Stephan Bösch: «Landluft – Bergbäuerinnen im Porträt», Rotpunktverlag, 2017, 256 Seiten, bei Exlibris.ch ; Daniela Schwegler, Vanessa Püntener: «Traum Alp – Älplerinnen im Porträt», Rotpunktverlag, 2013, 256 Seiten, bei Exlibris.ch

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