04. Dezember 2018

Die Polizei, dein Freund und Geburtshelfer

Für Thomas Senn war es der schönste Tag als Polizist: Vor gut neun Jahren begleitete er die Geburt von Zwillingen auf dem Pannenstreifen der A1. Durch Vermittlung des Migros-Magazins hat er die beiden Buben wieder getroffen.

Der Polizist und seine Zwillinge
Für Thomas Senn war es der schönste Tag als Polizist: Vor gut neun Jahren begleitete er die Geburt von Zwillingen auf dem Pannenstreifen der A1. Durch Vermittlung des Migros-Magazins hat er die beiden Buben wieder getroffen.
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Der Zürcher Kantonspolizist Thomas Senn fährt am 5. Juli 2009 kurz nach vier Uhr morgens im Streifenwagen von Winterthur Richtung Zürich. Bis dahin eine ganz normale Nachtschicht für den Polizisten.

Auf der Gegenfahrbahn düst Michel M. mit seiner Frau Sandra Richtung Universitätsspital. Es pressiert. Sandra hatte vor 30 Minuten ihren Blasensprung. Das Paar weiss: Jede Minute zählt!

Kurz vor Wallisellen realisieren die werdenden Eltern, dass keine Zeit mehr bleibt. Sie halten auf dem Pannenstreifen an und rufen die Ambulanz.

Praktisch zeitgleich mit «Schutz und Rettung Zürich» trifft Thomas Senn mit dem Streifenwagen am Ort des Geschehens ein. Zu diesem Zeitpunkt ist das erste Baby bereits da. Senn sperrt die am Sonntagmorgen zum Glück noch wenig befahrene Autobahn A1 ab.

Leon und Noah können noch nicht einschätzen, was ihre Geburt auf der Autobahn bedeutet, wie gefährlich sie war.

Michel M., Vater

Während der Polizist die Notsignalisation aufstellt, wird seinem Patrouillenkollegen das erste Baby auf den Arm gelegt. Es ist ein Junge. Sowohl Ärzte wie Polizisten denken da noch: Das wars. Aber die Hektik der frischgebackenen Eltern reisst nicht ab. Der Grund ist einfach: Ein zweites Baby ist auf dem Weg.

Während die Besatzung des Rettungswagens die Ambulanz auf 50 Grad aufheizt, damit es für Baby Nummer 1 warm genug ist, weist Senn den Rega-Helikopter ein. Eine Viertelstunde später ist auch Baby Nummer 2 auf dem Vordersitz des Autos geboren. Wieder ein Junge. Nun können die Neugeborenen ins Spital gefahren werden.

Im Unispital Zürich angekommen, werden die beiden Jungen auf der Neonatologie versorgt. Weil sie neun Wochen zu früh auf die Welt gekommen sind, müssen sie noch einige Wochen dort bleiben. Das ist normal, die Zwillinge sind gesund und entwickeln sich prächtig.

Thomas Senn, Ihr Kerngeschäft sind Autobahnunfälle. Solch erfreuliche Erlebnisse dürften selten sein?

Die Begegnungen mit den Menschen sind trotz der Unfälle zum Glück zu 90 Prozent positiv, weil diese froh sind um die Hilfe der Polizei.

Hatten Sie überhaupt Zeit, das Erlebte zu verdauen?

Nicht wirklich. Mein Kollege und ich frühstückten etwas ausgiebiger als sonst, aber mehr lag nicht drin. Polizisten bleibt keine Zeit, um Einsätze noch im Dienst zu verarbeiten. Man nimmt das Erlebte oft mit nach Hause. Meistens jedoch bespricht man es im Team, das manchmal eine Ersatzfamilie ist.

Konnten Sie Kontakt zur Familie der Zwillinge halten?

Leider nicht. Ich habe mich oft gefragt, was aus den Buben geworden ist. Noch am gleichen Tag witzelten mein Kollege und ich, ob sie ihr Leben lang die Autobahnvignetten kostenlos erhalten sollten oder ob der Geburtsort Einfluss auf ihre Namen haben würde.

Hatte er nicht. Leon und Noah erhielten weder Vignetten geschenkt noch wurde auf dem Streckenabschnitt kurz vor Wallisellen je eine Geburtstagsparty veranstaltet.

«Da usse sind er uf d Wält cho.» Wenn die Eltern mit ihren Söhnen auf der A1 Richtung Zürich unterwegs sind, wird fast immer über die Geburt gesprochen. Die mittlerweile neunjährigen Zwillinge wollen immer und immer wieder hören und wissen, wo genau es war. «Leon und Noah können aber noch nicht einschätzen, was ihre Geburt auf der Autobahn bedeutet, wie gefährlich sie war», sagt ihr Vater (46).

Ich habe mich oft gefragt, was aus den Buben geworden ist.

Thomas Senn, Kantonspolizist

Vor Augen geführt erhalten die Kinder den etwas anderen Geburtsort, wenn sie ihre Geburtsurkunde anschauen. Wallisellen steht dort, statt wie geplant Zürich. Die weiteren Konsequenzen der Geburt auf der Autobahn waren zum Glück einzig administrativer Natur. «Das Zivilstandsamt behandelte sie wie eine Hausgeburt», erzählt Michel M. Die frischgebackenen Eltern mussten ihre Sprösslinge innert drei Tagen selber bei der Behörde melden. Bei Niederkünften im Spital übernimmt das üblicherweise die Klinik.

Thomas Senn, Sie selbst sind dreifacher Vater. Sind sie Polizist geworden, damit Sie Freund und Helfer sein können?

Eigentlich nicht, Polizist war nicht mein Traumberuf. Ich war Automechaniker, musste mich aber wegen gesundheitlicher Probleme umschulen lassen. Ich besuchte einen Infoabend, absolvierte die Aufnahmeprüfung und wurde genommen. Heute möchte ich nichts anderes mehr sein.

Sie sind nun seit 27 Jahren im Dienst. Wie verarbeiten Sie negative Erlebnisse?

Indem ich Angriffe und Beleidigungen, die leider hin und wieder vorkommen, nicht persönlich nehme. Sie gelten nicht mir selbst, sondern im Normalfall der Uniform. Sie ist mein Schutz.

Welchen Stellenwert hat die Zwillingsgeburt in Ihrer Polizeikarriere?

Sie war mit Abstand das schönste Erlebnis in meinem Berufsleben. Dafür gibt es uns Polizisten schliesslich: Damit wir für die Menschen da sind und ihnen helfen. Jetzt zu erfahren, was aus den kleinen Zwillingsbuben von einst geworden ist, sie zu sehen, ist toll.

Leon und Noah sind fasziniert vom Polizisten, seiner Uniform, vor allem vom Polizeiauto. «Von so nah haben wir das noch nie gesehen!»

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