11. August 2017

Die Problemlöserin

In Karin Solenthalers Klasse gibt es kein Kind ohne Migrationshintergrund. Die Lehrerin kriegt alles mit – Drogen, Klauen, erste Liebe – und versucht, die Kids für die Gesellschaft fit zu machen. Das sei wichtiger als der Schulstoff.

Karin Solenthalers Klasse mit Fähnchen der Herkunftsländer der Schüler
Karin Solenthaler mit ihrer Klasse im Oberstufenzentrum Bünzmatt in Wohlen AG
Lesezeit 3 Minuten

Die erste Lektion beginnt um 8.20 Uhr, doch einige ­Schüler der 1. Realschulklasse im Oberstufenzentrum Bünzmatt in Wohlen AG sind am Montag schon um 7.30 Uhr in ihrem Klassenzimmer – um Monopoly zu spielen. In der folgenden Deutschstunde schreiben sie ihrem Schulleiter einen Brief. Er ist operiert worden, und Karin Solenthaler (48) hat den 13- bis 15-Jährigen die Aufgabe erteilt, ihn aufzumuntern.

«Lieber Herr Stadler, wenn Sie wieder gesund sind, sollten Sie unbedingt einen fetten Döner geniessen», schreibt ein Schüler. Den Satz möchte er dem Schulleiter dann doch nicht übermitteln, weil er ihm respektlos erscheint.

Die Klasse ist sehr international, ausnahmslos alle Schülerinnen und Schüler haben Migrationshintergrund. Mindestens ein Elternteil stammt jeweils aus Kosovo, Serbien, Mazedonien, Albanien, Italien, Spanien, Portugal, Deutschland, Ghana oder Sri Lanka. Zudem unterrichtet Karin Solenthaler auch Kleinklässler oder Schülerinnen und Schüler aus der Integrationsklasse, die erst seit zwei Jahren in der Schweiz leben und nur gebrochen Deutsch sprechen.

Die erfahrene Lehrerin pflegt einen guten Kontakt zu den Eltern, trifft sie auch am Samstag zum Gespräch, weil sie meist nur dann Zeit haben. «Die Eltern sind sehr dankbar, wenn sie spüren, dass sich jemand um ihr Kind kümmert.»

In den drei Jahren bei Solenthaler werden aus den Kindern junge Erwachsene. «Rauchen, Drogen, Klauen, erste Liebe, Nackt­fotos, Berufswahl – all das wird zum Thema», sagt sie. Und sie kriegt alles mit. Zum einen, weil sie den Schülern zuhört und auch vor und nach dem Pausengong Zeit für sie hat.

Zum andern, weil sie weiss, bei wem die Informationen zusammenlaufen, und es versteht, den «Coolio» der Klasse auf ihre Seite zu ziehen. «Erst muss ich ihn identifizieren, dann kaltstellen», sagt sie lachend. Komme ein Schüler zu spät zur Schule, ignoriere sie das bewusst und verpasse ihm die Strafstunde erst nach der Lektion. «Wer das macht, sucht die Bühne, und die gebe ich ihm nicht.»

Sie erinnert sich an eine Schülerin, der nach den Herbstferien übel war. Karin Solenthaler war gleich klar, dass das Mädchen schwanger sein musste. Sie sprach mit ihr, half ihr, die Schule abzuschliessen und später eine Lehrstelle zu finden. Heute ist sie ihre Beiständin.

«Der Akkusativ ist für mich sekundär», sagt Solenthaler. Das Erzieherische interessiere sie mehr, als Stoff zu vermitteln. Die Jugendlichen bräuchten jemanden, der an sie glaube und sie in dem bestärke, worin sie gut seien. Ihr Ziel sei es, die Schüler für die Gesellschaft fit zu ­machen – und ihnen nebenbei auch noch das zu vermitteln, was die Lehrmeister erwarten und brauchen.

Gute Kontakte auch danach

Wenn sie eine Klasse nach drei Jahren abgeben müsse, sei das «wie eine Trennung». Bei allem Engagement schlafe sie aber stets wunderbar. Ihr Geheimnis: «Ich mache immer das, was mir wichtig erscheint und was möglich ist.» Mit in den Schlaf nimmt sie nur das, was ihre eigenen zwei Kinder im Teenageralter umtreibt.

Ein Jahr nach Abschluss lädt sie ihre ehemalige Klasse jeweils zum Pizzaessen ein. Es sei immer spannend zu hören, wie die Ehemaligen sich in der Berufswelt durchschlügen. Einige davon kommen in die Schule, um ihre derzeitigen Schüler bei der Lehrstellensuche und dem Drumherum zu coachen. Mit vielen bleibt sie in Kontakt: Sie isst in Restaurants, wo ehemalige Schüler kochen oder servieren, und lässt sich von einer ehemaligen Schülerin die Haare schneiden.

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