12. April 2018

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Lebe ich oder werde ich gelebt? Ein Buch über die Grundsatzfragen des Lebens und Liebens

Buchcover «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt»

In Peter Stamms neuestem Buch «Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt» verabredet sich Schriftsteller Christoph (Stamms Alter Ego) in Stockholm mit der viel jüngeren Lena und begibt sich mit ihr auf eine Reise durch ihrer beider Leben. Denn vor zwanzig Jahren liebte er Magdalena, eine Frau, die Lena ähnlich, wenn nicht sogar gleich war. Er kennt ihr Leben und weiss, was sie erwartet, weil er dieses Leben mit der vermeintlichen Doppelgängerin bereits vorgelebt hat; als sein eigener Doppelgänger.

Ihren Anfang nimmt die Geschichte, als Christoph eines Tages nach einer Lesung zufällig dem Menschen begegnet ist, der er selbst einmal war: «… ein junger Mann kam auf mich zu. Während er am Schloss herumhantierte, sah ich sein Gesicht neben der Spiegelung meines eigenen, aber erst als er mir die Tür aufhielt, erkannte ich, dass er ich selbst war.» Ein Zug leerte sich, «als nähere er sich einer verbotenen Zone», und die Neigung der Trasse verursachte in Christoph ein Unwohlsein, als sei er selbst aus dem Lot geraten.

Was ist im Leben und der Liebe dem Zufall geschuldet und was der bewussten Steuerung? Der Leser schwimmt auf einer surrealen Welle, zwischen Traum und Realität, Fiktion und dem wahren Leben.

Der Titel des Buchs, so Stamm, gehe zurück auf eine Schlüsselszene aus Camus’ «Der Fremde»: Der Mörder akzeptiert, dass er hingerichtet und sterben wird. «Jeder muss irgendwann akzeptieren, dass er sterben wird, sich dem Leben ergeben muss», sagte Stamm in einem «Sternstunde»-Gespräch auf SRF1.

Doch in jedem von uns steckt auch ein Doppelgänger, der sich ständig die Frage stellt: Lebe ich oder werde ich gelebt? Christophs Leben scheint zunehmend zu verschwinden, indem der andere es lebt. Ihn überkommen Zweifel, ob nicht doch sein ganzes Leben, seine Existenz, eine Erfindung, ja eine Lüge war. «... mein Leben war ein leerer Raum, an dem nur die Schatten an den Wänden verrieten, dass er einmal bewohnt gewesen war.»

Mitunter wirkt die Geschichte ein wenig zu konstruiert, was Stamms zart-lakonische Sprache aber wieder wettmacht. Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt handelt von den Bildern, die sich Menschen voneinander machen, und von der Macht, die diese Bilder über uns ausüben, aber auch vom Wunsch, noch einmal von vorne beginnen und korrigierend eingreifen zu können. Wer, vor allem von uns Älteren, kann das nicht nachvollziehen?

«… wenigstens ein paar Stunden wollte ich in der Illusion leben, ich sei noch einmal jung und könnte meinem Leben eine andere Wendung geben.»

Bei Ex Libris: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Autor: Peter Stamm

Verlag: Fischer

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