06. September 2018

Die neue Flut der Geschlechts- identitäten

Trans*, Inter*, non-binär, genderqueer…– seit einiger Zeit gibt es viele ungewohnte Begriffe, um Geschlechtsidentität zu beschreiben. Der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voss erklärt, was es damit auf sich hat. Und dass die lange vorherrschende klare Einteilung in Mann und Frau auch biologisch unzureichend ist.

Heinz-Jürgen Voss
Heinz-Jürgen Voss (38) ist Professor für Sexualwissenschaft und Sexuelle Bildung an der Hochschule Merseburg in Sachsen-Anhalt (D). Der Biologe forscht schon seit Jahren im Bereich Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung.

Heinz-Jürgen Voss, lange Zeit gab es Mann und Frau, und das wars. In den letzten Jahren nun ist es zu einer Explosion von Geschlechtsidentitäten gekommen, allein Facebook bietet 60 Optionen. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Historisch gesehen, gab es in Europa lange Zeit eine grosse Offenheit bezüglich Geschlechtlichkeit. Bis Ende des 19. Jahrhunderts finden sich etwa im Preussischen Allgemeinen Landrecht und im Bayrischen Bürgerlichen Gesetzbuch Regelungen, die ein drittes Geschlecht berücksichtigen. War zum Beispiel ein Geschlecht nicht eindeutig erkennbar, sollte sich die Person selbst mit dem 18. Lebensjahr für eines der beiden gebräuchlichen sozialen Geschlechter entscheiden.

Diese Regelung galt ganz offiziell?

Ja, die Reduktion auf Mann und Frau kam erst später, mit dem Wahrheitsanspruch und den Klassifikationsbedürfnissen der modernen Wissenschaft und Medizin. In diesen Disziplinen war man davon überzeugt, dass sich aufgrund einzelner Merkmale das Geschlecht ganz eindeutig bestimmen lässt. Auch die Religionen waren früher übrigens durchaus tolerant gegenüber Ambiguitäten bei den Geschlechtern; die katholische Kirche schränkte dies erst mit dem 1. Vatikanischen Konzil 1870 ein. Dort wurde auch der Absolutheitsanspruch für die Aussagen des Papstes durchgesetzt.

Nun haben sich die Zeiten wieder gelockert, wie kam es dazu?

Das hat auch damit zu tun, dass sich mehr und mehr Menschen damit schwertaten, in klar begrenzte Schubladen gesteckt zu werden. Daraus entstand ab den 1960er-Jahren eine Gegenbewegung, die zur sexuellen Revolution führte. Nach und nach wurde sexuelles Verhalten akzeptierter, das zuvor als problematisch oder pervers galt, Strafparagrafen wurden gelockert und abgeschafft. Bereits 1980 gab es in Deutschland ein «Transsexuellengesetz», schon damals war Geschlechtsidentität also ein Thema. Seither gab es einige Anpassungen, 2011 etwa erklärte das deutsche Bundesverfassungsgericht die Regelung für verfassungswidrig, dass Menschen zuerst zeugungsunfähig gemacht werden müssen, bevor ihr Geschlecht im Personenstandsregister angepasst werden konnte.

Um 1900 liefen zwei befreundete Männer aus der Arbeiterschaft in Berlin problemlos händchenhaltend durch die Strassen, ohne dass das irgendwen irritierte.

Dennoch basierten Geschlechtsidentitäten noch lange auf der Vorstellung von Mann und Frau. Nun jedoch gibt es Menschen, die sich weder hier noch dort einordnen wollen.

Den Wunsch, dieser Eindeutigkeit zu entrinnen, gibt es schon länger. Die Öffnung der Gesellschaft hat mehr und mehr Menschen dazu gebracht, sich mit ihren Gefühlen und Wünschen zu befassen und diese auch zu äussern. Und einige finden, dass weder die Kategorie Mann noch die Kategorie Frau richtig zu ihnen passt. Sie nennen sich non-binär, bewegen sich also in irgendeiner Form zwischen oder ausserhalb der klassischen Geschlechtsidentitäten. Sie wollen ihren eigenen individuellen Weg finden. Es gibt dabei allerdings noch immer viele Hürden zu überwinden, man muss sich weiterhin mit den gesellschaftlichen Normen auseinandersetzen. Einige Trans*-Menschen entscheiden sich deshalb zum Beispiel, dass eine Namensänderung für sie reicht und verzichten auf eine operative Angleichung des Geschlechts.

Weshalb ist diese extreme Ausdifferenzierung der Geschlechtsidentität für die Betroffenen so wichtig? Wollte man nicht aufhören mit den Schubladen?

Es gibt heute ganz klar ein grösseres Angebot an Schubladen – basierend auf ein paar zentralen Merkmalen ordnet man sich hier oder dort ein. Diese neue Vielfalt ist eine Folge der zuvor herrschenden massiven Enge bei den Geschlechternormen. Verglichen aber mit den 1920er-Jahren sind das zaghafte Versuche.

Damals war man so viel flexibler?

Oh ja. Und weil man die eigene Individualität viel selbstverständlicher leben konnte, gab es auch die Notwendigkeit nicht, sich bis in jede Einzelheit geschlechtlich definieren zu müssen. Um 1900 etwa liefen zwei befreundete Männer aus der Arbeiterschaft in Berlin problemlos händchenhaltend durch die Strassen, ohne dass das irgendwen irritierte. Heute löst das ganz eindeutige Assoziationen zu ihrer sexuellen Orientierung aus, auch wenn diese vielerorts weniger stark problematisiert wird als auch schon. Die Freiheit im Umgang mit Geschlecht war trotz der Liberalisierung der letzten Jahrzehnte früher schon mal deutlich grösser.

Studien für die USA, Grossbritannien und Deutschland zeigen, dass 30 bis 50 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sich als nicht ausschliesslich heterosexuell beschreiben würden.

Aber nochmals: In früheren Jahrhunderten hatte ein Mann Sex mit Männern, ohne sich deshalb ein Label um den Hals zu hängen und das als wichtiges identitätsstiftendes Merkmal wahrzunehmen. Wieso ist das heute anders?

Bei der sexuellen Orientierung passierte dieser Wechsel in den 1860er-Jahren. Damals prägte der deutsche Jurist, Schriftsteller und Aktivist Karl-Heinrich Ulrichs die Konzepte Hetero-, Homo- und Bisexualität, auch wenn er andere Worte dafür verwendete. Er selbst bekannte sich offen zu seiner gleichgeschlechtlichen «Veranlagung» und gilt in der Fachliteratur deshalb als «erster Schwuler der Weltgeschichte». Hintergrund für sein emanzipatorisches Streiten war, dass der preussische Strafparagraph gegen gleichgeschlechtlichen Sex unter Männern auf das ganze sich gerade gründende Deutsche Reich ausgeweitet werden sollte. Ulrichs forderte im Gegenteil dazu eine Liberalisierung. Er war im Grunde der erste Aktivist der Schwulenbewegung, indem er gleichgeschlechtliche Sexualität zu einer der natürlichen, angeborenen Varianten des Menschen erklärte. Und dieser politische Aktivismus war es auch, der sexuelle Orientierung später mehr und mehr zu einem identitätsstiftenden Merkmal machte.

Wie passierte das?

Es entwickelte sich eine zunehmende Selbstbekenntniskultur, um für die emanzipatorische Sache zu streiten: Ich bin genau das, und ich möchte so sein, und das ist auch völlig okay so. Es ist natürlich auch einfacher, Gleichgesinnte zu finden, wenn man sich so einordnet. Hinzu kamen dann wieder Wissenschaft und Medizin mit ihren Kategorisierungsbedürfnissen. Um mehr über diese besonderen, «homosexuellen» Menschen zu erfahren, musste man sie erst mal richtig zuordnen. Nur dann konnte man schauen, ob sich irgendwelche Besonderheiten fanden. Da passierten dann auch einige grauenvolle Dinge, bis zu erzwungenen Gehirnoperationen an Homosexuellen, die es in der BRD noch in den 1960er- und 70er-Jahren gab. Schaut man sich heutige wissenschaftliche Studien mit Jugendlichen an, sieht man, wie sehr sich deren Einstellungen inzwischen flexibilisiert haben.

Zum Beispiel?

Wir machen hier in Merseburg alle zehn Jahre die Jugendsexualitätsstudie Ostdeutschland. 2013 gaben von den befragten Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren 42 Prozent an, dass sie gleichgeschlechtliche sexuelle Fantasien haben, 24 Prozent hatten entsprechende Erfahrungen. Bei den Jungs waren es 15 Prozent. Es haben also eine sehr viel höhere Zahl junger Leute gleichgeschlechtliche Fantasien und Erfahrungen als die, die sich klar als lesbisch, schwul oder bisexuell identifizieren. Einige wollen sich klar festlegen, andere lieber nicht, die wollen vielleicht erst mal ausprobieren.

Das ist heute sicherlich leichter als vor 20 Jahren.

Grundsätzlich ja, es gibt mehr akzeptierte Möglichkeiten. Studien für die USA, Grossbritannien und Deutschland zeigen, dass 30 bis 50 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen sich als nicht ausschliesslich heterosexuell beschreiben würden. Gleichzeitig haben sich die Optionen aber auch reduziert. Zwar können Schwule und Lesben heute heiraten, dafür sind gewisse Formen des schwulen Sexuallebens verpönter als früher, anonymer Sex in Parks oder öffentlichen WCs zum Beispiel. Gleichgeschlechtliche Paare, die sich der bürgerlichen, heterosexuellen Norm anpassen, werden weniger diskriminiert als die, die das nicht tun. Auch Sanktionen gegen HIV-Positive sind heute in einigen EU-Ländern wie Österreich und Deutschland schärfer als zur Zeit der grössten Aids-Hysterie in den 1980er-Jahren.

Die vielen Begriffe sind auch entstanden, weil es an vielen Orten viele Menschen gibt, die alle versuchen, Worte für ihre Gefühle zu finden.

Stecken hinter den vielen verschiedenen Begriffen für Geschlecht tatsächlich auch unterschiedliche Identitäten? Gibt es relevante Hauptkategorien?

Diese grosse Zahl von Begriffen ist offensichtlich ein Bedürfnis, aber wenn man sie reduzieren will, müsste man wohl folgende nennen: Cis-Frau und Cis-Mann (Menschen, die sich ihrem Geburtsgeschlecht zugehörig fühlen), Trans*-Frau und Trans*-Mann (Menschen, die sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen als dem, dem sie bei Geburt zugeordnet wurden), Intergeschlechtlich (Menschen, die mit biologischen Merkmalen beider Geschlechter geboren wurden) und non-binär (Menschen, die sich keinem der beiden Geschlechter fest zuordnen).

Gibt es wichtige Unterkategorien?

Ich würde bei non-binär noch genderfluid und genderfree unterscheiden. Ersteres bedeutet, dass man sich mal so und mal so fühlt und entsprechend verhält, letzteres bedeutet, dass man wirklich keinem der beiden klassischen Geschlechter zugeordnet werden möchte. Die vielen verschiedenen Begriffe sind auch deshalb entstanden, weil es an vielen Orten viele Menschen und Organisationen gibt, die alle gleichzeitig versuchen, Worte für ihr geschlechtliches Selbstverständnis und ihre Gefühle zu finden. Und natürlich gibt es auch ganz spezifische Identitätsunterschiede, die den einzelnen so wichtig sind, dass sie dafür einen speziellen Begriff verwenden möchten. Entscheidend ist es aus meiner Sicht, diesbezüglich die Wünsche einer Person zu respektieren. Diese Begriffe sind nicht nur Spielerei, sondern ein wichtiger Teil der Selbstfindung.

Stecken dahinter auch handfeste biologische Fakten? Ist die Einteilung Mann/Frau tatsächlich nicht so glasklar wie lange gedacht?

Ist sie tatsächlich nicht. Jeder Embryo hat erst mal das Potenzial, sich in jegliche geschlechtliche Richtung zu entwickeln. Aufgrund verschiedener Faktoren entwickeln sich dann einige Organe weiter, andere nicht oder bilden sich gar zurück. Dabei ergeben sich in Bezug auf die Geschlechtsorgane diverse biologische «Zwischenmodelle», die weder typisch Mann noch typisch Frau sind. So gibt es zum Beispiel Menschen mit einem als typisch weiblich betrachteten Chromosomensatz, die ein typisch männliches Erscheinungsbild haben und umgekehrt. Dass sich in der Öffentlichkeit die Vorstellung der Eindeutigkeit noch immer hält, hat auch damit zu tun, dass sich Biologen, Medizinerinnen und weitere Forschende lange dazu verpflichtet fühlten, die Dinge simpel und verständlich darzustellen und dabei Komplexität reduziert und nicht ausreichend thematisiert haben.

20 bis 30 Prozent der Gesamtbevölkerung lassen sich nicht eindeutig als Mann oder Frau einordnen, weil es biologisch diverse ‹Zwischenmodelle› gibt.

Eins aber bleibt fix, nicht? Der Mann zeugt, die Frau trägt aus und gebärt – daran lässt sich kaum rütteln.

Das kann man schon so festlegen, aber dann haben wir in beiden Gruppen je etwa 35 Prozent der Bevölkerung – der Rest, immerhin etwa 20 bis 30 Prozent der Gesamtbevölkerung, lässt sich so nicht zuordnen, weil es biologisch und körperlich eben diverse «Zwischenmodelle» und Übergangsformen gibt. Und auch die Zeugungsfähigkeit ist nicht einfach so garantiert. Letztlich landet man immer wieder dabei, dass eine einfache Zuordnung der Realität einfach nicht entspricht, dafür gibt es viel zu viele Variationen. Interessant ist in dem Zusammenhang eine Studie mit Jugendlichen aus Kassel, die sich selbst auf einer Skala zwischen typisch männlich und typisch weiblich einordnen sollten: Mehr als 40 Prozent ordneten sich mit deutlichem Abstand von den Polen ein. Das bedeutet nicht, dass sie sich alle als Trans* oder Inter* einordnen würden, sondern dass die Jugendlichen einen Abstand zur Norm erleben, wie sie etwa in Biologiebüchern mit der «typischen» Pubertätsentwicklung präsentiert wird.

Das erzwungene eindeutige Einordnen zu einem Geschlecht hat auch immer wieder zu viel Leid geführt.

Ja, Inter*-Personen, also Menschen, die mit den Merkmalen beider Geschlechter geboren werden, wurden bis vor Kurzem systematisch operiert, um ein körperlich eindeutiges Geschlecht herzustellen. Die Eingriffe sind mit hohen Komplikationsraten behaftet und schwer traumatisierend, bei vielen führten und führen sie zu viel Kummer. Auch Trans*-Personen leiden unter den derzeit gültigen gesellschaftlichen Zwängen: Bis zum 18. Lebensjahr sehen wir bei ihnen Suizidversuchsraten von über 40 Prozent.

Hilft es denn, dass ein global so weit verbreitetes soziales Netzwerk wie Facebook sich bezüglich unterschiedlicher Geschlechtsidentitäten so aufgeschlossen zeigt?

Schon ein wenig. Nützlich sind auch die Soaps der privaten TV-Sender, wo immer wieder mal Trans*-Personen auftreten. Das hilft Jugendlichen, positive Rollenmodelle zu finden. Der Wissenschaftler Yener Bayramoğlu hat in seinem aktuell erschienenen Band «Queere (Un-)Sichtbarkeiten» das Potenzial von populären Medien hinsichtlich geschlechtlicher und sexueller Selbstbestimmung ausgeleuchtet.

Niemand hinterfragt seine Geschlechtsidentität einfach aus Lust und Laune.

Kritiker reiben sich an Widersprüchen: Wenn Trans*-Menschen betonen, nicht der Körper sei entscheidend, sondern die Seele – weshalb dann ein so grosses Drama um den Körper? Weshalb die Bemühungen, sich den sozial als «weiblich» oder «männlich» konnotierten Eigenheiten anzunähern?

Unsere Gesellschaft ist halt sehr stereotyp aufgebaut. Von klein auf wird man automatisch als Mädchen oder Junge angesprochen, wir alle können uns diesem Denken zunächst mal nicht entziehen, auch Trans*-Menschen nicht. Zudem hat es sie ihr ganzes Leben lang belastet, in die eine Kategorie eingeteilt zu werden, obwohl sie eigentlich zur anderen gehören oder sich nicht binär verorten. Da kann es nicht überraschen, wenn einige stark darauf fokussiert sind, in dem stereotypen System zu funktionieren und den normativen Vorstellungen zu entsprechen. Das ist ihr gutes Recht. Es wird noch viel Arbeit brauchen, um das Geschlecht in der Gesellschaft weniger relevant zu machen.

Andere finden: Diese Leute haben einen Knall, die wollen sich nur wichtig machen und profilieren, das ist eine Modeerscheinung, ein Phase. Was sagen Sie dazu?

Ist es nicht. Niemand hinterfragt seine Geschlechtsidentität einfach leichtfertig und aus Lust und Laune. Umso mehr als er/sie sich das Leben damit nicht leichter macht. Dennoch ist diese oben genannte Reaktion gar nicht so «schlimm», sofern sie nicht abschätzig einer Trans*-Person gegenüber geäussert wird. Die Reaktion bedeutet nämlich, dass sich die Person mit dem Thema auseinandersetzt, dass es sie beschäftigt – und das ist schon mal erfreulich, damit lässt sich arbeiten. Es ist ja auch verständlich, dass es nicht jedem und jeder gleich leichtfällt, über Jahrzehnte angelernte Gewissheiten nun plötzlich über den Haufen zu werfen. Das sind Veränderungen, die erklärungsbedürftig sind. Es ist an uns als Gesellschaft und auch als Wissenschaft, diese Erklärungen zu liefern.

Hilft es, dass Schwule und Lesben den Weg jahrzehntelang vorgespurt haben? Erleichtert die so entstandene gesellschaftliche Flexibilisierung die Sache?

Ganz klar. Wichtig scheint mir dabei aber auch, dass Homosexuelle die neu gewonnenen Privilegien nicht einsetzen sollten, um selbst zu diskriminieren, sondern sich nun selbst für andere Minderheiten einsetzen sollten. Das passiert leider nicht immer: Bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich letztes Jahr haben etwa 50 Prozent der Schwulen den rechtsextremen Front National gewählt.

Die Frage ist doch, weshalb wir so intolerant gegenüber Ambiguität geworden sind, gegenüber Uneindeutigkeit und Widersprüchlichkeit.

Wo orten Sie die grössten Widerstände für eine Akzeptanz unterschiedlicher Geschlechtsidentitäten?

Am ehesten bei den Rechtspopulisten und Rechtsextremen. Viel weniger bei religiösen Gemeinschaften, wo man sie ja oft vermutet. Im muslimischen Pakistan etwa wurde kürzlich der Geschlechtseintrag liberalisiert: Jede Person kann sich selbst so eintragen lassen, wie sie will. Das ermöglicht im Extremfall sogar gleichgeschlechtlichen Paaren ein Zusammenleben, wenn sich eine der beiden einfach offiziell als anderes Geschlecht eintragen lässt. Ein ganz anderer Lösungsansatz als in Europa, aber wir sollten uns bewusst sein, dass wir nicht die einzige Region sind, die sich mit diesen Dingen beschäftigt – und offen sein, uns auch mal von anderen inspirieren zu lassen. Der Westen ist nicht immer die Speerspitze des Fortschritts.

Ein regelmässiger Streitpunkt ist die Sprache, etwa Gender-Sternchen oder «es» statt «er» oder «sie» – ausserhalb der Betroffenen- und der Aktivistenszene tut man sich damit sehr schwer. Wieso ist die Sprache so wichtig?

Weil sie die Wirklichkeit prägt und das Denken von Menschen strukturiert. Wenn man Veränderungen erreichen will, kommt es auch auf die Sprache an. Zudem ist Sprache etwas Lebendiges, sie entwickelt und verändert sich stets, und es gibt sehr wohl Möglichkeiten, sie anzupassen, damit sie nicht mehr so vergeschlechtlicht ist. In Schweden etwa wurde ein Pronomen eingeführt, das nicht geschlechtlich konnotiert ist und inzwischen breit verwendet wird, auch in konservativen und traditionellen Medien. Im deutschsprachigen Raum sind wir noch am Ausprobieren, und die jetzigen Formen sind vielleicht noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Es bleibt eine Herausforderung, Worte zu finden, in denen sich alle so abgebildet finden, wie sie das gern hätten. Der Duden jedenfalls ist offen für Veränderungen, dort wird einfach festgehalten, was häufig genutzt wird. Aber es ist auch wichtig, Menschen nicht mit neuen Formen abzuschrecken, schliesslich will man sie ja für neue Gedankengänge gewinnen.

Ein weiterer Streitpunkt sind Toiletten. Warum ist es so wichtig, was da an der Tür steht?

Schon heute gibt es ganz ohne grosse Debatten an vielen Orten WCs, die nicht geschlechtsspezifisch sind, im eigenen Zuhause etwa oder im Zug oder Flugzeug. Insofern ist die Idee gar nicht so wild. Dass dies Trans*-Personen so wichtig ist, liegt daran, dass sie immer wieder negative Erlebnisse haben. Zum Beispiel kriegt eine Trans*-Frau zuweilen im Frauen-WC zu hören, sie sei doch ein Mann und solle gefälligst zu ihresgleichen gehen. Das ist ein konkretes Problem und führt teilweise dazu, dass sie gar nicht mehr aufs Klo gehen, obwohl sie müssten, was gesundheitsschädigend ist. Bei uns an der Hochschule haben wir ergänzend zu den bisherigen Toiletten nun auch ein paar geschlechtsneutrale eingeführt, die von vielen schlicht aus praktischen Gründen genutzt werden, weil sie halt gerade in der Nähe sind. Tatsächlich haben sie inzwischen eine höhere Nutzungsfrequenz als die geschlechtsgetrennten. Auch hier plädiere ich für pragmatisches Vorgehen statt dogmatische Debatten.

Ist Ihre Hochschule repräsentativ für diese Entwicklung?

Es wird an deutschen Universitäten mehr und mehr ein Thema, wird auch immer häufiger seitens der Studierenden eingefordert. Letztlich geht es bei all dem immer um das gleiche Thema.

Nämlich?

Die Frage, weshalb wir so intolerant gegenüber Ambiguität geworden sind, gegenüber Uneindeutigkeit und Widersprüchlichkeit. Und wie wir das, was für uns einst «natürlich» war, wieder neu entwickeln können. Mit dem Ziel, dass die Menschen sich frei von Diskriminierung so entfalten können, wie sie sind.

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