13. September 2018

Die weisse Magie des Nordens

Finnisch-Lappland bietet verträumte Schneelandschaften, soweit das Auge reicht. Das Hecheln der Huskys im Ohr. Und sonst: Stille. Ruka-Kuusamo ist ein Paradies für Hundeschlittenfahrer, Wintersportler und Rentierfreunde.

Sich von Huskys durch verschneite Fichten- und Birkenwälder ziehen lassen
Sich von Huskys durch verschneite Fichten- und Birkenwälder ziehen zu lassen, ist ein unvergessliches Erlebnis.

Die Kälte ist beissend. Das Thermometer nähert sich minus 30 °C. Die wenigen losen Haarsträhnen, die aus dem Gesichtsschutz ragen, erstarren schnell unter einer dünnen Frostschicht. Wir ziehen zögerlich unsere Hände aus den warmen Fäustlingen, um den winterlichen Zauber im finnischen Nationalpark von Oulanka festzuhalten, in dem wir mit Schneeschuhen unterwegs sind. Jetzt muss bei diesen Temperaturen nur noch der Fotoapparat funktionieren. Trotz einer schwächelnden Batterie konnten wir ein letztes Foto von dunklen Stromschnellen zwischen zwei verschneiten Ufern schiessen. Eine kleine Holzbrücke und der blankgefegte Himmel vervollständigen das Bild.

Seit zwei Tagen sind wir nun in Finnland, genauer: in Kuusamo, kurz vor Lappland. Diese weitläufigen, weiss gepuderten Wälder, die ab und zu von zugefrorenen Seen durchschnitten werden, haben es uns schon vom Flugzeug aus angetan, wie sie sich – vom letzten rosafarbenen Tageslicht beschienen – ausbreiten. 

Es schneit an 200 Tagen im Jahr


Vom Flughafen geht es in einer halben Stunde nach Ruka, ein Paradies für Wintersportfans. In diesen Breitengraden dauert die kalte Jahreszeit von Oktober bis April, mit einer Schneegarantie von 200 Tagen pro Jahr. «Es kommen jährlich rund eine Million Besucher hierher, 60 Prozent davon sind Einheimische», erklärt Mats Lindfors, Leiter des regionalen Tourismusbüros. «Aber der Anteil internationaler Gäste steigt stetig.»

Touristen aus Russland, Grossbritannien, Deutschland und den Niederlanden sind dabei am stärksten vertreten. Seit Helvetic Airways Direktflüge von Zürich nach Kuusamo anbietet, kommen auch immer mehr Schweizerinnen und Schweizer in den hohen Norden. Wie Steen Boschetti (26) und Sarah Steinhauslin (25) aus Lausanne VD: «Wir hatten Lust auf eine ganz andere Erfahrung, abseits der normalen touristischen Ziele. Wir wollten allein sein in der Natur.

Die Anziehungskraft dieser weissen Wüste (in dieser Region leben nur 2,8 Einwohner pro Quadratkilometer) spüren die meisten Besucher. Ausserdem wollen sie die vielen in dieser Region angebotenen Aktivitäten ausprobieren. Es gibt viele Wandermöglichkeiten mit Schneeschuhen, zu Fuss oder mit Langlaufskiern, aber auch mit weniger geläufigen Sportarten kann man diese winterliche Landschaft erkunden und dabei einen Adrenalinkick erleben.

Viel Einmischung braucht es seitens  des Mushers
Viel Einmischung braucht es seitens des Mushers, also des Hundeschlittenführers, nicht. Ab und zu muss er die Energie der Huskys bremsen oder ihnen bei Anstiegen unter die Pfoten greifen, indem er den Schlitten mit dem Fuss anschiebt.

Besonders beliebt sind Schlittenfahrten mit ungestümen Huskys. Als wir am Startpunkt ankamen, warteten die Hunde schon voller Ungeduld. In Sechsergruppen angeschirrt, sprangen sie auf der Stelle, jaulten und bellten. Man sah ihnen an, dass sie sobald wie möglich losrennen wollten. Als sie das Startsignal bekamen, legten sie sich kraftvoll ins Geschirr und zogen uns durch die verschneiten Fichten- und Birkenwälder.

Auf dem Schlitten genossen wir die Landschaft, passten aber gleichzeitig auf, dass unsere Huskys sich nicht zu sehr dem Schlitten vor uns näherten. Ab und zu zügelten wir ihre Energie mit einer Bremse aus Holz, an Steigungen wiederum halfen wir ihnen, indem wir den Schlitten mit den Füssen anstiessen. In die Rolle eines Gespannführers (Mushers) zu schlüpfen, ist eine bleibende Erfahrung. 

Nach einer Stunde kehrten wir an unseren Startpunkt zurück und freuten uns über einen warmen Beerensaft. Diese regionale Spezialität wird in einer Kuksa, einer für Finnland typischen Tasse aus Birkenholz, serviert. Immer wieder hat es an den Skiwegen und pisten kleine Imbissbuden, wo man sich während einer Wanderung oder zwischen zwei Abfahrten aufwärmen und neue Energie tanken kann.

Nachts die Pisten runterwedeln


In Ruka fährt man auch Ski. Der höchste Berg der Region ist zwar nur 492 Meter hoch, doch das Skigebiet verfügt über rund 30 Pisten, davon einige schwarze. Eingefleischte Skifahrer schnallen die Bretter sogar nachts an und wedeln freitags bis 23 Uhr die beleuchteten Pisten hinunter. Den Horizont sucht man vergebens nach richtigen Bergen ab. Er ist flach und von weitläufigen Wäldern geprägt.

Im lappländischen Winter sind die Tage allerdings nicht sehr lang. «Um den 21. Dezember haben wir nur zweieinhalb Stunden Tageslicht, und die Sonne bleibt sehr tief am Horizont», erklärt Mats Lindfors. Im Februar sind die Tage zwar deutlich länger (von 8.30 bis 17 Uhr), die Sonne steht jedoch nie am Zenit. Ihre Strahlen fallen bei wolkenlosem Himmel mit einem sehr geringen Einfallswinkel über die Baumkronen und tauchen die Landschaft in ein blasses Gelb, Rosa- und Blautöne ergänzen das nordische Lichterspiel. Das unterstreicht die zauberhafte Atmosphäre dieser Orte zusätzlich. Ein kurzer Waldspaziergang in der Stille des Unterholzes entlang eines zugefrorenen Baches reicht aus, um sich wie in einer Märchenwelt zu fühlen. Der Wald wird zu einem weissen Dschungel. 

die spektakulären Nordlichter
In sternenklaren Polarnächten ziehen zuweilen die spektakulären Nordlichter ihre Bahnen am Himmel.

In der Hoffnung, Nordlichter zu sehen, die manchmal in den Polarnächten auftreten, begeben wir uns an einem Abend auf eine Schneeschuhwanderung. Die Sterne glitzern, keine Wolke zeigt sich am Himmel. Das ist, so unser Führer, ein gutes Zeichen. Gleichzeitig erinnert er jedoch daran, dass die Nordlichter auch von den Sonnenwinden abhängen und man immer auf eine kleine Portion Glück angewiesen ist.

Er lädt uns ein, nach dem Erklimmen eines Hügels in einer Kota, einer traditionellen Hütte, zu warten und uns am flackernden Feuer aufzuwärmen. Aber so lange wir auch warten, heute erhellt kein Licht das Himmelszelt. Von der erhöhten Lage können wir aber ein anderes Schauspiel bewundern: Die schneebedeckten Bäume, die unter ihrer Last fast zusammenzubrechen scheinen, verändern ihre Gestalt und werden zu seltsamen weissen Skulpturen, die an Fantasiekreaturen erinnern, die den Wald bevölkern.

Unter den Schneemassen begrabene Bäume
Skurrile Gestalten: Unter den Schneemassen begrabene Bäume verwandeln sich in seltsame Skulpturen, die an Fantasiekreaturen erinnern.

Am folgenden Tag besichtigen wir eine Rentierfarm. Dieses für Lappland so typische Tier bestimmt noch immer den Alltag vieler Viehzüchter. «In der Region Ruka-Kuusamo leben rund 16'000 Tiere, genauso viele wie Menschen», so Mats Lindfors. Juha Olavi Kujala und seine Frau Jenni haben die Familienfarm geerbt. Er erklärt uns, wie die Rentierzüchter jedes Jahr nach dem Kalben ihre Herden zusammentreiben und die Tiere an den Ohren markieren, um sie wiederzuerkennen. Denn die Rentiere sind nur halbdomestiziert und entfernen sich häufig ziemlich weit von ihrem Zuhause. 

Rentiere leben in der Region Ruka Kuusamo
16'000 Rentiere leben in der Region Ruka Kuusamo und genau so viele Menschen. Die für diese Region so typischen Tiere bestimmen nach wie vor den Alltag der Viehzüchter in Lappland.

Nach der Sauna wartet das Eisloch im See

Keine Finnlandreise ohne Saunabesuch: Das Land zählt zwei Millionen Saunen – für fünfeinhalb Millionen Einwohner. In der trockenen Hitze einer der Holzkabinen, in der wir uns die Kälte aus dem Leib ­schwitzen, erzählt man uns, dass die Frauen dort früher ihre Babys zur Welt brachten und dieser Nachwuchs sich so schon sehr früh an die Sauna gewöhnt hat. Zugegeben, nach einem Tag an der frischen, eiskalten Luft gibt es nichts Besseres, um zu entspannen. In manchen Saunen in Ruka kann man, wie es die Tradition will, danach sogar in ein Eisloch auf einem zugefrorenen See springen oder sich im frischen Schnee wälzen. Wir haben es getestet und, mit klappernden Zähnen, für gut befunden!

Die Recherche dieser Reise wurde unterstützt von Travelhouse

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