02. November 2017

Die schönste Schwarzhalsziege

Es gibt Schönheitswahlen für Frauen und Männer, für Hunde und Kühe – und im Wallis auch für Ziegen. Auf die alljährlich stattfindende Ziegenortsschau im Oktober bereiten die Züchter ihre Tiere intensiv vor: sechs Stunden Haare föhnen und stundenlanges Bürsten inklusive.

Ein Mann mittleren Alters mit Gelfrisur läuft hastig über den Platz. Aus seiner linken Hosentasche ragen eine Bürste und ein pinkfarbener Haarspray. New York Fashionweek, könnte man denken, doch die Szene spielt sich im Walliser Dorf St. Niklaus ab, und statt Models frisiert der Mann Ziegen.

Keine gewöhnlichen, sondern die Walliser Schwarzhalsziegen, die mit ihren langen Haaren aussehen, als hätte sie jemand kopfüber in schwarze Farbe getunkt. Ihre vordere, schwarze Körperhälfte wird durch eine scharfe Linie vom weissen Rest getrennt. Und heute muss jedes Haar sitzen und glänzen – für die Ziegenortsschau, an einem von drei Terminen im Jahr, an denen Experten die Schönheit der Schwarzhalsziegen bewerten.

St. Niklaus, 13 Uhr: Die Frisur hält ...

Einige Stunden zuvor und viele Meter über St. Niklaus ist Erich Fux nervös. Obwohl der 46-Jährige mit seinen Tieren schon seit vielen Jahren an der Schau teilnimmt, kribbelt es ihn, wenn er an den heutigen Nachmittag denkt. Fux kniet auf dem Boden vor seinem Ziegenstall, neben ihm steht ein Podest und darauf eine seiner Ziegen.
Während Sohn Luca ihr Bein anhebt, sucht Fux nach schwarzen Haaren, die er mit einer Pinzette zupft. «Einmal bekam eine Ziege Punktabzug, weil sie im weissen Teil schwarze Haare hatte. Seither achte ich da genau drauf.»

Erich Fux besitzt 25 Schwarzhalsziegen, neun davon will er heute prämieren lassen. Bereits am Vortag hat er zusammen mit seiner Frau Mireille (43) die Tiere in der Badewanne gewaschen. «Mit Schmierseife, Weichspüler und Handy aus der Migros, damit erzielen wir den besten Glanz», erklärt Mireille Fux.
Nach dem Bad habe es zum Glück gewindet, so trocknete das nasse Fell der Ziegen von selbst. «In einem anderen Jahr regnete es fürchterlich. Da war ich mit einer Freundin sechs Stunden lang damit beschäftigt, die Tiere zu föhnen», sagt sie und lacht.

Um das Bürsten der Haare kommt man hingegen nicht herum. «Gestern haben wir für die eine Ziege zu dritt eine Stunde gebraucht», sagt Mireille Fux. Sie glaube schon, dass die Ziegen merken, wenn eine Prämierung anstehe. «Und ich bin mir auch sicher, dass unsere schönste Ziege weiss, wie gut sie aussieht.»
Ihr Mann kontert sofort: «So ein Seich.» Er glaubt nicht, dass sich die Ziegen gross um ihre Schönheit scheren. Umso wichtiger ist die Prämierung für ihn selbst. «Ich nehme mir jedes Mal vor, ruhig zu bleiben, aber dann werde ich doch wieder nervös», sagt er, der schon frühmorgens die Weste des Ziegenzuchtvereins St. Niklaus trägt.

Ein zeitaufwendiges Hobby

Die meisten der Walliser Schwarzhalsziegenzüchter sind keine Bauern. Fux ist eigentlich Maurer und betreibt das Ziegenzüchten als Hobby, wie es schon Generationen vor ihm getan haben. Im Sommer sind die Ziegen auf der Alp, da schaut er nur etwa alle zwei Wochen nach ihnen. Im Winter, wenn die Ziegen im Stall sind, kümmert er sich täglich etwa zweieinhalb Stunden um sie.

Seine Frau Mireille helfe zwar mit, so wie auch die beiden Söhne Luca (14) und Alessio (12). Die seien aber mit Ski- und Fussballtraining schon stark ausgelastet. «Es ist ein zeitaufwendiges Hobby», sagt Fux. Doch es lohne sich, wenn die Ziegen gute Bewertungen erhielten, findet er und sucht vor dem Stall nach dem Haarspray. Vor ihm steht die jüngste Ziege, die heute ihre Punkte bekommen wird. «Die jungen haben an den Beinen wenig Haare, darum müssen wir dort toupieren und alles mit Haarspray fixieren. So sieht es nach mehr aus.» Statt etwas streng nach Ziege riecht es jetzt wie in einem Coiffeursalon.

Mit Haarspray fixiert Fux die toupierten Haare.

Ein paar Stunden später, gegen 13 Uhr, steht Herbert Volken (48) im grünen Kittel auf der Wiese, die Ziegenortsschau hat begonnen. Ein weisser, runder Aufnäher lässt keine Zweifel an Volkens Funktion, «Experte». Zusammen mit drei anderen Männern bewertet er die Schwarzhalsziegen. «Es ist wichtig, dass wir das sehr sorgfältig tun. Die Züchter geben sich viel Mühe mit der Vorbereitung, darum müssen auch wir uns Mühe geben.» Am Ende des Tages wird Volken etwa 130 Ziegen bewertet haben. Kriterien sind neben der Farbe auch die Grösse und der Gang der Ziege.

Ein Tätscheln für die Ziegenmiss

Zuerst sind die jungen ungeduldigen Ziegen dran: «Schau mal, die Haare berühren hinten den Boden. Die hätte man doch schneiden sollen, oder?» – «Nein, das zeigt, dass die Geiss guten Haarwuchs hat.» Neben Volken fachsimpeln Züchter, Dorfbewohner und andere Interessierte. Dazwischen stehen zankende Ziegen, die ihre Hörner wetzen.

Dann kündigt eine Mikrofonstimme die Ziegenmisswahl an, ein zusätzliches Highlight des Tages. Gewählt werden eine Miss Grüenochte, eine Miss Capra Sempione und eine Miss Kupferhals. Die Siegerinnen sind ebenso aufwendig gestylt wie nebenan die Schwarzhalsziegen. Beklatscht wird so vor allem die Arbeit des Züchters. Für die Ziegen gibt es ein anerkennendes Tätscheln.

Die drei schönsten Grüenochte-Ziegen
Die drei schönsten Grüenochte-Ziegen zeigen sich dem Publikum. Die Züchter ernten anerkennenden Applaus.

Inzwischen ist auch die Prämierung der Schwarzhalsziegen beendet. Experte Volken lässt verlauten, dass der Ziegenzuchtverein St. Niklaus besonders schöne Ziegen gezeigt hat. Vor dem Holzbrett mit den Resultaten herrscht grosses Gedränge.

Familie Fux ist sehr zufrieden: «Zwei Tiere haben die volle Punktzahl erreicht. Vier Mal gab es einen Punkt Abzug, drei Mal zwei Punkte», bilanziert Mireille Fux. Starallüren hätten die Ziegen nach dem Event keine gezeigt. «Ich glaube, sie waren einfach froh, dass sie wieder in die Berge durften.» 

Der nächste Event für die Schwarzhalsziegen findet am 11. November in Visp statt. An dieser Leistungsschau werden die Ziegen nicht nur prämiert, sondern auch rangiert.

föhnfrisiert warten die Ziegen
Schön föhnfrisiert warten die Ziegen auf ihren grossen Moment und vertreiben sich die Zeit mit kleinen Zankereien.

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