30. Juni 2017

Die Neuerfindung der Schweiz als Sonderfall

Der Historiker Jakob Tanner über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg und die Jahre danach: Nach dem Läuten der Friedensglocken schlitterte die Schweiz in eine schwere Krise. Der Historiker erklärt weshalb.

Jakob Tanner
Historiker Jakob Tanner: «Die Schweizer Landesgruppe der NSDAP hatte der Bundesrat erst bei Kriegsende verboten.»
Lesezeit 5 Minuten

Wie war die Stimmung in der Schweiz am 8. Mai 1945?

Die Friedensglocken haben geläutet, und in der Bevölkerung machte sich eine enorme Erleichterung breit. Gleichzeitig hatte man in der Politik und der militärischen Führung Angst vor einer «Friedenspsychose». Es durfte nicht sein, dass die bisher gut gesicherte Grenze nun geöffnet wurde. Die Schweizer Armee blieb deshalb bis im August 1945 mobilisiert. Es gab allerdings eine weit verbreitete Wut auf Kollaborateure und die Zehntausenden von Nazi-Anhängern. Die Schweizer Landesgruppe der NSDAP hatte der Bundesrat erst bei Kriegsende verboten. Insbesondere gegen die Unterzeichner der «Eingabe der 200», die 1940 eine weitgehende Anpassung der Schweiz ans Hitler-Regime gefordert hatten, wurde nun eine heftige Kampagne losgetreten.

Die Schweiz musste sich der Vergangenheit stellen.

Dies geschah vor allem auf Druck von aussen. Schon Anfang 1945 erzwangen die Alliierten die Sperrung der deutschen Guthaben, und die Schweiz willigte ein, auf deutsches Raubgold zu verzichten. Die Nationalbank umging dieses Verbot allerdings noch im April 1945. 1946 wurde eine Schweizer Verhandlungsdelegation unter Chefunterhändler Walter Stucki nach Washington zitiert. Stucki beklagte sich, dass die Schweiz von den Amerikanern wie ein okkupiertes Land behandelt werde. Die Verhandlungen endeten damit, dass die Schweiz für den Goldhandel mit Nazi-Deutschland 250 Millionen Franken bezahlte. Das war ein ausgezeichnetes Ergebnis; offensichtlich verfügten die Amerikaner nicht über alle Informationen zu den Goldtransaktionen. Und die Schweiz zahlte die Summe offiziell als Beitrag zum Wiederaufbau von Europa. Mehr noch: Der Ruf des absolut soliden und sicheren Schweizer Finanzplatzes, den nicht mal die Sieger des Zweiten Weltkriegs in die Knie zwingen konnten, wurde dadurch gefestigt.

Wurde so gut verhandelt?

Die Schweiz profitierte auch davon, dass sie im Ersten Weltkrieg zu einem wichtigen europäischen Finanzplatz aufgestiegen war. Und im heraufziehenden Kalten Krieg wollten es sich die USA mit der Schweiz nicht verscherzen. Generell schauten sie darauf, dass die Kommunisten in westeuropäischen Ländern nicht zu viel Einfluss gewinnen. Die Schweiz war mit dem ersten sozialdemokratischen Finanzminister Ernst Nobs ein verlässlicher Partner. Dieser hatte im November 1918 den Abbruch des Landesstreiks heftig verurteilt – nun gehörte er zu einer Schweiz, die sich als ein Hort des Antikommunismus verstand.

In Ihrer Dissertation von 1986 «Bundeshaushalt, Währung und Kriegswirtschaft» untersuchten Sie die Haltung der Schweiz während des Kriegs.

Meine These dazu: Wenn ein Land wie die Schweiz wirtschaftlich so stark verflochten ist und in einen Krieg gezogen wird, entstehen enorme Zwänge. Der Franken war in den Kriegsjahren die einzige konvertible Währung, welche Deutschland und auch die USA benutzten. Man könnte argumentieren, dass es nicht angebracht ist, mit dem verbrecherischen Hitler-Regime Geschäfte zu machen. Nur scherten sich die Schweiz nur wenig um eine solche Moral; Industrieunternehmen und Banken nutzten alle geschäftlichen Möglichkeiten.

Nach dem Kriegsende hätte man eine neue Richtung einschlagen können.

Ja, doch die Schweiz übte sich im Stillsitzen, insbesondere die Banken blieben weitgehend tatenlos und lehnten Nachforschungen von Opfern der Judenvernichtung mit dem Argument ab, man habe es auf schweizerisches Volksvermögen abgesehen. Im Extremfall erklärten Bankinstitute den Angehörigen der jüdischen Opfer, ohne einen Totenschein aus Auschwitz könnten sie keinen Zugang zu den Konti erhalten.

Sie selbst waren in einen Fall involviert.

Es gab 1996 und -97 ganz allgemein viel Aufregung. Unter anderem machte ich im Schweizer Fernsehen die Geschichte eines deutschen Juden publik: Er schloss in den 30er-Jahren eine Versicherungspolice in der Schweiz ab. Nach der Reichskristallnacht forderte das Steueramt von Berlin-Moabit Ende 1938 die sofortige Auszahlung dieser Police, was umgehend geschah. Damit wurde Schweizer Recht und das Kundenvertrauen massiv verletzt. Als der später ausgebürgerte Deutsche, der den Zweiten Weltkrieg überlebte, nach dem Geld fragte, wurde ihm mitgeteilt, man könne die Summe nicht zweimal auszahlen. Solche Beispiele gibt es zuhauf, die Schweiz hatte nach Kriegsende ein echtes Problem damit.

Und nach dem Krieg blieb die offizielle Schweiz im «nationalistischen 19. Jahrhundert stecken», wie Sie in Ihrem Buch schreiben.

Ja, die Schweiz trat damals weder der UNO noch den Institutionen von Bretton-Woods bei. In die Verhandlungen um eine Beteiligung am Marshall-Plan brachte sie 1948 Neutralitätsvorbehalte ein, die sie bald zu nationalen Alleinstellungsmerkmalen aufwertete. So erfand sie sich neu als Sonderfall. Eigentlich war sie im Kalten Krieg überhaupt nicht neutral zwischen den Blöcken, sondern Teil der westlichen freien Welt. 1951 wurde sie auch zur Teilnahme an der indirekten Wirtschaftskriegsführung der USA gegenüber dem Ostblock gezwungen. Eine aktive Aussenpolitik war so nicht zu leisten, immerhin gab es etwas Spielraum für die altbewährten guten Dienste. Innenpolitisch ermöglichte es die vorherrschende antikommunistische Haltung vielen Frontisten aus den 1930er Jahren, sich nun als besonders wehrhafte Schweizer hervorzutun.

Das war nicht das einzige dunkle Kapitel in der Geschichte.

Nein, ab März 1945 publizierte Carl A. Loosli im «Tages-Anzeiger» eindrückliche Reportagen, die das Leid der Verdingkinder thematisierten. Es dauerte sehr lange, bis sich hier auch politisch etwas bewegte. Erst 1981 übernahm die Schweiz die europäischen Menschenrechtsstandards.

Der Brückenbauer nach Kriegsende

Ausgabe vom 11. Mai 1945

Hat die Schweiz nach dem Krieg weitere Chancen verpasst? Deutschland und Japan waren am Boden zerstört und hatten bald schon blühende Industrien.

Die Schweiz konnte in bestimmten Technologiebereichen schlicht nicht mithalten, etwa bei der Massenproduktion von Automobilen, grösseren Flugzeugen, AKWs oder Computern. Man kann aber nicht von verpassten Chancen sprechen, denn die Schweiz hat sich mit guten Gründen auf eine Arbeitsteilung auf den Weltmärkten eingelassen. Doch sie war ein Kartellland – damit konnte man viel Geld machen, wie das Autoimportkartell der Firma Emil Frey zeigt.

Und die Schweiz profitierte davon, dass die Einwohner gearbeitet und nicht gestreikt haben.

Ja, sie erlebte eine Phase des Arbeiterfriedens. Bis 1948 wurde noch häufig gestreikt, dann wurde es ruhig; Lohnerhöhungen kamen auf dem Verhandlungsweg zustande. Im europäischen Vergleich haben die Gewerkschaften in der Schweiz auch heute wenig Einfluss. Die Schweiz wurde auch deshalb reich, weil sie nach dem Krieg nicht zerstört war, so dass die Fabriken ohne Unterbruch produzieren konnten. Zudem unterstützten die Banken die Exportindustrie, welche wiederum den Binnensektor förderte.

Sie rattern Zahlen und Fakten ohne Hilfsmittel herunter. Wie haben Sie sich dieses Wissen angeeignet?

Für einen Historiker ist es ein Vorteil, wenn er ein gutes Gedächtnis hat. Hilfreich dafür sind auch zahlreiche Medienauftritte, Veranstaltungen und stetes Schreiben. Als besonders wichtig erachte ich produktive Auseinandersetzungen mit Berufskolleginnen und -kollegen. In einem Streitgespräch kann ich meine These nicht einfach auf Behauptungen stützen, sondern muss mit Fakten argumentieren.

Sie sind im Sommer 2015 emeritiert. Wie nutzen Sie die gewonnene Zeit?

Ich halte viele Vorträge und lese auch wieder alte Romane, etwa «Moby Dick» von Herman Melville oder Bücher von Charles Dickens. Im Büro türmen sich auch historische Darstellungen. Für die Max-Planck-Gesellschaft in Deutschland begleite ich ein Projekt, das deren Geschichte bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts aufarbeitet. Zudem schreibe ich viele Dissertations- und Projektgutachten oder engagiere mich in Berufungskommissionen. Sie sehen, die Arbeit geht mir nicht aus.

Benutzer-Kommentare

Mehr zum Thema

Bruno Stauffer, Dinah Marti, Hilde Stauffer, Bea Haupt, Rahel Marti und Nadine Marti (v.l.)