24. Februar 2020

Die Schmiedin ihres eigenen Glücks

Die Ringe und Ketten von Nicole Kim waren an der Fashion Week in Paris und in der deutschen «Vogue» zu sehen. Die Schmuckdesignerin hat ihr Handwerk in der Klubschule Migros gelernt. Wie hat sie das gemacht?

Nicole Kim in ihrem Atelier
Eine stille Schafferin: Nicole Kim in ihrem Atelier in der Zücher Binz.

Ohrringe sind es, ganz einfache Stecker. Der erste Schmuck, an den Nicole Kim sich erinnern kann. Mit ihrer Tante Anni war sie in ein kleines Shoppingcenter in der Region gefahren, um sich Ohrlöcher stechen zu lassen. Daran, dass sie überhaupt welche wollte, kann sie sich nicht erinnern. Sie kannte kein anderes Kind mit Ohrringen. Von nun an strahlten die Stecker links und rechts des vierjährigen Gesichts. Ob sie golden oder silbern waren, das weiss sie heute nicht mehr.

Nicole Kim, inzwischen 32 Jahre alt, sitzt in ihrem Atelier in der Binz in Zürich. Die obere Hälfte der langen schwarzen Haare ist zu einem Knoten gebunden, die Ohren liegen frei. Kleine goldene Kreolen baumeln daran. Am rechten Ohr hängen zudem zwei Ear Cuffs, kleine Klammern, alles aus der eigenen Kollektion. Die kleine schlanke Frau trägt weisse Veja-Turnschuhe, eine dunkle weite Jeans und ein blaues Manchester-Jäckchen.

Das Entwirren liegt ihr
Nicole Kim hat eine ruhige Stimme. «Ausser diesen Ohrringen spielte Schmuck in meiner Kindheit keine grosse Rolle», sagt sie und schaut auf ein paar unfertige Stücke, die vor ihr auf der Arbeitsfläche liegen. Sie müssen noch gehämmert, gelötet, geschliffen und poliert werden. Natürlich, manchmal probierte sie die Ringe und Ketten ihrer Mutter an, mit der sie in Schlieren ZH aufgewachsen ist. Vielmehr aber waren es feine, genaue Arbeiten, die sie schon immer faszinierten. «Nifeliarbeit» nennt sie das. Die meisten Leute ärgern sich, wenn sie einen Knopf in der Kette oder in den Kopfhörerkabeln haben. Nicole Kim freut sich, das Entwirren liegt ihr. Sie hat, wortwörtlich, ein gutes Fingerspitzengefühl.

Kunst war in der Schule Nicoles Lieblingsfach. «Von der Primarschule bis zum Ende des Gymis war mir und allen anderen klar, dass ich Kunst studieren werde.» Doch dann war da plötzlich diese Unsicherheit. Welche Art von Künstlerin wollte sie werden? Und verdient man damit genug, um über die Runden zu kommen? Keine Ahnung. Nicole Kim studierte also Soziologie. Ihr Glück ist, sagt sie, dass sie viele Interessen hat. Sie fand das Studium spannend und landete im Marketing. Das machte ihr zwar Spass, aber es war halt ein Bürojob. Sie vermisste die Arbeit mit den Händen.

Es ist im Winter 2015, als Nicole Kim sich für einen Goldschmiedekurs in der Klubschule Migros anmeldet. «Ich hatte keine grossen Ambitionen. Es war kalt draussen, und ich wollte etwas Neues machen.» Immer donnerstags von 19 bis 21.50 Uhr sitzt sie nun in einem Kursraum bei der Migros Wengihof und schleift, feilt und sägelt. Meistens will sie gar nicht mehr nach Hause gehen.

«Ich erinnere mich sehr gut an Nicole», sagt ihre damalige Klubschulleiterin Michèle Froidevaux. Es habe sie beeindruckt, wie schnell sie alles verstanden hat und wie begabt sie war. «Sie hat in kurzer Zeit viele Fortschritte gemacht und sich mutig an schwierige Aufgaben gewagt.» Nicole sei eine wissbegierige Schülerin gewesen, sympathisch und ruhig – eine stille Arbeiterin.

Es braucht eine ruhige Hand
Da brauchts eine ruhige Hand: Ein Ring wird stark erhitzt.

Ein Jahr, eine Kollektion
Lange spielt Nicole Kim mit dem Gedanken, alles auf eine Karte – eine Kette? – zu setzen und es als selbständige Schmuckdesignerin zu versuchen. 2018 tut sie es einfach. Sie sucht sich einen Job im Service, um ihre Fixkosten zu decken. Durch Zufall lernt sie eine Frau kennen, die ein Atelier mit Goldschmiedegeräten in der Binz hat und es nicht mehr benötigt. Nicole Kim kommt hier unter. Ein Glück, denn die Neuanschaffung aller Werkzeuge wäre mit hohen Kosten verbunden. Ende des Jahres steht die erste Kollektion.

Das klingt simpel, doch die Zeit davor ist intensiv. «Ich musste viel Recherchearbeit leisten. Mein Schmuck sollte nachhaltig sein, und ich musste herausfinden, wo ich recyceltes Material herkriege.» Sie probiert viel aus, formt und verwirft. Als sie ihren Schmuck in die grosse weite Welt des Onlinehandels schickt, denkt sie: «Krass! Ein ganzes Jahr Arbeit, und jetzt?» Alles kommt gut. Das Feedback ist positiv, Bestellungen trudeln ein.

Dann taucht eines Tages diese Nachricht bei Instagram auf: Die koreanische Jungdesignerin Nina Yuun fragt nach einer Zusammenarbeit. Die Frauen treffen sich und finden sich schnell: Ihre gemeinsame Kollektion heisst Heimat. Sie dürfen ihre Entwürfe an der Mode Suisse zeigen – und werden nur einen Monat später zur Fashion Week nach Paris eingeladen. Im vergangenen Herbst verbringen sie eine Woche in der Modemetropole und stellen ihre Stücke in einem Showroom aus. Wenn es einmal läuft, dann läufts: Kurze Zeit später erscheint die Kollektion in der deutschen «Vogue».

Ein Ohrring aus der Kollektion «Heimat»
Ein Ohrring aus der Kollektion «Heimat»


Konzentration statt Schwindel
Von der Klubschule über die Fashion Week in die «Vogue»: Da könnte einem schwindelig werden. Doch Nicole Kim ist nicht der Typ dafür, seelenruhig sitzt sie in ihrem Atelier und poliert einen Ring aus der ersten Kollektion. Momentan ist sie oft genauso anzutreffen; konzentriert bei der Arbeit. Denn irgendwann müssen all diese Schmuckstücke ja entstehen, die Privatkundinnen sowie Läden bestellen.

Manchmal übernimmt Nicole Kim auch Spezialanfertigungen. Sie steht auf und holt einen Anhänger aus einer Schublade, auf den ein Schutzengeli graviert ist. Sie kreierte ihn für ein Baby. Weil er so gut gefiel, bestellten die Eltern gleich für jedes Familienmitglied einen. So scheint das in Nicole Kims Karriere zu laufen: Eins führt zum anderen. 

Info: hanakim.ch

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