24. Dezember 2012

Die Schweizer Box-Legenden

Alain Chervets Onkel Fritz war der bekannteste, doch in den letzten 40 Jahren brachte die Schweiz noch weitere Profiboxer(innen) mit Titelkampf-Erfahrung hervor. migrosmagazin.ch stellt sechs vor. Fazit: Der eine oder andere nach Chervet verlor in Ring und Leben danach öfters den Fokus, zwei Frauen feierten die grössten Erfolge.

Stefan Angehrn 2000 gegen Christophe Girard  (Bild Keystone)
Stefan Angehrn 2000 gegen Christophe Girard (Bild Keystone)
Fritz Chervet wird im März 1972 von Fans gefeiert
Fritz Chervet wird im März 1972 von Fans nach seinem siegreichen EM-Kampf gegen den Italiener Fernando Atzori gefeiert. (Bild Keystone)


FRITZ CHERVET: Die Berner «Fliege»
Statistik: 70 Kämpfe, 58 Siege, 2 Unentschieden, 10 Niederlagen
Grösste Erfolge:Mehrfach Europameister, zwei knapp verlorene WM-Titelkämpfe 1974 gegen Chartchai Chionoi (Thailand). Im ersten musste er nach einem Cut in Runde 4 aufgeben, der zweite im Hallenstadion war hochklassig und ausgeglichen, gilt als wohl bester WM-Kampf eines Schweizers überhaupt.

Chervet trat wegen Unstimmigkeiten mit Trainer Charly Bühler 1977 mit 34 Jahren zurück, obschon er einen zweiten WM-Kampf in Aussicht hatte. Danach wurde der 1,64 m grosse Stadtberner aus dem Weissenbühlquartier noch bis zur Pensionierung 2007 Bundesweibel und war bei den Nationalräten ebenso beliebt wie in der Sportszene zuvor.

Er verkörperte den eleganten, in der Deckung taktisch herausragenden und überraschend 'zustechenden' Boxer. Den Übernamen «Fliege» trug er nicht allein wegen der schon fast fürs Fliegengewicht filigranen Statur, sondern wegen seinem Stil, der mehr Kunst als Kampf verkörperte. Er war kaum verletzt und zog sich keine gesundheitlichen Folgeschäden der Karriere zu, da er laut Bühler «kaum 50 richtige Kopftreffer einstecken musste».

Enrico Scacchia 1985 auf dem Höhepunkt seines Könnens
Enrico Scacchia (r.) 1985 auf dem Höhepunkt seines Könnens: Sieg im Halbschwergewicht gegen Tony Harris durch technischen K.o. Den folgenden EM-Kampf verliert er aber. (Bild Keystone)


ENRICO SCACCHIA: «Rocky» ohne Lizenz
Statistik: 52 Profikämpfe, 41 Siege (26 K.O.), 3 Unentschieden, 8 Niederlagen
Grösste Erfolge: Kämpfte zweimal um die Halbschwergewichts-Europameisterschaft EBU, unterlag Said Skouma 1985 und Alex Blanchard 1987, dreimal Schweizer und einmal (1990) italienischer Meister

Draufgänger Scacchia gilt lange als smarter Boxer, neben dem Ring gelingt auch einmal eine Filmrolle, ein Hitparadenlied seiner bisherigen Biografie mit 22 ('Mis Läbe', 1985) und Glamour-Auftritte als 'Schöner Enrico'. VOn 1982 bis Mitte 1985 reiht er in 25 Antritten 24 Erfolge aneinander. Wie auch noch später bringen Interviews mit dem intelligenten Sportler oft Hintergründiges und Reflektiertes ans Tageslicht.

Doch er zerstreitet sich mit Coach Bühler, wechselt mehrmals die Gewichtsklassen und verliert in Genf unter Daniel Perroud nach 1986 mehrmals. Am Stephanstag 1986 rettet er gegen den finnischen 'Tank' Uusivirta im offenen Schlagabtausch das Remis, kann sich danach aber an nichts mehr erinnern.
Gegen Ende der Karriere wird ihm vom Schweizer Verband aus gesundheitlichem Gründen die Lizenz entzogen, worauf er mit Beleidigungen und Prozessen reagiert und vor dem Rücktritt gar noch kurz für Italien in den Ring steigt. Nach Jahren z.B. als Taxifahrer zeigt sich der zweifache Vater heute meist geläutert, lebt mit einer Tochter in Bern, kam aber wegen Beleidigung einer Politikerin vor wenigen Jahren wieder vor Gericht und wurde verurteilt.

Angehrns harter Kampf gegen Christophe Giraudin in St.Gallen 2000
Angehrns (r.) harter Kampf gegen Christophe Giraudin in St.Gallen 2000. Er muss später aufgeben. (Bild Keystone)

STEFAN ANGEHRN: Angreifer ohne Plan B
Statistik: 25 Profi-Fights, 19 Siege (10 K.O.), 1 Unentschieden, 5 Niederlagen
Grösste Erfolge: Die beiden verlorenen WM-Titelkämpfe im Cruisergewicht gegen den Deutschen Ralf Rocchigiani 1996 und 1997, IBF-Intercontinental-Champion 1998 (Sieg gegen Dan Ward) und Sieg gegen Thorsten May (D)

Nur gut ein Jahr nach Scacchia geboren (Ende 1964), eroberte der Frauenfelder die höchsten Profistufen klar später, aber gründlicher und mit mehr Geduld. Speziell die Kämpfe gegen Rocchigiani und May brachten ihm Respekt bis über die (nördlichen) Landesgrenzen hinaus. Erst 2000 trat er zurück, seither machte er allerdings vorab mit der Trennung von Frau Renate, grossen Schulden, dem Verkauf von amerikanischen Nahrungs-Ergänzungsmitteln, einem Unternehmen für Prominenten-Vermittlung (einige wussten dummerweise nichts davon) und der Involvierung in einen Schenkkreis (mit dem Mordfall Dubey 2009 hatte er nichts zu tun) von sich reden.

Angehrn sicherte sich während seiner Aktivzeit dank seiner kämpferisch-ehrlichen, bisweilen kompromisslosen Art ohne Hintergedanken und Plan B viele Sympathien. A propos: Seine geschäftlichen Schwierigkeiten versuchte er mit der Herausgabe des Schuldenratgebers Plan B –Wie man seine Schulden auf null bringt, wenigstens auch für Einnahmen zu nützen...

Yves Studer im harten Duell mit dem Weissrussen Siarhei Khomitski
Yves Studer (l.) im August 2011 im harten Duell mit dem Weissrussen Siarhei Khomitski um die Mittelgewichtskrone des IBF-Verbands. (Bild Keystone)

YVES STUDER: Ohne Niderlage und WM-Kampf
Statistik: 29 Profikämpfe, 27 Siege (6 K.O.), 2 Unentschieden
Grösste Erfolge: Welmeister im Mittelgewicht des kleinen Verbands IBC, Meister der europäischen Nicht-EU-Staaten und Ost-West-Europameister Ende 2011 nach IBF. Genau diese Organisation versperrte ihm jedoch den Weg zum grossen WM-Titelkampf.

Vor allem das Nicht-zustande-Kommen des Duelles mit dem IBF-Titelhalter Danny Geale (Aus) brachte den von Bruno Arati (Klub «Boxingkings» Bern und Bühlers Kontrahent) trainierten Freiburger, der später nach Spreitenbach zügelte, im Sommer 2012 zum Karrierenabbruch mit gerade einmal 30 Jahren.

Allerdings hatte der taktisch bestens geschulte Boxer, der zwar nicht viele K.O.-Siege erreichte, aber noch viel weniger in Gefahr eines gegnerischen K.O. oder nur schon einer klaren Niederlage nach Punkten geriet, auch mit einer langwierigen Ellbogen-Verletzung zu kämpfen. Yves Studer 'schaffte' es ohne eigenes Zutun, unbezwungen nach Kämpfen gegen respektable Gegner nie die Chance zu einem WM-Fight der grossen Verbände WBA, WBC, IBF oder WBO zu erhalten.

Die seit ein bis zwei Jahrzehnten immer undurchschaubaren Positionierungskämpfe der Verbände (es gibt daneben noch weitere kleinere) und Verbands-interne Unregelmässigkeiten produzieren stets mehr Sportlerschicksale wie jenes von Studer.
DIE FRAUEN

Christina Nigg holt sich 1998 den IBC-Weltmeistertitel
Die zweifache Mutter Christina Nigg (l.) holt sich 1998 den IBC-Weltmeistertitel gegen die Mexikanerin Elisa Sanchez. (Bild Keystone)

CHRISTINA NIGG: Schweizer Pionierin
Grösster Erfolg: 1997 Weltmeisterin im Superfedergewicht, 1996 erste lizenzierte Schweizer Boxerin und danach Berufsboxerin überhaupt

Die Box-besessene Christina Nigg spielte in der Schweiz und zusammen mit Ulrike Heitmüller (D) auch im deutschsprachigen Raum eine Pionierrolle für das Frauen-Boxen. 1996 erhielt sie nach spezieller Einführung eines Zusatzreglements die erste Boxlizenz für eine Amateurin. Damit nicht genug: Ein Jahr später wurde sie dank einer in Nevada (USA) ausgestellten Lizenz Berufsboxerin, damals war dies in der Schweiz für Frauen schlicht verboten. Bereits zwei Jahre früher wurde die kämpferische Mutter zweier Kinder in Amerika erste Schweizer Weltmeisterin, im Superfedergewicht, und schrieb dank ihrem auch ennet dem grossen 'Teich' geschätzten Kampfgeist, zäher Ausdauer und über Jahre aufgebauter Technik Schweizer Sportgeschichte. Als die eidgenössischen Funktioniäre angesichts ihres Erfolgs und einiger Medienberichte das Frauenboxen im professionellen Rahmen akzeptieren mussten, konnte Nigg auch noch in der Heimat Titelkämpfe bestreiten, etwa den erfolgreichen gegen Elisa Sanchez 1998 oder einen weiteren 1999 mit neuerlichem WM-Titel im Superfedergewicht. 2000 trat sie zurück, seither arbeitet sie als Leiterin eines Fitnessstudios sowie im 'Fitness-Boxen' in Steffisburg und kümmert sich nebenbei um den Box-Nachwuchs.

Weltmeisterin (nach WIBF und GBU) Aniya Seki (r.) setzt der Ungarin Eva Marcu im Juli 2012 schwer zu. (Bild Keystone)

ANIYA SEKI: Champ mit zwei Gürteln
Statistik: 25 Profikämpfe, 21 Siege, 2 Unentschieden, 2 Niederlagen
Grösster Erfolg: Erreichen der WM-Gürtel von WIBF und GBU im Superbantamgewicht, Welt-Nummer 1 nach WEBF und Nummer 2 nach IBF

Die Berner Fitnessinstruktorin (1979 in Japan geboren) kann ein gutes Jahrzehnt später von der Vorläuferin Nigg profitieren und betreibt den Boxsport auf noch professionellerer Stufe, nicht zuletzt auch mit einer mittlerweile noch breiter gewordenen Weltspitze in der Bantam-Gewichtsklasse. Seki bezwang Anfang Juli 2012 die Ungarin Eva Marcu souverän nach Punkten und verteidigte nicht nur ihren Weltmeistertitel im Superbantam-gewicht (bis 55,225 kg), sondern holte sich den vakanten nach WIBF gleich noch hinzu.

Als erste Faustkämpferin der Schweizer Boxgeschichte ist sie im Besitz von gleich zwei WM-Gürteln. Beim mitreissenden Fight versuchte Marcu mit einigen Kopfstössen und anderen nach Regelbuch teils unsauberen Infightmethoden die Überlegenheit Sekis zu beenden, doch trotz Atemproblemen nach einem solchen Kopftreffer blieb sie «gelassen und stets konzentriert». Das war für sie der Schlüssel zum Erfolg.

Am selben Boxing Day in Bern, an dem Alain Chervet sein Profidebut gibt, verteidigte sie am 26. Dezember 2012 im Kursaal den WIBF-WM-Gurt im Superbantam und sicherte sich gegen die chancenlose Ukrainerin Oksana Romanova auch noch den vakanten WBC-Silbergürtel. Dank diesem kann sie hoffen, in einem der wichtigsten Verbände bald zu einem WM-Kampf im Superbantam zu kommen.


Natürlich kannte die Schweiz weitere hervorragende Box-Cracks, vorab vor und bis zu den Zeiten von Fritz Chervet, zum Beispiel Max Hebeisen in den 60er-Jahren oder auch die noch immer aktive Berner Trainerlegende Charly Bühler.

Weitere Infos zum Schweizer Boxen: www.swissboxing.ch

Das Portal mit den Statistiken unzähliger Boxer: www.boxrec.com

Benutzer-Kommentare