25. August 2017

Alexandra und Franziska Nock müssen sich dem Zeitgeist anpassen

Frauenpower an der Spitze des ältesten Zirkus der Schweiz: Alexandra und Franziska Nock führen gemeinsam das Aargauer Familienunternehmen Circus Nock AG. Im Interview sprechen die Schwestern über belebende Konkurrenz, schwindende Publikumszahlen und die Angst um ihre Liebsten in der Manege.

Alexandra und Franziska Nock
Alexandra und Franziska Nock leiten das Familienunternehmen aus dem Kanton Aargau in siebter Generation.

Alexandra und Franziska Nock, Sie sind Vorgesetzte von rund 70 Angestellten des Familienzirkus Nock. Haben Sie als Frauen in dieser Position eher einen Vor- oder einen Nachteil?

Franziska Nock (FN): Weder noch. Früher mussten wir uns eher anhören, dass es für diese Aufgabe einen Mann braucht. Aber heute haben Männer ja nicht mehr so viel zu sagen wie früher (schmunzelt).

Alexandra Nock (AN): Wir sind in diese Aufgabe reingeboren. Wir haben keine Brüder. So war es klar, dass wir irgendwann den Familienbetrieb übernehmen.

FN: Ja, es war ja kein Müssen, sondern unser Wunsch.

Wie anders führen Sie als Ihr Vater Franz Nock?

FN: Wir haben viel von unserem Vater übernommen. Aber klar, wir leben in einer anderen Zeit, sind jünger und sehen einiges anders.

Zum Beispiel?

FN: Wir müssen uns etwa bei der Musik und dem Lichtdesign im Zirkus sowie beim Programm insgesamt der Zeit anpassen. Es ist schwieriger geworden.

AN: Ja, heute braucht es für diese Aufgabe mehr Geduld.

Franziska (links) und Alexandra Nock im Wohnwagen, der als Pressebüro funktioniert: «Das Zelt füllt sich nicht mehr so leicht mit Zuschauern.»

Was ist schwieriger geworden?

FN: Das Zelt füllt sich nicht mehr so leicht mit Zuschauern. Überall in der Schweiz laufen diverse Events. Da ist uns zusätzliche Konkurrenz entstanden. Und im Zeitalter der sozialen Medien sind die potenziellen Besucher nicht mehr so empfänglich für einen Zirkusabend. Sie gehen generell weniger aus und bleiben nach einem strengen Tag lieber zuhause oder verabreden sich mit Freunden.

Wie reagieren Sie darauf?

AN: Wir versuchen, das Programm weiterzuentwickeln und dem Zeitgeist anzupassen. Das kommt beim Publikum gut an. Im Vergleich zu sozialen Medien ist der Zirkus ohnehin DIE Abwechslung für die Besucher. Das Schöne daran ist, dass das Programm jedes Alter und jedes Niveau anspricht, man wirklich für zweieinhalb Stunden den Alltag vergessen kann.

FN: Seit einem Jahr bieten wir Zirkusferien an. Das heisst, dass die Leute bei uns im Zirkus Ferien machen können und mit uns im Wohnwagen weiterziehen. Im Winter möchten wir Probetrainings für Kinder anbieten, also eine Art Zirkuslektionen.

Schreibt der Nock eigentlich Gewinn?

AN: Es variiert von Saison zu Saison. Es ist nicht einfach, weil wir keine staatliche Unterstützung erhalten und auch keine Sponsoren haben. Dank den vielen begeisterten Rückmeldungen schauen wir aber positiv in die Zukunft.

Wie erfolgreich ist die Saison 2017?

AN: Wir sind gut gestartet, litten jedoch etwas unter dem heissen Sommer.

Obwohl der Nock der älteste Zirkus der Schweiz ist, steht er immer etwas im Schatten des Knie. Schmerzt das?

FN: Nein, der Knie ist ebenfalls ein guter Zirkus und eine gesunde Konkurrenz, wobei wir ein Vergleich nicht zu scheuen brauchen.

Weshalb engagieren Sie keinen bekannten Schweizer Künstler, wie das der Knie tut?

AN: Mit Gaston & Roli hatten wir das ja auch schon gemacht. Und wenn sich wieder was ergäbe: Wieso nicht?

FN: Aber es ist nicht einfach, weil bekannte Künstler oft Ansprüche wie Übernachtung im Hotel stellen.

Wie wählen Sie die Artisten aus?

FN: Ich schaue im Internet nach und besuche als artistische Leiterin andere Zirkusse und Festivals. Dank unseres hohen Bekanntheitsgrades im Ausland erhalten wir viele Bewerbungen von Artisten- meistens online mit entsprechenden Links.

Franziska und Alexandra Nock vor dem Zirkuszelt mit einem Andalusier, der in einer Nummer von Franziska auftritt.

Sie sind beide mit ausländischen Künstlern verheiratet. Wie haben Sie sich kennengelernt?

FN: Mein Mann war mit seiner Familie als Artist mit einem fliegenden Trapez bei uns. Mitte Saison haben wir uns verliebt. Danach war er ein Jahr im Ausland engagiert, bevor wir uns für eine gemeinsame Zukunft entschieden.

AN: Mein Mann war als Akrobat mit seiner Truppe beim Nock, am russischen Barren und auf der Schaukel. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick, aber nach einer Saison hat sich daraus mehr entwickelt.

Wie gross ist der Druck in einem Familienunternehmen, mit der nächsten Generation für neue Künstler zu sorgen?

AN: Einen solchen Druck gibt es überhaupt nicht. Wenn meine Kinder einst im Zirkus auftreten wollen, dürfen sie das. Aber sie müssen zusätzlich eine andere Ausbildung machen, sodass sie nachher eine echte Wahl haben. Während der Saison haben wir einen Lehrer, der die Kinder unterrichtet. Ich möchte sie zu nichts zwingen. Meine Tochter wünscht sich einst mit Franziska und den Pferden in der Manege zu stehen. Ich selbst trat ja in der Manage auch Abend für Abend auf – als Trapezkünstlerin.

FN: Bei mir verhält es sich genau gleich: Mein Sohn hat Zeit. Wenn er in der Manage auftreten will, muss das von ihm kommen. Mein Junge redet allerdings immer davon, dass er mit dem Töff im als Todeskugel bekannten Globe auftreten will. Ich erhielt schon mit sechs Jahren ein Pony und trainieren nun noch immer intensiv mit den Pferden.


Vor zwei Jahren ist Ihr Neffe Francesco Nock (23), Sohn Ihrer ältesten Schwester Verena (43), bei einer Tuchnummer zehn Meter in die Tiefe gestürzt und auf der Intensivstation gelandet. Wie haben Sie das erlebt?

FN: Das war für uns tragisch und schlimm. Er hatte mehrere Brüche und ein schweres Schädelhirntrauma.

Sind solche Nummern nicht auch immer eine Gratwanderung zwischen Sicherheit und dem Wunsch, dem Publikum ein Spektakel zu bieten?

FN: Ja, das stimmt. Bei vielen Nummern sind die Künstler zwar gesichert, eine absolute Sicherheit gibt es jedoch nie. Ich kann auch bei meinen Pferdenummern verunfallen oder wenn wir mit dem Auto unterwegs sind.

AN: Das Leben ist ein gewisses Risiko.

Wie gross ist die Angst um Francesco Nock heute?

AN: Wenn er wieder eine Luftnummer hätte, dann wäre sie sehr gross. Jetzt zeigt er seine Kunst auf dem Drahtseil. Da könnte er zwar auch blöd stürzen, aber wenigstens nur noch aus zwei Meter Höhe.

Hat sich Francesco wieder vollständig erholt?

AN: Ja, 2016 war er in der Rehabilitation, aber nun wollte er unbedingt in die Manege zurück, obwohl er nicht viel Zeit hatte, die Drahtseilnummer einzustudieren. In diesem Jahr hat er sich von Vorstellung zu Vorstellung gesteigert. Wir sind stolz auf unseren Neffen.

Im Zirkus sollten ja Emotionen geweckt werden. Wie schaffen Sie das?

FN: Wir arbeiten mit Freude an unserem Programm, die Artisten lieben ihre Nummern. Das überträgt sich aufs Publikum.

Was kommt besonders gut an?

AN: Junge Artisten. Es spielt eine Rolle, wie die Künstler ihre Nummer vortragen. Leidenschaft ist immer gefragt.

Blick in die Zukunft? Neu bietet der Nock Zirkusferien an. Und bald schon können Kinder in Kursen Zirkusluft schnuppern.

Wie zeitgemäss sind Auftritte mit Tieren? Es gibt Länder respektive Städte im Ausland, die Zirkussen wegen Tiernummern kein Aufenthaltsrecht mehr geben.

AN: Bei uns treten nur noch Pferde, Ponys, Esel, Lamas und Kamele auf. Der Tierschutz in der Schweiz ist streng, und wir werden jährlich kontrolliert. Zudem lieben wir unsere Tiere. Es ist für uns deshalb selbstverständlich, dass es ihnen gut geht. Raubtiere und Elefanten haben wir seit Jahren keine mehr.

FN: Ich zeige dieses Jahr eine Freiheitsdressur mit Ponys und majestätischen Friesen sowie mit Paolo Finardi eine Pferdefantasienummer mit einem Andalusier. Das kommt beides gut an.

Was fasziniert Sie an der Arbeit für den Zirkus?

AN: Er ist ist unser Leben, wir leben für ihn. Die Schweiz ist ein schönes Land, und wir schätzen die Vielfalt der Orte.

Wo gefällt es Ihnen am besten?

FN: Wir gastieren an vielen schönen Orten wie der Westschweiz, dem Engadin oder dem Tessin.

Hand aufs Herz: Wie oft haben Sie den Zirkusalltag schon verflucht?

FN: Der harte Existenzkampf, ein matschiger Boden nach starkem Regen oder kalte Temperaturen im Frühling und Herbst wirken erschöpfend, und es stellt sich manchmal schon die Frage: Wollen wir das wirklich noch?

Sie haben während der Saison praktisch keine Privatsphäre und leben auf sehr engem Raum, und das gleich über mehrere Monate.

FN: Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell sich der Mensch an enge Platzverhältnisse gewöhnt. Im Winter leben wir vier Monate in unserem Haus in Oeschgen und während der Tournee in unseren Wohnwagen mit eigener Dusche, Bad, Toilette und Küche. Bereits nach wenigen Tagen im Wohnwagen habe ich mich an die neue Wohnsituation gewöhnt.

Tourneeplan, Programm und Tickets: www.nock.ch

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