01. März 2018

Die richtige Taktik für den Engadiner

Warten, Wind trotzen, sich verpflegen und stürzen: Wir verraten zum 50. Engadiner Skimarathon, was den Lauf lustig, mühsam oder absurd macht – mit Tipps für Anfänger und Schaulustige.

In der Abfahrt vom Stazerwald
In der Abfahrt vom Stazerwald nach Pontresina bewundern Schaulustige verschiedene Bremstechniken. (Bild: Andy Mettler / Swiss-image.ch)
Lesezeit 5 Minuten

Du bist einer von 14'000 Startenden des «Engadiners», gehörst aber bisher nicht zu den Kennern? Oder willst du an lohnenden Orten zuschauen? Es geht los: Wir verraten dir in zehn Etappen die Höhepunkte:

1. Vor dem Start
Auch kulturell hat der Anlass viel zu bieten. Vor dem Start ertönt immer die «Conquest of Paradise»-Hymne, dabei solltest du aber besser nicht an Gérard Depardieu auf Langlaufski denken. Zu trinken gibts heisses Rivella (!), es hat zuhauf als Mariachi-Band aufgemotzte Mexikaner (echte?) und andere Spätfasnächtler am Start.
Tipp: Verkleidung ist cool, aber warme Jacke und Hose, die vor dem Block-Einstehen in einen Laster abgegeben werden, sind trotzdem ein Must. Oder mindestens für Kopf und Arme gelöcherte und als Oberkörperwindschutz übergezogene Plastiksäcke von der Startnummernausgabe.

2. km 0 – Start in Maloja
Die Organisatoren haben vor wenigen Jahren den ersten grossen Engpass behoben: Dank des kaum gestressten Herauslaufens aus seitlich angebrachten Boxen funktioniert der fliegende Start nun wirklich. Wer sich noch verhaspelt, stürzt oder gar Nachbarn «erlegt», kann die Leistung meist für sich allein beanspruchen.
Tipp: Auch wenn die grössten Sturzrisiken mit bisweilen gebrochenen Stöcken oder gar Ski beim oder minim nach dem Start Vergangenheit sind, heisst es noch immer: Die ersten Meter konzentriert bleiben und (nur) genau die Lücken schliessen, die genug Platz bieten.

3. km 5 – Sils
Hier weiss man mit Sicherheit, welcher Wind herrscht und wie stark er ist. Meist hat es zwischendurch etwas Platz, um Läufer zu überholen oder überholt zu werden.
Tipp: Nicht überrascht sein, wenn bei der grossen Schlaufe um Sils der Wind zweimal dreht. Er bremst ja alle. In der Kurve laufen die Schnelleren innen, die anderen aussen.

4. km 8–10 – (vor) Silvaplana
Den zweiten grösseren See lässt man hinter sich. Hat man Glück, befindet man sich inmitten von ein paar Sportlern, die in etwa dasselbe Tempo aufweisen. Wenn nicht: Pick dir die nächsten zwei bis drei heraus, die ähnlich schnell laufen, und hefte dich an deren Fersen.
Tipp: Erstens gilt entgegen dem Verpflegungsposten 1 in Sils, dass man den zweiten hier nicht ohne Getränk und Ministärkung verlässt. Dasselbe gilt übrigens für die anderen Zwangspäuschen in Pontresina und La Punt. Zweitens gilt für viele Läufer nach der Spitze: im Zweifelsfall lieber etwas defensiver laufen. Auf den letzten 13 bis 15 Kilometern hat es garantiert noch mehr Platz zum Überholen, sofern man noch überschüssige Energie hat. Vor allem: Dann dauert es viel weniger lang, falls man sich übernommen hat.

5. km 13 – Sprungschanze
Vor dem kurzen, aber steilen Aufstieg staut sich das Feld stark, wenn man nicht zur Spitze zählt. Auf den Seiten stehen etliche Zuschauer, die gnadenlos alle anfeuern, obschon niemand das Tempo halten kann.
Tipp: Es folgen noch zwei bis drei ähnliche Stellen vor dem Stazersee und die mühsame vor Punt Muragl (km 22). Betrachte es also als Training unter Wettkampfbedingungen: Ohm!

6. km 15–18 – Aufstieg zum Stazersee
Kurz nach der Durchfahrt von St. Moritz Bad geht es hoch zum höchsten Punkt des Rennens, kurz vor und nach dem Stazersee. Hier ist Streckenkenntnis von Vorteil. In Kurzform für alle, denen sie fehlt: Insider unterteilen die Passage in sieben bis acht Ministeigungen. Vor der ersten und in der Mitte heisst es meistens wieder kurz warten.
Tipp: Wir passieren den abwechslungsreichsten Abschnitt des Rennens. Umherblicken lohnt sich, vor allem wenn das Tempo mal nicht hoch ist. Angreifen kann man bergauf nur mit etwas Glück, eher noch entlang des Sees vor der Abfahrt.

7. km 18–21 – Abfahrt und Pontresina
Wer unter den Sportinteressierten noch nie am Engadiner war, kennt meistens die Best-of-Auswahl vom Schweizer oder Südostschweizer TV mit spektakulären Sturzbildern. Die treten gehäuft in den hinteren Regionen des Riesenfelds auf, bei den technisch eher Ungeübten. Oder in Jahren mit wirklich hartgefrorener Schneedecke.
Tipp: Fühlst du dich bergab nicht sicher, versuch die Spur ganz links oder noch besser oben rechts zu erwischen. So kannst du dich im Notfall ein wenig aus dem Getümmel heraus in den Schnee legen, wenn es richtig brenzlig wird. Im Übrigen gehen fast alle Stürze glimpflich ab. Nicht ganz lückenlos auf die Vorderleute auffahren trägt zu mehr Sicherheit bei – stark bremsen sorgt jedoch für Nervosität im Rücken ...

8. km 25–32 – vom Flugplatz bis vor La Punt
Spätestens hier bilden sich wieder funktionierende Grüppchen mit ähnlichem Tempo. Natürlich hat man hier auch genug Platz, ganz allein sein Tempo zu laufen. Herrscht aber nicht starker Rückenwind, verpufft man so schnell zu viel Kraft. Versuch also nur, allein in den Wind zu gehen, wenn du die Gruppe für eine etwas schnellere oder langsamere wechselst.
Tipp: Intelligent und fair zeigt sich, wer auch einmal kurze Zeit sein Grüppchen anführt – aber nicht länger als die anderen. In der Gruppe herrscht für Erfolg und gute Stimmung eine Grundregel: möglichst wenig Tempowechsel!

9. km 36–41 – Zuoz und die «Golanhöhen»
In Zuoz muss sich verpflegen, wer in La Punt nicht alles Nötige gekriegt hat, viele andere tun es auch ein letztes Mal. Jetzt splitten sich die Gruppen erfahrungsgemäss wieder auf.
Tipp: In den gleich nach der Zuozer Rampe (unmittelbar nach der Verpflegung) noch folgenden fünf Anstiegen kann man alle Energie rauslassen, die man noch hat.

10. km 42 – am Ziel (nach Scuol)
Beim Zieleinlauf kann man neben den Warteschlangen unterwegs am einfachsten beurteilen, wie ein Läufer tickt. Die einen simulieren den Zieleinlauf von Dario Cologna (erkennt man nicht immer auf Anhieb), andere kasperlen rum, wenige tun kund, wie unzufrieden sie sind. Und ein paar versuchen durch ein Pokerface nahezulegen, dass die Marathondistanz auf Ski gar nicht hart sei.
Tipp: Der Anstrengung war nun genug, jede(r) soll sich freuen oder ärgern, wie er/sie mag. Bloss ein Hinweis an theatralisch Mutige: Vielleicht wird die seit Jahren verfügbare Videosequenz vom Zieleinlauf oder die Foto – eine Agentur verkauft geschossene Bilder von drei bis fünf Standorten – nur für einen selbst oder engste Angehörige brauchbar.

Anstieg bei der Olympia-Sprungschanze
Beim so kurzen wie ruppigen Anstieg bei der Olympia-Sprungschanze ist richtig Geduld gefragt. (Bild: Andy Mettler / Swiss-image.ch)

Engadin-Skimarathon

Der Engadin-Skimarathon – 42 Kilometer von Maloja bis S-chanf – ist die grösste Skilanglaufveranstaltung der Schweiz und nach dem Wasalauf in Schweden die zweitgrösste der Welt. Seit 1969 wird er jährlich ausgetragen. Nach nur sieben Jahren überschritt die Teilnehmerzahl erstmals die 10'000er-Grenze, danach pendelte sie sich bei rund 13'000 Teilnehmern aus rund 60 Nationen ein. Zum 50-Jahr-Jubiläum kann der Verein einen Rekord verbuchen: 14'200 Personen haben sich für die Austragung am 11. März angemeldet, alle Startplätze sind ausverkauft.
www.engadin-skimarathon.ch

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Françoise Stahel