18. Januar 2018

Die Snowpark-Bauer von Zermatt

Viele Skigebiete locken mit einem Snowpark junge Gäste an. Die Parcours werden von Shapern gebaut, die nur für ihren Sport leben – ein Augenschein in Zermatt.

Freerider in Action: Hier im Sommerpark von Zermatt, unter anderem mit Shaper Andrin Tgetgel und Marcel Brünisholz.

Zermatt, 7.15 Uhr, zwischen der Talstation Furi und Trockenen Steg. Rund 50 Mitarbeiter der Bergbahnen schweben mit der ersten Gondel des Tages zur Arbeit. Mit dabei sind Matteo Ferraris (36), Matteusz Bocian (26) und Andrin Tgetgel (18). Mit ihren langen Haaren und weiten Kleidern fallen sie zwischen den Bergbähnlern etwas aus dem Rahmen. Der Style ist Programm. Die drei arbeiten nicht wie alle anderen Angestellten als Seilbähnler, Mechaniker oder Elektroniker, sondern als Shaper. Sie bauen den Snowpark für Freestyler auf Ski und Snowboards – mit Elementen wie Kickers, Rails und Tubes.

Auch für die Angestellten der Bergbahnen immer wieder ein schöner Anblick: Das Matterhorn fängt die ersten Sonnenstrahlen des Tages ein.

Die Halsschläuche bis über die Nase hochgestülpt und die Mützen tief ins Gesicht gezogen, machen sich die drei vom Trockenen Steg mit dem Sessellift zum Theodulgletscher auf. Auf 3200 Meter über Meer bläst eine steife Brise. Das Panorama hingegen ist grandios: Gegen Westen erstrahlt das Matterhorn im Morgenlicht, im Osten stürzt das Eis über die steile Flanke des Breithorns.

Lieber PS als Muskelkraft

Warwick Martin (25), Dreitagebart und Rossschwanz, hat bereits Stunden zuvor mit der Pistenmaschine den Schnee zwischen den Elementen präpariert. Jetzt schiebt er mit seiner 530-PS-Maschine Schnee oberhalb des Parks herum. Hier soll ein Funpark mit kurvigen Hügeln entstehen. Warwick war früher selber Shaper und weiss, was zu beachten ist. Handarbeit sagte ihm aber nicht so zu, er steht auf starke Motoren. «Look, das ist wie Gamen, aber eben in Reality», sagt er in einem Mischmasch aus Englisch und Schweizerdeutsch. Dann greift er nach dem Joystick, mit dem er die tonnenschwere Maschine steuert.

Warwick, Herr über 530 PS: «Look, das ist wie Gamen, aber in Reality.»

Während Warwick der Mann für das Grobe ist, machen Matteo, Matteusz und Andrin die Feinarbeit. Mit der Konzentration eines Kunstmalers zieht Matteo das Shaper-Tool, eine gezackte Schaufel mit langem Stil, durch den Schnee. Bald werfen feine Rillen einen leichten Schatten ins Weiss rund um die Schanzen: «Das sieht nicht nur gut aus, sondern dient auch der Orientierung – und Safety kommt immer first», erklärt er zum Teil auf Englisch.

Headshaper anstatt Architekt

Später wird Matteo in der Shaper-Garderobe, einem fensterlosen Raum auf dem Trockenen Steg, wo es nach feuchten Skisocken riecht, von seinen Verletzungen erzählen: Darunter sind ein Lendenwirbelbruch, mehrere Blessuren an Knie und Ellenbogen, und Schultergelenke, die immer wieder mal auskugeln. Er lacht und sagt: «Der Fehler lag immer bei mir, wenn etwas passierte.» Er sei jeweils einfach nicht ganz bei der Sache gewesen. Nicht nur Matteos Narben, auch seine Tattoos sind Erinnerungen an die Verletzungen: Ein Skelett symbolisiert die Knochenbrüche, ein Pirat die wilden Ritte über die weissen Wogen.

Matteo hat Tattoos wie ein Pirat: Sie symbolisieren seine wilden Ritte über die weissen Wogen.

Matteo stammt aus Turin und hat für das Snowboarden ein Architekturstudium abgebrochen. Er war auf dem Brett so gut, dass er für Shootings gebucht wurde und noch heute einen Sponsor hat. Bereut hat er seinen Entscheid für den Schnee nie: «Anstatt Häuser baue ich jetzt Schanzen und seit ich in der Schweiz arbeite, kann ich sogar davon leben.» Als Headshaper verdient er 4500 Franken im Monat.

Matteusz würde mit einem 100-Prozent-Pensum auf 3600 Franken kommen, hat aber nur ein halbes Pensum. Der Warschauer hat in seiner Heimat einige Jahre lang als Studiofotograf gearbeitet: «Ich hatte einen Nine-to-Five-Job und einen guten Lohn.» Zum Shapen in die Schweiz sei er nicht des Geldes wegen gekommen, sondern aus Leidenschaft für den Sport. Der Fotograf betreut auch den Instagram-Auftritt des Parks.

Die Community liked Fotos auf dem Account «Snowparkzermatt» im Schnitt rund 500-Mal, Videos begeistern zuweilen sogar über 5000 Personen.

Einer der beliebtesten Clips – mit über 6000 Aufrufen – zeigt Andrin, wie er auf Ski über Rails und Tubes durch den Snowpark gleitet oder shredded, wie es im Freestyle-Slang heisst. Andrin stammt aus Laax und hat seine Fans mit nach Zermatt gebracht, via Social Media.

Klick-Maschine: Die Fotos und Clips mit Sprüngen von Andrin Tgetgel generieren auf Social Media besonders viel Beachtung.

Andrin hat im vergangenen Jahr eine Lehre als Schreiner abgebrochen. Das Shapen ist für ihn eine Zwischenlösung: «Meine Eltern hatten gar keine Freude, aber sie sind froh, dass ich jetzt nicht einfach rumhänge.» Es ist ihm bewusst, dass er noch eine Ausbildung abschliessen sollte, weiss aber noch nicht, welche: «Ich bin auf der Suche und hoffe, dass mich das Shapen irgendwie in die richtige Richtung lenkt.» Immerhin: Im Snowpark feilt der Bündner nicht nur am Schnee, sondern übt auch sein Englisch, das er erstaunlich gut spricht, wenn man bedenkt, dass er die Schule mit 16 verlassen hat.

Vorbilder für die Kleinen

Um 10.30 Uhr haben Matteo, Matteusz und Andrin im Park sämtliche Schanzen nachgebessert und sitzen zwecks Testride auf dem Sessellift. Da sie keine neuen Elemente gebaut haben, ist das Testen theoretisch unnötig, aber hat die Crew auch den Auftrag, die Gäste zu animieren: «Oft sind es die Kinder, die ihre Eltern erst überreden müssen, doch einen Abstecher in den Park zu machen. Wenn die Erwachsenen an unserem Beispiel sehen, dass die Kickers harmlos sind, willigen sie eher ein.»

Infotafeln der Bergbahnen: Auch im Snowpark gelten Regeln.

Obwohl die Shaper ihren Snowpark gern als autonome Zone sehen würden, unterstehen sie den Weisungen der Bergbahnen. Im Winter haben die Jungs den klaren Auftrag, das Niveau tief zu halten und den Park kinder- und einsteigerfreundlich zu gestalten.

Im Sommer, wenn sich der Snowpark nochmals mehr als 1000 Höhenmeter weiter oben, auf dem Matterhorn Glacier Paradise, befindet, haben die Shaper mehr Gestaltungsspielraum. Dann nämlich kommen die Cracks und Profis der Szene, und die gehen grössere Risiken ein. Für die Shaper-Crew bedeutet das viel mehr Arbeit, weil es für grössere Hindernisse mehr Schnee zu schaufeln gibt und dieser in der Sommersonne erst noch viel schwerer ist und schneller wegschmilzt.

Abends in der Shaper-WG

In der vergangenen Sommersaison hat Marcel Brünisholz (28) so viele Überstunden angehäuft, dass ihm sein Chef momentan verboten hat, sich im Skigebiet zu zeigen. Der Berner Oberländer ist seit zehn Saisons dabei und das Brain der Truppe. Er hat für die Shaper bessere Löhne ausgehandelt, ein Haus in Zermatt organisiert – und er entwirft jeweils den Parcours und setzt die genaue Abfolge und die optimalen Distanzen zwischen den Elementen fest.

«Um von den Bergbahnen ernst genommen zu werden, mussten wir uns professionalisieren», erzählt der gelernte Mediamatiker abends am Küchentisch in der Shaper-WG, einem Chalet am Waldrand. «Der Park ist Werbeträger, ein wandelndes Poster, gerade im Sommer, wenn andere Skigebiete bereits geschlossen haben», sagt er mit gedämpfter Stimme, was seinen Worten irgendwie noch mehr Gewicht verleiht. Die Kids verfolgten den Betrieb auf dem Gletscher auch in der warmen Jahreszeit, dann gäbe es Posts, die in der relevanten Zielgruppe rund eine Viertelmillion User erreichen würden – und das im Vergleich etwa zur Plakatwerbung am HB Zürich – für praktisch kein Geld.

Marcel Brünisholz: «Der Park ist ein Werbeträger, ein wandelndes Poster.»

Marcel betrachtet es als seine Mission, den Verantwortlichen bei den Bergbahnen aufzuzeigen, wie Werbung in Zeiten von Facebook und Instagram funktioniert. Dafür bringt er grosse Opfer: «Ich trage meine Haare jetzt kurz und die Hosen nicht mehr an den Knien.»

Die Strategie scheint aufzugehen. Auf Anfrage meint Markus Hasler (59), CEO der Zermatt Bergbahnen: «Der Snowpark ist für uns unter anderem ein Marketinginstrument und eine Investition in die Jugend.» Er würde den Einsatz der Shaper-Crew sehr schätzen, auch wenn die Jungs nicht immer die einfachsten Angestellten seien: «Das sind schräge Vögel, die zuweilen auf Wolke sieben schweben – aber eben auch mit Leib und Seele dabei sind.»

Würde der CEO je um 22 Uhr abends in der Shaper-WG auftauchen, wäre er wahrscheinlich erstaunt: keine Party und kein Qualm. Um diese Uhrzeit haben sich alle schon in ihre Einer- oder Zweierzimmer zurückgezogen, sogar die Küche ist aufgeräumt. Trotz viel Freestyle gibts auch hier klare Regeln, eine davon ist auf A4 und in grossen Lettern an den Schrank geklebt: «Fucking wash your shit after using!»

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Max spielt Fussball und sammelt allerlei Fanartikel

Max will Fussball spielen wie Barnetta

Maude Mathys oberhalb von Ollon

Maude Mathys kennt Diät nur als Fremdwort

Bagno Popolare

Die neue Freiwilligenarbeit

Jugendliche in der Feuerwehr

Luca will bei der Feuerwehr Leben retten