29. Juni 2018

Die neue Lust am Strafen

Die Psychotherapeutin Leena Hässig Ramming therapiert seit 30 Jahren Straftäterinnen in Schweizer Gefängnissen. Ein Gespräch über das Strafen als Allerweltsheilmittel, die vergebliche Sehnsucht nach absoluter Sicherheit und den Umgang mit hochgefährlichen Patientinnen.

Leena Hässig im Interview
«Härtere Strafen führen nicht zu mehr Sicherheit», sagt Psychotherapeutin Leena Hässig.
Lesezeit 13 Minuten

Leena Hässig, zwischen 2007 und 2016 wurde das Strafrecht 58mal verändert, meist verschärft. Bundesrichter Niklaus Oberholzer spricht vom «Aufstieg des Strafrechts zum gesellschaftspolitischen Allerweltsheilmittel». Erleben Sie das auch so?

Ja, wir gehen in diese Richtung.

Weshalb glauben wir, jedes Problem mit härteren Strafen lösen zu können? Und funktioniert das auch?

Härtere Strafen führen nicht zu mehr Sicherheit. Aber es ist wichtig für die Gesellschaft und den Täter, dass eine massive Grenzverletzung angemessen geahndet wird.

Der Täter möchte also sühnen?

Genau. Wenn ein Mörder während der Therapie das Ausmass seiner Tat erkennt, kommt es vor, dass er Suizid als einzige Lösung sieht, um für sich selbst die Tat zu sühnen. Die enormen Schuldgefühle machen ein Weiterleben fast nicht möglich. Die Alternative ist dann eine lange Zeit im Gefängnis, so fühlt er sich zumindest von der Gesellschaft angemessen bestraft.

Aber auch in weniger schwerwiegenden Fällen gab es Verschärfungen.

Das Strafrecht ist ein Konstrukt, das immer wieder angepasst und revidiert werden muss. Ich bin sehr froh, dass Bundesrätin Sommaruga in bestimmten Delikten Strafverschärfungen ausgesprochen hat, insbesondere der Vergewaltigung. Die ganze Internetkriminalität gab es nicht, dafür wurde Ehebruch als Straftatbestand abgeschafft. Das Strafrecht wandelt sich je nach Stimmungen und Entwicklungen. Sein grösster Verdienst ist es, eine Gesellschaft zu verhindern, die Grenzverletzungen unter dem Motto «Auge um Auge, Zahn um Zahn» ahndet. Auch wer eine schwere oder schlimme Tat begangen hat, geniesst so eine gewisse Sicherheit, nach geltendem Recht beurteilt zu werden. Auf der anderen Seite neigen wir heute dazu, alles Unangenehme an die Polizei und die Justiz zu delegieren. Wenn sich Jugendliche im Bus schlecht benehmen, fühlt sich niemand verantwortlich aufzustehen und zu sagen: «Hey, nehmt euch zusammen, das geht nicht.» Statt im Alltag Zivilcourage zu zeigen und selbst einzugreifen, ruft man auch bei Kleinigkeiten lieber die Polizei.

Haben die Leute Angst vor der Konfrontation?

Vermutlich. Aus meiner Sicht verlieren wir dadurch die Fähigkeit, unsere eigene Ordnung mitzugestalten. Aber auch beim Strafrecht selbst gibt es eine problematische Entwicklung, die über Verschärfungen hinaus geht. Seine Grundidee besteht darin, vergangene Taten zu ahnden. Nun jedoch gibt es Entwicklungen in Richtung Präventiv-Strafrecht. Dabei zählen nicht mehr Fakten, sondern Wahrscheinlichkeiten: Man versucht mittels Hochrechnungen abzuschätzen, ob ein Täter künftig erneut ein Verbrechen begehen könnte. Das jedoch halte ich für eine gefährliche Entwicklung.

Und der Täter soll nur dann wieder freikommen, wenn er wirklich keine Bedrohung mehr darstellt, was Psychologen und Psychiater bescheinigen sollen. Woher kommt dieser Anspruch nach absoluter Sicherheit?

Ich glaube, das hat mit unserem Wohlstand und dem technischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte zu tun. Wir sind heute daran gewöhnt, dass alles perfekt und reibungslos funktioniert. Wenn wir ins Spital müssen, gehen wir davon aus, dass alles ohne Komplikationen abläuft. Und sind schockiert, wenn es anders ist. Genauso wie wir nicht damit rechnen, eine Panne zu haben, wenn wir in ein Auto steigen. Diese hohe Anspruchshaltung ans störungsfreie Funktionieren findet sich in allen Lebensbereichen, also auch bei der Sicherheit.

Sind wir schlicht zu verwöhnt?

Ich weiss nicht, ob das das richtige Wort ist. Möglicherweise sind wir es wegen der vermeintlichen Sicherheit durch den technischen Fortschritt nicht mehr gewohnt, direkt mit Problemen und Konflikten umzugehen oder diese auszuhalten – deshalb trifft es uns umso härter, wenn dann doch mal was direkt vor oder mit uns passiert.

Und im Fall der Sicherheit wälzt die Gesellschaft die Verantwortung im Grunde via Strafrecht auf die Psychiatrie ab.

Das kann man so sehen. Eine Beurteilung darüber, wer ein Sicherheitsrisiko darstellt und wer nicht, setzt eine entsprechende Ausbildung voraus, die leider derzeit nicht alle haben, die solche Analysen machen. Das kann dazu führen, dass Menschen zu Unrecht als gefährlich eingestuft werden, aber auch dass Menschen freigelassen werden, die eigentlich sanktioniert werden sollten. Hier bräuchte es mehr Qualitätssicherung, um den Wildwuchs einzudämmen.

Aber sind Prognosen über menschliches Verhalten nicht auch bei bester Ausbildung ziemlich relativ? Verlangt man da nicht zu viel von dieser Berufsgruppe?

Wenn man totale Sicherheit fordert, dann verlangt man von Experten tatsächlich zu viel. Denn die gibt es nicht.

Wichtig ist, dass eine von der Gesellschaft eingesetzte Instanz emotionslos und objektiv die belastenden und entlastenden Aspekte einer solchen Tat erfasst und gegeneinander abwägt. In der Schweiz tun dies die Gerichte.

Wenn es also auch nach Therapie und positiver Beurteilung keine Garantie gibt, dass es nicht erneut zu Gewalttaten kommt, verfolgen wir da nicht grundsätzlich einen falschen Ansatz?

Es gibt zum Glück nur sehr wenige Menschen, die derart gefährlich sind. Dass die Öffentlichkeit oft einen anderen Eindruck hat, liegt auch daran, dass Medien halt dazu neigen, mehr über Verbrechen zu schreiben als über die Dinge, die gut laufen. Für mich als Therapeutin von gewalttätigen Menschen ist es vor allem schwierig, dass durch die Verschärfungen der letzten Jahre häufig Personen keine Chance bekommen, sich in der Gesellschaft zu bewähren, die das mit hoher Wahrscheinlichkeit schaffen würden. Aber weil man ja nichts riskieren will, bleiben sie halt eingesperrt, insbesondere auch relativ junge Personen.

Weil letztlich niemand die Verantwortung übernehmen will, falls dann doch was schief geht?

Deshalb ist es wichtig, dass diese Verantwortung auf mehreren Schultern verteilt ist. Aber die Fachkommissionen, die gemeinsam einen Fall beurteilen, stützen sich dabei auf ein psychiatrisches Gutachten, das oft lediglich von einer Person verfasst worden ist. Aus meiner Sicht sollten es mindestens zwei unabhängige Gutachten sein, was derzeit lediglich bei lebenslangen Verwahrungen der Fall ist. Aber es braucht mehrere Perspektiven für einen ausgewogenen Entscheid.

Weshalb?

Weil es im Grunde immer zwei Lager gibt, in der Gesellschaft ebenso wie unter den Experten: Die eine Gruppe fühlt sich abgestossen durch Leute oder Handlungen, die nicht zur Mehrheitsgesellschaft passen, die andere hat Mitleid. Die einen wollen den Clochard aus dem Strassenbild verbannen, halten ihn für faul und für selber schuld an seiner Situation, die anderen vermuten eine schwere Kindheit, die ihm nie eine Chance gegeben hat, und wollen helfen, ihn aus seiner Misere zu befreien. Die eine will strafen, die andere unterstützen, die eine sieht und hört das eine nicht, die andere blendet das andere aus. Es ist ein bisschen wie das berühmte Bild mit den drei Affen, wo sich der eine die Augen zuhält, der andere die Ohren und der dritte den Mund. Deshalb ist es wichtig, dass beide Seiten vertreten sind, so wird die Beurteilung am Ende am fairsten und gerechtesten.

Und in der Gesellschaft gibt’s derzeit mehr Bestrafer?

Tendenziell ja. Nun muss man auch sagen, dass bis zum Mordfall am Zollikerberg 1993 die Justiz- und Vollzugsverantwortlichen tatsächlich in einigen Bereichen zu lasch war (Damals ermordete der Sexualstraftäter Erich Hauert eine 20-jährige Pfadfinderin, was einen härteren Umgang mit Sexualstraftätern nach sich zog, Anm. d.R.). Die Verschärfungen, die damals passiert sind, waren vielfach gerechtfertigt. Es gibt auch einige Leute, bei denen ich froh bin, dass sie bis zum Lebensende verwahrt sind. Aber jetzt bräuchte es klar auch wieder etwas mehr Humanisten, damit wir gesellschaftlich wieder die Mitte finden.

Warum suchen wir als Gesellschaft überhaupt immer einen Schuldigen?

Weil es uns das Leben erleichtert. Wenn wir auf die Strasse gehen und wissen, von wo die Gefahr droht, können wir darauf achten und ansonsten entspannt unser Leben leben. Wenn wir aber nicht so genau wissen, wer oder was uns bedroht, müssen wir ständig auf der Hut sein, es herrscht überall und jederzeit ein diffuses Bedrohungsgefühl. Je eindeutiger wir also die Schuldigen identifizieren können, desto besser für uns.

Es gibt auch Straftatbereiche, in denen eher Milde herrscht, etwa bei der Steuerhinterziehung. Irritiert es Sie, dass da mit so unterschiedlichen Ellen gemessen wird?

Bei einzelnen Biografien im Strafvollzug hatte ich manchmal schon Mühe.

Gibts Bereiche, wo Sie finden, dass man ruhig härter strafen dürfte?

Ich würde gerne die Kinder ausreichend geschützt wissen – und alle Taten ihnen gegenüber angemessen bestraft.

Obwohl Sie vorhin gesagt haben, höhere Strafen führen nicht zu höherer Sicherheit?

Eine Straftat unter Erwachsenen ist etwas ganz anderes, als eine Straftat gegenüber einer Person, die sich nicht wehren kann, wie Kinder oder Behinderte. Das ist zwar schon heute strafverschärfend, aber da wünsche ich mir ein noch härteres Korrektiv.

Leena Hässig hält sich Ohren zu
In Bezug auf das Strafrecht ist die Gesellschaft wie das berühmte Bild mit den drei Affen, sagt Leena Hässig: Jeder verdrängt gewisse Aspekte. Der eine hält sich die Ohren zu...

Sind eigentlich alle Straftäter immer auch psychisch auffällig?

Nein, im Gegenteil. Bisher hat man bei den psychisch kranken Tätern eine psychotherapeutische Massnahme ausgesprochen, während die anderen einfach eine Gefängnisstrafe erhielten. Heute erhalten Personen, bei denen es wahrscheinlich ist, dass sie später wieder eine Tat begehen, oft eine sichernde Massnahme, auch wenn sie vielleicht nicht psychisch krank sind. Das aber ist eben Präventiv-Strafrecht.

Wie soll die Gesellschaft mit Menschen umgehen, die grausame Taten begehen, ohne psychisch krank zu sein? Die kann man doch letztlich nur für immer wegsperren.

Es ist völlig klar, dass solche Taten die meisten Menschen aufwühlen, Abscheu und Unverständnis auslösen. Wichtig ist, dass eine von der Gesellschaft eingesetzte Instanz emotionslos und objektiv die belastenden und entlastenden Aspekte einer solchen Tat erfasst und gegeneinander abwägt. In der Schweiz tun dies die Gerichte. Neben der fundierten juristischen Einschätzung, wird immer gefragt, warum es zu dieser Tat gekommen ist. Dies zu erklären und einzuschätzen ist Aufgabe der Psychologie. Menschen für immer wegzusperren ist in unserem Land das letzte Mittel, und die Hürden dafür sind zurecht sehr hochgelegt. Vorher muss alles andere getan werden, um die Wiederholung einer solchen Tat zu verhindern.

Sie erwähnten eingangs, dass wir uns scheuen, Zivilcourage zu zeigen. Aber könnten wir schlimme Straftaten so überhaupt verhindern? Sollte man auf subtile Warnsignale achten?

Unerwartete Gewalt passiert häufig, wenn Täter in ihrem Umfeld keine oder nur wenige Beziehungen pflegen, isoliert von der Gesellschaft leben oder das Gefühl haben, nicht dazu zu gehören. Die beste Prävention ist es deshalb, wenn Menschen miteinander in Kontakt sind. Bemerkt man also, dass sich jemand plötzlich zurückzieht, wäre es sinnvoll, sich um die Person zu bemühen, den Kontakt zu halten. So kann diese Form von Gewalt verhindert werden.

Sie haben selbst reichlich Erfahrung bei der Therapie mit Straftätern. Verfolgen Sie, was danach aus den Leuten wird?

Ich begleite Personen zum Teil sehr lange, auch schon über Jahrzehnte. Mir wird immer wieder mal zugetragen, was mit den Menschen weiter passiert. Zudem bin ich oft als Supervisorin tätig, helfe also meinen Kollegen bei der Therapie von Strafgefangenen. Dadurch bekomme ich auch einiges mit.

Jeder Täter ist immer viel mehr als sein Delikt.

Was ist Ihre persönliche Erfolgsbilanz?

Als Therapeutin kann man in der Regel bei einem Drittel der Klientel etwas bewirken, bei einem weiteren Drittel hat man zumindest nicht geschadet, aber es ändert sich nicht viel. Und beim letzten Drittel funktioniert es nicht, oft weil äussere Umstände eingewirkt haben: Der Moment ist vielleicht nicht der richtige, die Therapie wird abgebrochen, jemand stirbt oder wird ins Ausland verlegt.

Wie unterscheidet sich die Therapie mit Straftätern von der Psychotherapie mit regulären Patienten?

In einer klassischen Psychotherapie erhält man als Therapeutin lediglich Informationen von der Person selbst. Bei Straftätern gibt es viele Angaben von Drittpersonen, die eingebunden werden müssen. Zudem geht es immer um eine Grenzverletzung, für welche die Person Verantwortung übernehmen muss. Und sie muss sich soweit in den Griff bekommen, damit es nicht wieder passiert.

Früher gab es gar keinen psychologischen Dienst im Gefängnis. Wann und warum hat sich das geändert?

Als ich mit meiner Arbeit 1984 anfing, haben etwa im Gefängnis Hindelbank nur Nonnen die Gefangenen betreut. An vielen Orten war ich die erste Psychologin, und bis 1992 gab es generell nur wenige Psychologen im Strafvollzug. Die Veränderung wurde übrigens ausgerechnet von der terroristischen Roten Armee Fraktion (RAF) initiiert. Deren Mitglieder forderten, dass die Bedingungen im Strafvollzug identisch sind mit denen draussen: Gynäkologische Betreuung, Zahnarzt, Mediziner, Psychologen und Psychotherapien.

Was hat sich für die Strafgefangenen seit dieser Zeit noch geändert?

Früher hatten sie keinen Kontakt zur Aussenwelt. Besonders für Mütter war das eine hohe Belastung, sie waren in ständiger Sorge um ihre Kinder. Als ich begann, war das auch immer das Hauptthema in der Therapie. Dass sie heute telefonieren dürfen, hat die Bedingungen deutlich verbessert. Wichtig für den Strafvollzug ist auch das Medium Fernsehen, welches die Strafgefangenen ruhigstellt.

Leena Hässig hält sich die Augen zu
...der zweite die Augen...

Was bringt die psychologische Betreuung der Strafgefangenen?

Grundsätzlich ist es eine gute Sache. Auch Strafgefangene haben ein Recht auf angemessene körperliche aber eben auch psychische Behandlung. Mindestens so wichtig ist aber auch die Strukturierung des Alltags, die Vorbereitung auf die Arbeitswelt und die Bildung im Strafvollzug – nur so kann die Wiedereingliederung in die Gesellschaft gelingen. Für psychisch Kranke ist die Therapie natürlich sehr zentral. Die Kehrseite der aktuell sehr vielen und lang andauernden Therapien ist, dass so die Psychotherapie eine Art Ritualcharakter erhalten hat, wegen der Transparenz, die von den Behörden gefordert wird. Heute gibt es Insassen, die ganz genau wissen, was sie sagen müssen, damit sie gut dastehen.

Sie stehen in der Verpflichtung gegenüber der Justiz, aber auch gegenüber der Klienten. Wie gelingt dieser Balanceakt?

Das ist nicht leicht, auch weil die Schweigepflicht, welche bei einem normalen Patienten gilt, im Straffvollzug nicht existiert. Zudem wünschte ich mir mehr Vertrauen der Justiz in die Fachmeinung der Therapeuten.

Es gibt immer wieder Verbrecher, die in den Medien diskutiert werden. Denken Sie manchmal, den hätte ich gern therapiert?

An sogenannt berühmten, medienträchtigen Fällen bin ich nicht interessiert. In meiner Laufbahn habe ich gelernt, dass jede Therapie, jede Person interessant ist.

Sie sagten einmal «Das Delikt ablehnen, den Menschen dahinter annehmen». Wie gelingt diese Trennung?

Jeder Täter ist immer viel mehr als sein Delikt. Etwas hat ihn dazu getrieben, und meine Aufgabe als Psychotherapeutin ist es, die Person in ihrer Gesamtheit zu erfassen und wertzuschätzen.

Wie schafft man das bei Menschen, die abscheuliche Dinge getan haben?

Wenn Sie Arzt sind, operieren Sie auch jede Person. Aber klar, als ich jünger war, hatte ich schon starke Emotionen gegenüber Patientinnen. Meine damalige Chefin hat mich dann gelehrt, dass diese nicht relevant sind, dass es einzig um das Funktionieren der Person gehen sollte. Das ist bis heute meine Richtschnur, und meist kann ich meine Emotionen abschalten. Einzig bei Kinderschändern habe ich Mühe.

Das Klischee stimmt irgendwie doch: Männer sind einfacher gestrickt, Frauen kompliziert.

Manchmal haben Sie es mit ernsthaft gefährlichen Leuten zu tun, macht Ihnen das nie Angst?

Doch, auf jeden Fall. In einem Männergefängnis sagte mir einmal mein Bauchgefühl, dass ich einem Insassen nicht mehr alleine gegenübersitzen sollte. Später hat sich herausgestellt, dass der mich in der Therapie hat abstechen wollen. Im Regionalgefängnis Bern musste ich mich einmal unter dem Tisch verstecken, bis die Sicherheitsleute kamen, weil ein psychisch kranker Patient ausgerastet war.

Und doch setzen Sie sich immer wieder mit gefährlichen Tätern zusammen.

Die Sicherheitsvorkehrungen wurden natürlich immer besser. Aber es ist auch wichtig, dass man auf die eigene Intuition hört. Generell muss man sich bei einem unguten Gefühl um die eigene Sicherheit sorgen. Das hat mir sicherlich schon ein paar mal das Leben gerettet.

Haben Sie während der Therapie auch mal etwas zu lachen?

Immer wieder. Ich muss ja häufig die Gesellschaft vertreten, und das mache ich manchmal sehr anschaulich oder gar theatralisch.

Sie haben mehr Frauen als Männer therapiert – was sind die grössten Unterschiede?

Das Klischee stimmt irgendwie doch: Männer sind einfacher gestrickt, Frauen kompliziert. Entsprechend sind Männer leichter therapierbar als Frauen.

Und das nicht nur, weil Sie eine Frau sind?

Nein. Ich kenne einige männlichen Kollegen, die dankend abwinken, wenn sie in einem Frauenstrafvollzug therapieren sollen. Das Handeln der Männer ist für die Gesellschaft transparenter und daher in ihrem Ablauf leichter nachvollziehbar. Bis eine Frau zur Täterin wird, passiert ein sehr langer und komplizierter Weg, den zu entwirren entsprechend aufwendiger ist. Straftaten von Frauen gibt es denn auch im Vergleich deutlich seltener, Gewalttaten nochmals viel seltener.

Leena Hässig hält die Hände vor den Mund
...und der dritte den Mund.

Wieso haben Sie sich gerade auf die Therapierung von Straftätern spezialisiert?

Eigentlich durch Zufall. Dabei geblieben bin ich, weil ich eine super Chefin hatte. Sie hat mir dieses Metier nicht nur beigebracht, sondern mir auch eine Faszination dafür mitgegeben.

Wenn man so intensiv mit den schwierigen Seiten von Menschen zu tun hat, kann man sich da irgendwie noch den Glauben an das Gute und Schöne im Menschen bewahren?

Früher durfte man nicht mehr als 50 Prozent in diesem Bereich arbeiten, damit man den Bezug zum Normalen behält. Das finde ich nicht unberechtigt. Ich habe auch immer Teilzeit gearbeitet, das hat mir ermöglicht, nicht im Zynismus unterzugehen.

Sie sagten einmal, wir seien alle gefleckte Schafe, keine weissen und schwarzen…

Ja, jede Person hat in sich Szenarien von Grenzverletzungen. Aber um diese tatsächlich zu vollziehen, braucht es noch weitere Bedingungen.

Ein Forensiker, den wir kürzlich interviewt haben, sagte uns, er misstraue jedem Menschen, der noch nie daran gedacht habe, einen anderen umzubringen.

Das geht mir auch so.

Dann gibt es Menschen, die diese Impulse besser im Griff haben als andere?

Den Impuls im Griff zu haben, ist relativ einfach. Die Überwindung, die Grenze zu überschreiten, ist sehr hoch.

Das spricht dann doch wieder für das Gute im Menschen.

Absolut.

Krimis haben nichts mit unserer Realität zu tun.

Wie geht Ihr Umfeld mit Ihrem Job um?

Mittlerweile habe ich mir angewöhnt zwischendurch zu sagen, ich sei Hundecoiffeuse. (lacht)

Was sicher auch Aufmerksamkeit generiert.

Nein, im Ernst, ich bin sehr zurückhaltend. Viele wissen gar nicht, was ich mache. Die, die etwas mitbekommen, sind entweder fasziniert oder äussern ihr Unverständnis. Meine Kinder haben es natürlich mitbekommen und dabei auch eine gewisse Abhärtung entwickelt. Und sie wussten immer wo ich war – im Gefängnis. Einmal rief ein Lehrer meiner Söhne an, um ein Elterngespräch zu vereinbaren. Ich war ganz vertieft in meine Agenda und sagte etwas geistesabwesend, «nein, das geht nicht, da bin ich im Gefängnis». Er antwortete, hörbar verunsichert: «Für länger?» (lacht)

Wirkt sich Ihre Arbeit sonst irgendwie auf Ihr Privatleben aus?

Es ist eine Bereicherung, zu erfahren, wie Menschen funktionieren, zu erleben, wie sie einem vertrauen und ihr Innerstes öffnen. Und grundsätzlich erschüttert mich nicht mehr so viel.

Was tun Sie, um abzuschalten und sich zu entspannen?

Die Kinder haben mich über viele Jahre gut abgelenkt. Und ich bin gern in der Natur und lese viel. Seit 30 Jahren bin ich in einem Literaturklub, das gibt mir mehr als Fachbücher. Generell haben Therapeuten unterschiedliche Strategien zur Entspannung: Ein Kollege setzt sich nach einem Tag im Gefängnis in die Heiliggeist-Kirche und isst 100 Gramm Schokolade, andere schauen Serien im Fernsehen, niederschwellige, einfache Dinge. So eine Phase hatte ich auch mal.

Auch Krimis?

Bloss das nicht! Ich schaue nicht mal «Tatort». Das hat nichts mit unserer Realität zu tun.

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