09. Mai 2019

Die Macht der Prognosen

Egal ob Wettervorhersage, Horoskop oder Wirtschaftsszenario: Wir lieben Prognosen. Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz, der im Juni am Gottlieb-Duttweiler-Institut auftreten wird, sucht nach Erklärungen. Ein Gespräch über «schwarze Schwäne», Scharlatane und die Chancen der künstlichen Intelligenz.

Norbert Bolz
Der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz verlässt sich eigentlich nicht auf Prognosen. Eine Schwäche hat allerdings auch er: die Wettervorhersage.

«Prognosen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen.» Es ist umstritten, von wem genau dieses Bonmot stammt, aber es ist schon recht treffend, oder?

Auf jeden Fall. Selbst so etwas Konkretes wie das Wetter in einer Woche lässt sich noch nicht mit Sicherheit prognostizieren. Und dies gilt auch für Voraussagen bei vielen anderen komplexen Systemen.

Obwohl wir also eigentlich wissen, wie unzuverlässig viele Prognosen sind, lassen wir uns stets erneut auf sie ein. Weshalb?

Es gibt eine schöne Geschichte über den dänischen Physik-Nobelpreisträger Niels Bohr, der etwas abgelegen in einer Hütte lebte. Eines Tages bekam er Besuch von einem anderen Nobelpreisträger, der sich über das Hufeisen wunderte, das als Glücksbringer über dem Eingang der Hütte hing. Wie könne Bohr als berühmter Naturwissenschaftler an so was glauben? Dieser sagte: «Wissen Sie, ich habe gehört, das wirkt auch, wenn man nicht daran glaubt.» Dieser Mechanismus spielt bei vielen Menschen: Die meisten wissen, dass die Chance minimal ist, beim Lotto zu gewinnen, dennoch spielen Millionen jede Woche. Prognosen von unwahrscheinlichen Ereignissen faszinieren – denn ganz ausschliessen lassen sie sich ja doch nicht.

Woher kommt das Bedürfnis, Dinge vorauszusehen und sich auf künftige Ereignisse einzustellen?

Das entsteht aus einem Unsicherheitsgefühl heraus, denn eine vollkommen unsichere Zukunft wirkt bedrohlich. Es gibt nur wenige Leute, die Spass am Unvorhergesehen haben. Und je moderner und komplexer die Gesellschaft wird, desto unvorhersehbarer ist ihre Entwicklung. Deshalb wächst der Bedarf nach Orientierung und Prognosen. Hinzu kommt, dass Religionen oder politische Ideologien, die früher oft Halt und Zuversicht boten, bei vielen nicht mehr funktionieren. Der Wunsch nach wissenschaftlichen Prognosen ist entsprechend gewachsen.

Ganze Industrien leben von dieser Sehnsucht, darunter auch jede Menge Scharlatane. Man geht zu Astrologen, lässt sich die Zukunft aus der Hand lesen, glaubt an Weltuntergangstermine und bezahlt für all das auch noch Geld. Wie kommt es, dass Menschen an so etwas glauben können?

Eine gewisse Form des Aberglaubens findet sich in jedem Menschen. Und vielen sind die wissenschaftlichen Prognosen nicht befriedigend genug, weil das immer nur Szenarien sind: Es könnte so passieren, muss aber nicht. Man will aber eben genau wissen, was läuft, und das macht die auf Aberglauben basierenden Prognosen so attraktiv.

Scharlatane haben also weiterhin ihren Markt?

Und das wird auch immer so bleiben. Die Menschen wollen betrogen werden, das sagte schon der Kulturhistoriker Johan Huizinga. Deshalb kann man auch intelligenten, gebildeten Leuten Salben für straffe Haut oder Tinkturen gegen ausfallende Kopfhaare verkaufen, die natürlich rein gar nichts bewirken. Sie wissen das auch und kaufen sie trotzdem, denn die Hoffnung stirbt zuletzt. Sogar die Perspektive des baldigen Weltuntergangs kann man geniessen, weil es einem die Tiefe des eigenen Glaubens bestätigt, in der man sich dann sonnen kann.

Dass Astrologen oder Weltuntergangspropheten bei Voraussagen falsch liegen, ist das eine, aber auch seriöse Ökonomen scheinen nicht viel besser. Die grosse Finanzkrise 2008 hat die meisten zum Beispiel völlig unerwartet getroffen.

Ja, das war ein klassischer «schwarzer Schwan», ein Ereignis, mit dem niemand rechnet, das aber in der Realität dann doch eintrifft. Viele grosse Ereignisse der Geschichte waren «schwarze Schwäne»: Niemand hat den Fall der Berliner Mauer vorausgesehen oder den Anschlag auf das World Trade Center in New York, nicht mal eine solche Kleinigkeit wie den Brexit. Im Nachhinein lässt sich dann immer erklären, weshalb der «schwarze Schwan» unvermeidlich war, aber kommen sehen hat ihn niemand. Doch gerade diese Ereignisse prägen die Welt oft stärker als alle anderen.

Weil sie sie so unvorbereitet treffen?

Ja, weil Prognosen in diesem Fall nicht funktionieren. Aber man kann lernen, mit Robustheit und Widerstandskraft darauf zu reagieren, sich also durch unvorhergesehene Ereignisse nicht so leicht aus der Bahn werfen zu lassen.

Investoren zählen sogar manchmal auf «schwarze Schwäne», weil sich richtig viel Geld machen lässt, wenn man auf ein Szenario setzt, mit dem sonst niemand rechnet.

Genau. Es gibt Hedgefonds-Manager, die bewusst gegen den gesunden Menschenverstand spekulieren – und damit ab und zu ins Schwarze treffen. Aber eben: je komplexer das System, desto schwieriger die Prognose. Gerade auch wenn man sich bewusst überlegt, was alles schieflaufen könnte, um Gegenmassnahmen zu entwickeln, wird man genau das nicht vorhersehen, was dann tatsächlich passiert.

Norbert Bolz
«Für die Jungen ist die digitalisierte Kultur längst zur zweiten Natur geworden», sagt Norbert Bolz.

Aber von diesen «schwarzen Schwänen» mal abgesehen, hat sich die wissenschaftliche Prognosefähigkeit dank künstlicher Intelligenz deutlich verbessert?

Enorm. Man kann die Zukunft zwar weiterhin nicht voraussagen, aber mithilfe statistischer Wahrscheinlichkeiten Szenarien entwerfen, in welche Richtung es gehen könnte. So erhalten wir heute dank Computern ein recht zuverlässiges Bild für eine grundsätzliche Einschätzung. Auch wenn der konkrete Fall dann immer noch ein wenig anders liegen kann.

Sie sind Anfang Juni als Referent zu diesem Thema am Gottlieb-Duttweiler-Institut. In welchen Bereichen wird sich die künstliche Intelligenz besonders stark auswirken?

Körper und Seele können immer besser an Algorithmen angeschlossen werden. Fitness, Gesundheit und generelle körperliche und psychische Zustände des Menschen werden noch besser und zuverlässiger vermessen. Die eigenen Körperfunktionen können ohne grossen Aufwand permanent überwacht werden; aus diesen Daten lassen sich dann Empfehlungen für ein optimaleres Bewegungs- und Essverhalten ableiten. Generell werden Alltagstätigkeiten stärker vernetzt und besser gespeichert werden – daraus lassen sich Korrelationen herstellen, aus denen Computer Prognosen ableiten können.

Im Spielberg-Film «Minority Report» aus dem Jahr 2002 geht das so weit, dass die Polizei aufgrund solcher Prognosen Leute präventiv verhaftet, bevor sie ein Verbrechen begehen.

Das ist eine sehr negative Zukunftsfantasie, bei der dem Computer Fähigkeiten zugetraut werden, die nicht realistisch sind. Aber schon heute nutzt die Polizei in einigen Städten der USA ein Verfahren, bei dem man aufgrund statistischer Daten und Algorithmen herauszufinden versucht, in welchen Gegenden zu welchen Zeiten eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von kriminellen Handlungen besteht. So kann man die Täter quasi auf frischer Tat ertappen, was auch recht gut funktioniert. Dies trägt zu einer höheren Sicherheit bei, wie übrigens generell die künftigen Prognosemöglichkeiten durch künstliche Intelligenz. Deshalb denke ich, dass die meisten Menschen diese Entwicklungen auch gut finden werden.

Während man früher den technologischen Fortschritt grundsätzlich positiv sah, gibt es heute viele Ängste vor künstlicher Intelligenz, von Jobverlust bis zu Weltherrschaftsbefürchtungen. Erschwert das nicht die Akzeptanz solcher Technologien im Alltag?

Solche Ängste treiben vor allem ältere Menschen um. Digital Natives können das schlicht nicht nachvollziehen, das erlebe ich bei meinen Studenten und meinen eigenen Kindern. Für sie ist die digitalisierte Kultur längst zur zweiten Natur geworden. Und auch die Älteren profitieren letztlich, gerade in der Medizin. Da hat diese Art Kulturpessimismus keine Chance.

Sie sehen gar keine negativen Effekte?

Allenfalls besteht das Risiko, dass sich die Menschen wegen der immer leistungsfähigeren Prognosemöglichkeiten zu sicher fühlen. Und sich deshalb weniger Widerstandskraft aneignen, um mit «schwarzen Schwänen» umzugehen, die es auch weiterhin geben wird.

Am GDI sind immer die intelligentesten, aufgewecktesten Leute versammelt.

Sie sind immer wieder mal am Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI) zu Gast – ist es eine speziell attraktive Plattform?

Für mich ist es seit vielen Jahren der absolute Höhepunkt meiner Vortragstätigkeit. Ich gestehe offen, dass ich an anderen Orten oft Vorträge wiederhole, für das GDI lasse ich mir immer etwas Neues einfallen. Einerseits bin ich mit dem Leiter David Bosshart schon seit vielen Jahren befreundet, andererseits sind am GDI immer die intelligentesten, aufgewecktesten Leute versammelt – unter den Referenten und im Publikum. Qualitativ ist das mit nichts anderem vergleichbar.

Gibt es irgendwelche Prognosen, auf die Sie sich verlassen?

Nein, auf keine ernsthaft. Ich bin jedoch abergläubisch genug, immer wieder die Wettervorhersage für die nächsten 16 Tage anzuschauen, obwohl ich genau weiss, dass schon übermorgen die Unsicherheit der Prognose so enorm ist, dass es völliger Unsinn ist, noch weiter vorauszuschauen. Ansonsten höre ich mir Prognosen natürlich gerne an, verlasse mich aber weder darauf, dass sie so eintreffen, noch richte ich mein Leben danach aus.

Und haben Sie je irgendwas Esoterisches ausprobiert? Als Jugendsünde vielleicht?

(lacht) Ja, ich habe mal an die kritische Theorie der Frankfurter Schule geglaubt (eine kritische Analyse der Herrschaftsmechanismen der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, Anm. der Red.). Das war wohl das Esoterischste, was ich ausprobiert habe, aber das hat auch nicht geklappt.

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