10. Februar 2018

Die Schafe von nebenan

Unsere Kolumnistin kriegte früher kein hartes Brot zu essen – die Tiere auf der nächsten Weide aber schon.

Schöfli machen glücklich
«Määh, määh»: Schöfli machen glücklich. (Bild: Unsplash.com)
Lesezeit 2 Minuten

Denke ich an meine Kindheit, kommt mir hartes Brot in den Sinn.
Aber nicht so, wie Sie vielleicht denken. Wir konnten uns immer frisches Brot leisten – und das alte habe ich nur sehr selten selbst gegessen. (Der Standardspruch meines Vaters, wenn wir uns über ein zwei Tage altes Mütschli beklagten: «Brot ist nicht hart. Kein Brot, das ist hart.»)

Ganz nach Papis Motto haben wir unser altes Brot jeweils in kleine Stücke geschnitten und in eine Schüssel getan. Damit sind mein kleiner Bruder und ich aufgeregt zur Haustür hinausgestürmt. Direkt neben unserem Haus lag nämlich eine Schafweide. Und wir liebten es, die Schöfli zu füttern!

Im Nachhinein glaube ich, dass wir den Traum von vielen Stadteltern lebten. Wenn diese mühsam ihren Kinderwagen mit dem heulenden Leonard-Sébastien ins Tram hineinbugsieren, die gestressten Mitstädter mit den Augen rollen, ein Betrunkener sie anpöbelt und ein bisschen nach dem Kinderwagen tritt, dann denken die Stadteltern doch: Auf dem Land könnte Leonard-Sébastien jetzt Schafe füttern und strahlen vor Freude.

Laut Befragungen sehnen sich 70 Prozent der Schweizer nach einem Leben auf dem Land. Ob berechtigterweise oder nicht – ich kann immerhin eines bestätigen: Schöfli machen glücklich. «Määh, määh» machte die Horde, wenn wir uns näherten. Und «määh, määh» machten wir zurück, in der Hoffnung, dass sie uns verstehen. Wir hielten ein Brotstück nach dem anderen unter die Mäuler, streichelten über das wollige Fell. Und von den herzigen Lämmchen fange ich jetzt gar nicht erst an – den Stadteltern ­zu­liebe. Sie verpassen sonst vor lauter Tagträumerei die nächste Tramhaltestelle.


Das Video zu «Stadt, Land, Stutz»:

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