28. Mai 2018

Die neue Freiwilligenarbeit

Jeder Vierte in der Schweiz setzt sich ehrenamtlich für die Gesellschaft ein. Fünf Freiwillige zeigen ihr Projekt und erzählen, was sie bewegt. Sie gehören laut einem Trendforscher des Gottlieb-Duttweiler-Instituts (GDI) zu den sogenannten «neuen Freiwilligen».

Lesezeit 7 Minuten

«Bagno Popolare» – das öffentliche Thermalbad

Kerngruppe des Vereins Bagni Popolari
Die Kerngruppe des Vereins Bagni Popolari besteht aus sieben Männern und einer Frau. «Die besten Ideen kommen uns beim Baden», sagt Initiant Marc Angst (hinten rechts im Becken).

Aus vier Hähnen sprudelt heisses Thermalwasser ins Becken. Ein paar Mitglieder haben es sich darin gemütlich gemacht, die anderen stehen mit einem Bier daneben, schwatzen und lachen. Gleich nebenan fliesst die Limmat durch Baden AG. Täglich sprudeln 900 000 Liter Thermalwasser aus 18 Quellen in den Fluss. Derzeit gäbe es kein öffentliches Thermalbad in der Stadt, wären da nicht die badefreudigen Vereinsmitglieder. Ihre Idee: Alle sollen kostenlos unter freiem Himmel in den wohltuenden Badegenuss kommen. Sie ist mitunter im Kopf von Marc Angst (42) entstanden. Angst ist einer, der sich schon an mehreren Fronten freiwillig eingesetzt hat. Er ist sich gewohnt, nicht lange zu fackeln, sondern zur Tat zu schreiten. Zusammen mit einigen Gleichgesinnten zapfte er eines Nachts eine ungenutzte Thermalwasserquelle an und improvisierte das erste Bad. Bald war das «Bagno Popolare» Stadtgespräch.

Alle bringen ihr Wissen ein

Das Bad steht nun – hochoffiziell – seit Dezember 2017 direkt neben der Baustelle, wo im Jahr 2020 das neue Thermalbad des Stararchitekten Mario Botta eröffnet werden soll. «Es wäre doch schade, wenn das Wasser bis dann ungebadet in die Limmat fliessen würde», findet die 37-jährige Daniela Dreizler, die zur Kerngruppe des Vereins gehört. Die Architektin mag an der Freiwilligenarbeit, dass sie ihr Wissen einbringen kann. «Zudem sind wir eine tolle Gruppe.» Da ist zum Beispiel Dominik Achermann, der im Networken stark ist. Reto Sigrist, der als Schreiner das Know-how für den Bau mitbringt. Oder Andriu Deflorin, der für die Website zuständig ist. Er wohnt ganz in der Nähe des Bads und schaut jeden Abend kurz nach dem Rechten. «Es hat mich noch nie gestört, vor dem Zubettgehen hier noch einmal vorbeizukommen. Wir arbeiten unentgeltlich, unser Lohn ist die Freude – unsere eigene und die unserer vielen Gäste.»

Ideenwettbewerb gewonnen

Dank eines Putzplans bleibt das Bad immer sauber. Tatsächlich sei das Reinigen des Beckens das Einzige, was in ihrem Verein fest organisiert sei. «Unsere Einsätze sind immer spontan und kurzfristig», so Marc Angst. Er und seine Leute haben ein Ziel: Das Bad soll einen definitiven Standort bekommen, sobald das grosse Botta-Bad eröffnet ist. Das Projekt für einen heissen Brunnen wurde am 4. Mai zusammen mit zehn weiteren Projekten aus der ganzen Schweiz zu den Gewinnern eines Ideenwettbewerbs des Bundesamts für Kultur auserkoren.

«CompiSternli» – das Generationenprojekt

Alicia und Beatrice Meyer am Computer
Alicia und Beatrice Meyer drücken gemeinsam die Schulbank.

«Das letzte Mal haben wir den Home-Button kennengelernt, damit lassen sich Apps schliessen. Wissen Sie noch, wo er ist?», fragt Alicia. «Vielleicht da auf der Seite?», fragt Frau Meyer zögerlich. «Nein, das ist die Standby-Taste, damit können Sie das iPad zum ‹Schlafen› bringen oder abschalten, wenn Sie lange draufdrücken. Schauen Sie, der Home-Button ist hier», erklärt Alicia der Rentnerin. «Wollen Sie versuchen, die Apps zu schliessen?»

Alicia (11) und Beatrice Meyer (80) drücken im Schulhaus Gerbematt in Rothenburg LU gemeinsam die Schulbank. Für einmal ist die Schülerin die Lehrerin.

Gelernt, wie man lehrt

Alicia engagiert sich für den Verein CompiSternli, ein Generationenprojekt, das Jung und Alt zusammenbringt und Senioren in die Welt der Tablets einführt. Gemeinsam mit anderen Kindern und einer Lehrperson hat Alicia in sieben Doppelstunden gelernt, wie man älteren Menschen den Umgang mit dem iPad vermittelt. «Es hat so viel Geduld. Man merkt, dass es sich gut vorbereitet hat», schwärmt die Rentnerin. Die ehemalige Kindergärtnerin weiss, was in der Didaktik wichtig ist.

Spass und neue Erfahrung

Würde Alicia das Gerät selber in die Hand nehmen, ginge alles ganz schnell: Kinder klicken, wischen und tippen intuitiv auf Tablets und Smartphones herum. Aber Alicia hat gelernt,dass sie ihre betagte Schülerinselber machen lassen sollte. Frau Meyer muss zuweilen zwei oder drei Mal ansetzen, um einen Schieber auf dem Display von on auf off zustellen. Und Alicia wird sie in der laufenden Doppelstunde noch zwei Mal auffordern, den Home-Button zu suchen.

Der Kurs für Frau Meyer dauert insgesamt vier Stunden, verteilt auf zwei Vormittage. Nach Abschluss der zweiten Doppelstunde strahlt Frau Meyer über das ganze Gesicht: «Ich habe so viel Neues gelernt, all diese englischen Wörter. Endlich weiss ich, was eine App ist.» Auch Alicia ist beschwingt: «Ich möchte vielleicht mal Lehrerin werden, darum war das für mich eine sehr spannende Erfahrung – und es hat Spass gemacht.»

«Benevol» – die Jobplattform

Aditi Maheshwari am Stand der Hilfsorganisation «Hunger Projekt»
Aditi Maheshwari (rechts) am Stand der Hilfsorganisation «Hunger Projekt».

Welches Potenzial das Internet für die Freiwilligenarbeit birgt, zeigt das Beispiel von Aditi Maheshwari (33): Die gebürtige Inderin fand via Benevol-Jobs zu ihrer Tätigkeit. Auf dem Portal können Organisationen Einsätze ausschreiben, für die sie Unterstützung durch Freiwillige suchen. Aditi entschied sich für das «Hunger Projekt», eine Organisation, die sich unter anderem für Frauen in Indien einsetzt. Obwohl das Mindestalter zum Heiraten bei 18 Jahren liegt und ein Gesetz vorschreibt, dass ein Drittel der Gemeinderäte weiblich sein muss, sieht es in der Realität ganz anders aus: «Ich weiss, wie schwer es die Frauen in meiner Heimat haben.» Viele von ihnen kennen diese Gesetze nicht, oder sie können sie nicht durchsetzen. Das «Hunger Projekt» setzt hier an: «Wir unterstützen Frauen dabei, ihre Rechte einzufordern, indem wir sie etwa zu Gemeinderätinnen ausbilden.»

Vorschläge erwünscht

Die Qualitätsmanagerin engagiert sich drei bis vier Stunden pro Woche für die Hilfsorganisation. Sie beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Akquirieren von Spenden. Eigentlich eine mühsame Arbeit. Aber das «Hunger Projekt» lässt seinen Freiwilligen viele Gestaltungsmöglichkeiten. Aditi konnte Vorschläge einbringen und hat eine Lösung gefunden, mit der sie sich sehr wohlfühlt.

Kreatives Spendensammeln

Gemeinsam mit anderen Freiwilligen wirbt Aditi für die Idee, auf Geburtstagspartys und anderen Festen auf Geschenke zu verzichten und dafür die Gäste auf eine Spendenplattform zu verweisen, über die sie dem «Hunger Projekt» einen Beitrag spenden können. «Auf der Strasse nach Geld zu bitten, wäre mir peinlich. Die Leute auf diese Art des Spendens aufmerksam zu machen, macht mir hingegen keine Mühe.» Schliesslich sei man doch oft auf ein Fest eingeladen und wisse nicht, welches Geschenk man dem Gastgeber mitbringen soll – und viele Gastgeber wiederum würden doch schon alles besitzen, was sie sich wünschten.

Die Pharmaangestellte hat also dank des Internets nicht nur eine Freiwilligenarbeit gefunden, mit der sie sich voll identifiziert. Sie nutzt auch eine digital unterstützte Lösung für ihre Tätigkeit.

«ClimbAID» – das Kletterprojekt

Kathrin Aeberhard von «ClimbAID» an der Kletterwand
Die Freiwillige Kathrin Aeberhard zeigt den Flüchtlingen Tarakan (links) und Massoud, wie es aufwärtsgeht.

«Die Bewegung muss aus der Hüfte kommen», ruft Kathrin Aeberhard (25) auf Hochdeutsch in die Höhe. «Ja, genau», jubelt sie, als Murtza (20) den nächsten Griff erreicht: «Wow, so hoch warst du noch nie!» Murtza lässt sich erschöpft auf die Matte fallen, Kathrin Aeberhard klopft ihm auf die Schulter. «Das war sehr gut», lobt sie. Murtza strahlt zufrieden.

«Bouldern ist mein Hobby», sagt der junge Mann. Er kommt jeden Freitag ins Cityboulder in Kriens LU, wo Aeberhard und andere Freiwillige der Non­Profit-Organisation ClimbAID mit jugendlichen Flüchtlingen klettern. «Nach einer anstrengenden Woche in der Schule ist das das Beste für mich», findet Murtza.

Körper und Geist stärken

Ebenso geht es der Freiwilligen Kathrin Aeberhard (25). «Ich liebe diesen Sport», sagt sie. Deshalb liegt ihr viel daran, ihn den Jugendlichen zu vermitteln. Zudem, erklärt sie, stärke das Klettern das Selbstbewusstsein. «Du hast eine Route. Du versuchst, einen Griff nach dem anderen zu erreichen. Manchmal fällst du runter. Du gibst nicht auf, sondern kletterst wieder hoch.» Gerade für die minderjährigen Flüchtlinge, von denen viele Schlimmes erlebt hätten, sei diese Erfahrung wichtig.

Neue Art von Freiwilligenarbeit

Drei bis neun Teilnehmer – vor allem aus Afghanistan, Eritrea, Syrien und Sri Lanka – nutzen das Angebot wöchentlich. Die Kletterhalle offeriert den Flüchtlingen Eintritt und Kletterfinken. «Das ist grossartig», sagt Kathrin Aeberhard. Sie und die anderen Helfer arbeiten ehrenamtlich.

Die Organisation läuft unkompliziert: «Alles ist spontan und ohne Zwang», erklärt Aeberhard, «wir koordinieren Helfer und Teilnehmer in Whatsapp-Gruppen.» Ob Freiwilliger oder Flüchtling: Wer Zeit hat, kommt. Wer keine hat, freut sich aufs nächste Mal.

«KISS» – die Zeitvorsorge

Susanne Rickenmann und Erika Wenk beim Einkaufen
Susanne Rickenmann (rechts) begleitet Erika Wenk beim Einkaufen.

Jeden Montag steuert Susanne Rickenmann (72) mit ihrem blauen Mazda das Haus von Erika Wenk an. Die 82-Jährige, die seit über einem Jahr nicht mehr selbst Auto fährt, steht mit ihrer Einkaufstasche bereit. Die Frauen fahren ins Dorfzentrum von Wattwil SG, und trinken erst einmal einen Kaffee.

«Den haben wir noch nie ausgelassen», sagt Erika Wenk und schaut Susanne Rickenmann fröhlich an. «Stimmt. Wir reden über Gott und die Welt und haben es lustig», bestätigt die Freiwillige.

Nach dem Käfele gehen sie einkaufen. Wer damit zuerst fertig ist, setzt sich auf das Bänkli neben dem Laden und wartet. Gemeinsam fahren sie wieder zu Erika Wenk nach Hause, wo sich ihre Wege wieder trennen.

Neue Altersvorsorge

Zwei Stunden sind die Frauen miteinander unterwegs. Die Stunden fliessen direkt auf Rickenmanns Zeitkonto. Sollte sie später selber einmal auf Hilfe angewiesen sein, könnte sie die Einsatzstunden für sich beanspruchen.

So funktioniert das Konzept des Vereins Kiss Schweiz, der seine Zeitvorsorge als Ergänzung zu AHV, BVG und privater Vorsorge sieht.

«Erika hat immer ein schlechtes Gewissen, dass sie meine Zeit beansprucht», sagt Susanne Rickenmann und schmunzelt. «Aber ich habe mich ja freiwillig gemeldet. Und ich sammle mit meinen Einsätzen Stunden an, die mir zugutekommen.»

50 Stunden in fünf Monaten

Etwa 50 Stunden kamen in den letzten fünf Monaten zusammen. Aber nur deshalb leistet sie diese Arbeit nicht: «Auch wenn ich diese Zeit später nicht ein­^lösen könnte, wäre das nicht schlimm. Mir geht es vor allem darum, dass ich eine sinnvolle Aufgabe habe.» – «Und ich bin so dankbar!», sagt Erika Wenk und legt ihrer Helferin die Hand auf den Unterarm. «Ich freue mich immer, wenn du kommst.»

Das Interview mit dem Trendforscher des Gottlieb-Duttweiler-Instituts findest du hier.

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Studienverfasser Jakub Samochowiec

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