06. Juni 2020

Die Savanne lebt

Der Zoo Zürich öffnet seine Tore mit einer neuen Attraktion: der Lewa-Savanne. Die Anlage ist die Frucht einer freundschaftlichen Verbindung zwischen Kenianern und Zürchern und eines umfassenden Hilfsprojekts.

Savanne im Zoo Zürich
Szenen aus der Lewa-Savanne: Nashornrunde im neuen Aussenbereich des Zoo Zürich (Bild: Goran Basic/Zoo Zürich)

Eine Elefantenherde zieht in der Ferne vorbei, Gazellen grasen, in den Akazien zwitschern Webervögel. Doch die Wildhüter haben keinen Blick für die Idylle im Lewa-Naturreservat in Kenia. Seit 24 Tagen fehlt ein Nashorn. Mehrere Ranger-Teams sind auf der Suche nach Subira. Das Weibchen ist fünfeinhalb Jahre alt und trächtig. Im besten Fall hat es sich in die Tiefen des Ngare-Ndare-Walds zurückgezogen, um zu gebären. Im schlimmsten Fall … Nein, in diese Richtung mögen die Ranger gar nicht denken.

Edward Ndiritu ist Chef der Anti-Wilderer-Einheit in Lewa. Er joggt jeden Morgen einen halben Marathon und setzt sich nie hin. Mit Knopf im Ohr und der Stirn in Falten gelegt koordiniert er die Einsätze seiner 150 Ranger von der Zentrale aus. Sie arbeiten in drei Schichten rund um die Uhr. Werden verletzte Tiere gesichtet oder Schüsse gehört, stecken Fahrzeuge fest, ist ein Zaun beschädigt, reisst ein Löwe ein Rind, wird ein Geschäft überfallen oder bricht ein Feuer aus, ist Edward Ndiritu per Funk dabei, wenn seine Leute helfen. Fünf bis sechs Einsätze leisten sie pro Tag.

Anti-Wilderer-Einheit im Lewa-Naturreservat
Gruppenbild mit Vierbeiner: Die Anti-Wilderer-Einheit um Edward Ndiritu ist immer mit Spürhund unterwegs.

Die Rettung der letzten Nashörner

Von 2013 bis 6. Dezember 2019 wurde kein einziges Nashorn in Lewa gewildert. Seit aber Wilderer in jener regnerischen Dezembernacht zwei männliche Breitmaulnashörner getötet haben, sind die Ranger angespannt. Ein Kilo Horn ist auf dem Schwarzmarkt 20 000 Dollar wert; das Horn eines ausgewachsenen Tiers wiegt etwa sechs Kilo. «Wilderer können mit beiden Hörnern rund 240 000 Dollar verdienen», sagt Ndiritu. «Das ist ein Haufen Geld.»

Etwa 80 seiner Leute überwachen in Lewa die über 200 Spitz- und Breitmaulnashörner, mehr als 30 Jungtiere sind dort im vergangenen Jahr zur Welt gekommen. Ein Riesenerfolg. Denn die Tiere wurden zwischenzeitlich fast ausgerottet: Lebten in ganz Kenia in den 1960er-Jahren noch 20 000 Spitzmaulnashörner, waren es in den 1980ern nur noch gut 200.

Nashorn im Lewa-Naturreservat
30 Nashornkälber kamen vergangenes Jahr im Lewa-Naturschutzgebiet zur Welt.

Mehr als bloss Naturschutz

Dass die Nashornpopulation sich erholt hat, ist der englischen Tierschützerin Anna Merz zu verdanken. Sie liess in ganz Kenia ein Dutzend Tiere einfangen und auf die ehemalige Rinderfarm von Ian Craig verfrachten, wo sie geschützt waren. Mit den ersten Nashörnern auf seinem Gebiet wurde Ian Craig zum Begründer und zur Seele von Lewa.

Die Beziehung der lokalen Bevölkerung zu den Nashörnern ist eine besondere auch, weil mit ihrem Schutz eine neue Ära in der Region angebrochen ist. «Naturschutz muss mehr sein als Erhaltung der Wildtiere; er muss auch den Menschen helfen», sagt Ian Craig. Und so bindet Lewa die umliegenden Dörfer in die Projekte ein und unterstützt die Menschen, damit sie ein besseres Leben führen können.

Eins der wichtigsten und erfolgreichsten Lewa-Projekte ist der Wildtierkorridor, ein 15 Kilometer langer, eingezäunter Geländestreifen. Der Korridor zieht sich entlang eines Bachlaufs und stellt die historische Wanderroute der Elefanten und anderer Wildtiere zwischen dem Mount-Kenya- Nationalpark und den im Norden gelegenen Reservaten – darunter Lewa – wieder her. Seit der Korridor steht, trampen keine Elefanten mehr über die Felder der Bauern in der Region und zerstören deren Existenz.

Eine Vision wird Wirklichkeit

Die Lewa-Stiftung beschäftigt rund 300 Leute. Sie baut auch Schulen, verleiht Stipendien, stattet Spitäler aus, forstet Wälder auf, ermöglicht den Zugang zu sauberem Wasser oder hilft beim Bau von Gaskochern, die mit Kuhmist betrieben werden. Seit über 20 Jahren unterstützt der Zoo Zürich Lewa: 2,5 Millionen Franken aus der Schweiz haben Kenia bislang erreicht.

Die Partnerschaft nahm 1984 ihren Anfang in einem Schweizer Spitalzimmer: Der Mann der Nashornschützerin Anna Merz lag Bett an Bett mit einem Tierpfleger des Zürcher Zoos. Die beiden Männer freundeten sich an. Auf einen Zoobesuch folgte ein weiterer in Lewa – und die Geschichte nahm ihren Lauf.

Zoo-Zürich-Direktor Alex Rübel
Zoo-Zürich-Direktor Alex Rübel träumte während vieler Jahre von einer Savanne in Zürich.

Der Direktor des Zoo Zürich hatte schon lange die Vision, Afrika nach Zürich zu holen. Nun spaziert Alex Rübel durch die neue Savanne – sie ist sozusagen das Schwesterchen von Lewa. Beim Giraffenhaus fliegen ihm Graupapageien um die Ohren. «Hallo Jungs!», begrüsst er sie. Breitmaulnashörner, Netzgiraffen, Grevy-Zebras, Impalas, Säbelantilopen, Strausse und Geierperlhühner teilen sich die Aussenanlage mit den imposanten Baobab-Bäumen aus Kunstfels.

Alex Rübel schaut den Tieren zu und freut sich. «Viele Leute denken, dass irgendwo noch die grosse Wildnis ist», sagt er mit Blick in die Weite. «Doch dem ist nicht so.» Auch die Wildnis werde immer mehr zu einem grossen Zoo. Der Direktor, der Ende Juni in Pension gehen wird, glaubt, dass die Wildtiere, die auf dem Zürichberg leben, Botschafter für die freilebenden Tiere sind. Denn: «Lieben Menschen Tiere, schützen sie sie.»

Auch das vermisste Nashornweibchen Subira ist wohlauf: Nach 30 Tagen konnten die Ranger es dank Videoaufnahmen orten. Es lebt nun im Ngare-Ndare-Wald. Bald wird sein Junges zur Welt kommen. In der Zürcher Savanne ist im Mai bereits ein Nashorn geboren worden. Es heisst auf Suaheli «Ushindi», was ins Deutsche übersetzt «Sieg», «Erfolg» oder «Triumph» bedeutet. Der Name soll auch ein Omen sein für die wildlebenden Nashörner in Lewa. Denn die Coronakrise hat den Druck auf die Tiere durch Wilderer wieder verschärft.

Elefanten im Lewa-Naturreservat
In Reih und Glied trotten die Elefanten Richtung Wasserloch.

Buchtipp Simone Bammatter: «Habitat. Der Zoo Zürich unter Alex Rübel», Stämpfli-Verlag, 2020; bei exlibris.ch

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