15. Februar 2019

Die neuen Albiner

Mit Sack und Pack hat Familie Hewer vor vier Monaten den Aargau verlassen. Die Unterländer sind dem Lockruf des Walliser Bergdorfs Albinen gefolgt: Wer dort ein Haus kauft, bekommt Geld. Wie gefällt es den Hewers in ihrem neuen Zuhause?

Nicole Hewer mit Cilia, auf dem Schlitten Pascal mit Emilie
Spass im Schnee: Nicole Hewer mit Cilia, auf dem Schlitten Pascal mit Emilie
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Ohne drei Dinge kann Familie Hewer seit diesem Winter nicht mehr leben: Schneeketten für ihre beiden Autos. Die rote Schneefräse, die es beim Hauskauf gleich dazugab. Und Luftbefeuchter für die Schlafzimmer, die der trockenen Bergluft Feuchtigkeit verleihen. Es sind Erkenntnisse einer Familie aus dem Unterland, die als erste Zuzüger dem Lockruf von Albinen gefolgt sind, in der Gemeinde ein Haus gekauft haben und nun ihren ersten Winter als Bergler bestreiten.

Rückblende: Im Herbst 2017 sorgt Albinen VS bis nach Argentinien und China für Schlagzeilen. Die kleine Gemeinde ob Leuk, die damals 273 Einwohner zählt, greift zu ungewöhnlichen Mitteln, um die Abwanderung aufzuhalten. Sie bietet Einheimischen wie Zuzügern Geld für den Umbau des Eigenheims oder einen Hauskauf: 25'000 Franken pro Erwachsenen, 10'000 pro Kind. Daran sind allerdings einige Bedingungen geknüpft, eine davon: Die Familien verpflichten sich, mindestens zehn Jahre im Dorf zu bleiben oder ansonsten das Geld zurückzuzahlen.

Am Küchentisch: Familie Hewer
Am Küchentisch: Familie Hewer lebt dort, wo andere Ferien machen.

Nicole (41) und Pascal Hewer (40) sitzen mit den Töchtern Emelie (4) und Cilia (6 Monate) am Esstisch ihres Einfamilienhauses. Vor dem Znacht spielen sie das Kinderspiel Lotti Karotti. Nicole Hewer ist eben von der Arbeit nach Hause gekommen. Draussen dämmert es. Die schneebedeckten Leeshörner heben sich vom rotblauen Himmel ab – eine fast schon kitschige Postkartenidylle. Pascal Hewer seufzt, als er die Abendstimmung bemerkt: «Ich glaube nicht, dass dieser Anblick für mich je gewöhnlich werden wird. Diese Ruhe und dieses Bergpanorama. Das ist das wahre Leben.»

Ein Wink des Schicksals

Schon gute zwei Jahre hatten sich die Hewers überlegt, in die Berge zu ziehen. Das Leben in der Aargauer 4000-Seelen-Gemeinde Seengen war trotz der Nähe zum Hallwilersee nicht das, was sie für ihre Zukunft wollten. Ihr Mietshaus lag nahe der stark befahrenen Hauptstrasse, im Dorf vermissten sie das Gefühl der Gemeinschaft, und im Winter versank alles im Nebel. «Der schlug uns schon aufs Gemüt», erinnert sich Nicole Hewer.

Als sie in der Zeitung von der Suchaktion der Gemeinde Albinen lesen, erinnern sie sich: Genau dort hatte Pascal im Internet schon nach Häusern geschaut. «Es war der bekannte Wink des Schicksals.» Denn mit dem Wallis fühlen sie sich verbunden. Schon als junges Mädchen machte Nicole mit ihrer Familie Ferien im Gomsertal, mit Pascal und dem eigenen Nachwuchs zog es sie später auf die Bettmeralp. Die Hewers überlegen nicht lange, fahren nach Albinen, um das Dorf und potenzielle Häuser zu besichtigen. Sie sind begeistert, bewerben sich und werden angenommen. Den Kaufpreis für das Einfamilienhaus wollen sie für sich behalten. «Aber ohne die 70'000 Franken von der Gemeinde wäre es finanziell kaum zu stemmen gewesen», erklärt Nicole Hewer.

das Haus der Hewers
Aussicht inbegriffen: das Haus der Hewers

Seit vier Monaten lebt die Familie nun im Wallis. Der Alltag hat sich schon gut eingependelt. Pascal Hewer betreut die Kinder und kümmert sich um den Haushalt, Nicole arbeitet
als Krankenpflegerin im 15 Minuten Autofahrt entfernten Leukerbad.
Vor dem Fahren auf schneebedeckten Strassen hat sie noch Respekt. Einmal musste sie das Auto unten im Dorf stehen lassen, weil sie die Schneeketten vergessen hatte und die steile Strasse nicht mehr hochkam. «Das Montieren der Schneeketten muss ich noch üben. Früher hatte ich nicht mal welche.»

So ist dies auch eine der wenigen Anschaffungen, welche die Hewers beim Umzug vergessen hatten. «Sonst waren wir relativ gut vorbereitet», sagt Pascal. Die Schneefräse oder «mein Männerspielzeug», wie er es nennt, gab es beim Hauskauf dazu. «Ohne die wäre ich aufgeschmissen und nur noch am Schneeschaufeln.»

Ende Monat bleibt etwas mehr

Alles in allem ist die finanzielle Situation für die Familie hier oben in etwa die gleiche wie im Unterland. «Tendenziell wird es uns sogar eine Spur besser gehen», sagt Nicole. Der Hypothekarzins, den sie für das Haus abzahlen, ist niedriger als die Miete in Seengen. Zudem sind die Kinderzulagen im Wallis höher und Nicole verdient ein wenig besser als bei ihrem früheren Arbeitgeber im Aargau.

Der vierjährigen Emelie ist das Einleben schnell gelungen. Es sind die Eltern, die sich daran gewöhnen müssen, dass sie ihre Tochter hier bedenkenlos ziehen lassen können. «Ich habe noch heute immer ein halbes Ohr und ein halbes Auge draussen. Ich bin mir das einfach noch nicht gewohnt», sagt Nicole Hewer und erinnert sich an eine Szene am Samichlaustag. Emelie verschwand mit einer Gruppe Kinder und einem Erwachsenen in einer Gasse, um sich etwas anzuschauen. «Da habe ich zu meinem Mann gesagt: Wären wir jetzt nicht in Albinen, hätte ich ein mulmiges Gefühl.»

Diese Ruhe und dieses Bergpanorama. Das ist das wahre Leben.

Pascal Hewer

Mittlerweile ist es draussen dunkel geworden. Die weissen Bergspitzen heben sich kaum mehr vom Himmel ab. Pascal Hewer tritt auf den Balkon und blickt zum Sternenhimmel.
Für ihn sei mit dem Umzug in die Berge ein Traum in Erfüllung gegangen. «Wenn wir keine Kinder hätten, wären wir wohl noch weiter in die Abgeschiedenheit gezogen.» 

Dem gelernten Gipser gefällt die direkte Art der Walliser. «Man weiss, woran man ist. Es gibt kein Geschwätz hinter dem Rücken.» Sie seien herzlich empfangen worden. «Die Albiner sind freundlich und interessiert. Das hat mir in Seengen gefehlt. Da war alles sehr anonym.» Ihr neuer Nachbar hat ihnen schon nach wenigen Tagen den Schlüssel zu seinem Haus anvertraut. «So habe ich mir das Leben in einer Gemeinschaft vorgestellt.»

Die Hewers wissen: Ein Winter in den Bergen macht noch keine Walliser aus ihnen. «Einige haben uns gesagt, dieser Winter sei noch gar nichts. Wir sind gespannt, was noch kommt.» Eins ist sicher: Die Schneeketten haben nun ihren festen Platz im Kofferraum. 

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