24. Oktober 2019

Die letzte Reise

Wälder, Flüsse oder Diamanten als letzte Ruhestätte – und eine Trauerrednerin anstelle eines Pfarrers zum Abschiednehmen: Immer mehr Menschen suchen nach Alternativen zur klassischen Abdankung. Zum Beispiel Daniel Stucki, der für seine verstorbene Mutter eine Feier an der Aare organisiert hat.

Wasserurne an der Aare
Eine Wasserurne mit der Asche eines Verstorbenen in der Aare. Die Urne besteht aus einem Material, das sich im Wasser nach und nach auflöst. (Bild: Gyan Härri, Aurora)

Auf den ersten Blick könnte die kleine Schar Menschen, die an diesem heissen Sommertag auf dem Feldweg vom Restaurant Zehendermätteli Richtung Aareufer unterwegs ist, auch einfach etwas Abkühlung suchen. Der Fluss ist tatsächlich das Ziel der rund 30 Personen, aber nicht zur Erfrischung, sondern um Abschied zu nehmen.

An der Spitze der Gruppe geht Daniel Stucki, in den Händen eine Urne mit der Asche seiner Mutter, die zwölf Tage zuvor 88-jährig im Altersheim gestorben ist. Kurz hinter ihm folgen seine Schwester und sein Vater, für dessen Rollstuhl der Feldweg eine Herausforderung ist. Am Ufer angekommen, verteilt sich die Trauergemeinde im Halbkreis um die Urne, die auf einem Holzschemel direkt am Wasser ruht – ein Ort, der sonst ein beliebtes Ausflugsziel nördlich von Bern ist. Einige stehen, andere setzen sich auf die Böschung, die zahlreichen Bäume spenden reichlich Schatten.

Stucki spricht ein paar einleitende Worte und übergibt dann an die Trauerrednerin San Graf, die durch die Zeremonie führt und das Leben der Verstorbenen Revue passieren lässt. Es gibt Momente, die zu Tränen rühren, aber auch solche, die bei manchen ein Lächeln auslösen. Ab und zu treiben auf dem Fluss gut gelaunte Schwimmer vorbei. «Wir waren quasi mitten im Leben, eins war gerade zu Ende gegangen, anderes schwamm da draussen fröhlich vorbei», sagt Daniel Stucki nach der Trauerfeier. Die Urne der Mutter soll erst nach dem Tod des Vaters zusammen mit seiner in ein Schweizer Gewässer gegeben werden, wo sich beide Urnen dann nach und nach auflösen.

Staunen über die vielen Möglichkeiten

Immer mehr Schweizerinnen und Schweizer wünschen sich alternative Formen der Bestattung. Nur noch jeder zehnte lässt sich in einem Sarg auf dem Friedhof beerdigen. Und auch die Asche der Kremierten landet immer häufiger irgendwo in der Natur statt in einem Urnengrab.

Familie Stucki wusste nach dem Tod der Mutter zunächst nur, was sie nicht wollte: die klassische Feier in der Kirche mit den salbungsvollen Worten eines Pfarrers. «Wir hatten das schon mehrfach bei anderen erlebt und fanden es oft unbefriedigend», sagt Stucki, ein 56-jähriger IT-Unternehmer aus Bern. «Wir wollten etwas, das unserer Mutter entspricht, eher eine Feier ihres Lebens als tränenreiche Trauerszenen.»

Daniel Stucki
«Wir wollten etwas, das unserer Mutter entspricht, eher eine Feier ihres Lebens als tränenreiche Trauerszenen», sagt Daniel Stucki.

Durch das Altersheim kam die Familie in Kontakt mit dem Berner Bestattungsunternehmen Aurora , das auch alternative Trauerfeiern anbietet. «Wir hatten zu dem Zeitpunkt nur vage Vorstellungen – erst im Gespräch mit den Bestattern realisierten wir, welche Möglichkeiten es gibt», erzählt Stucki. Sie entschieden sich für eine Wasserbestattung, weil Wasser im Leben der Mutter immer eine wichtige Rolle gespielt hatte. Sie war an einem Fluss aufgewachsen, und die Eltern besassen ein Boot am Neuenburgersee, auf dem sie viele glückliche Stunden verbracht hatten.

Aurora bietet ein gutes Dutzend Bestattungsmöglichkeiten an – vom klassischen Friedhof über den eigenen Garten oder dem Friedwald bis hin zum Verstreuen der Asche aus einem Ballon am Rand der Stratosphäre oder sogar die Herstellung eines Diamanten aus der Asche. «Am beliebtesten sind Bestattungen unter Bäumen oder im Wasser», sagt Gyan Härri (49), Geschäftsführer von Aurora. Aber die Bestatter versuchen auch, auf aussergewöhnliche Wünsche einzugehen. «Wir haben die Asche eines Verstorbenen auch schon in Feuerwerksraketen ­erteilt, die von einer Alp in den Bergen in den Nachthimmel geschossen wurden und die Asche über einem Wald verteilten.»

Schweiz vergleichsweise liberal

Das Bestattungsunternehmen entstand vor 18 Jahren, nachdem der Gründer zuvor keinen Bestatter gefunden hatte, der ihn bei einer dreitägigen Totenwache bei sich zu Hause unterstützte – obschon dies Schweizer Brauchtum ist. «Heute ist man flexibler geworden», sagt Härri. Die meisten seiner Kunden haben schon eine ungefähre Vorstellung, was sie möchten – und staunen in der Beratung dann, was alles möglich ist.

Bestatter Gyan Härri
«Ich erlebe die Menschen oft in einem Moment, in dem sie sich sehr weit öffnen und Gespräche mit grosser Tiefe möglich sind», sagt Bestatter Gyan Härri.

Eine klassische Erdbestattung darf nur auf offiziellen Friedhöfen stattfinden, doch bezüglich der Asche von Verstorbenen ist die Schweiz eher liberal – pro Person entstehen bei der Kremation 1,5 bis 3 Kilo. «Man darf sie in öffentlichen Wäldern und Gewässern oder in den Alpen beisetzen», sagt Härri. Allerdings gibt es kantonal oder auf Gemeindeebene unterschiedliche Regelungen. Auch die Preise variieren von Gemeinde zu Gemeinde. «Im Schnitt kostet eine Bestattung bei uns 3500 Franken, die teuerste Rechnung, die wir je verschickt haben, belief sich auf etwa 30 000 Franken.» Oft ist die Bestattung in der Natur günstiger als auf dem Friedhof, denn ein Grab mit Pflege für 20 Jahre und einem Grabstein kosten zusätzlich.

In der Berner Aurora-Filiale lässt sich eine eindrückliche Auswahl an Urnen begutachten – von sehr naturnahen, die aus Baumstrünken hergestellt sind, bis hin zu futuristischen für Science-Fiction-Fans. «Besonders beliebt sind derzeit Urnen aus Ton, Sand oder Salz, die sich im Wasser allmählich auflösen», sagt Härri.

Er arbeitet schon seit neun Jahren bei Aurora – ein Quereinsteiger wie so viele Bestatter. Zuvor war er in der Kino- und Gastrobranche tätig. Nun ist er täglich mit starken Emotionen konfrontiert, aber genau das ist es, was er an der Arbeit so schätzt. «Ich erlebe die Menschen oft in einem Moment, in dem sie sich sehr weit öffnen und Gespräche mit grosser Tiefe möglich sind.»

Doch er ist gelegentlich auch mit Toten konfrontiert, deren Anblick schwer zu ertragen ist – etwa, wenn sie lange unentdeckt in einer Wohnung lagen oder nach einem Suizid von den Bahngleisen geholt werden müssen. «Wir bieten auch die Rekonstruktion von Verstorbenen an, damit die Angehörigen noch Abschied nehmen können – das ist bei unerwarteten Todesfällen oft ein grosses Bedürfnis.»

Trauerrednerin statt Pfarrer

Aurora vermittelt auch Trauerredner, darunter die Organistin Christine Brechbühl , die solche Feiern schon seit über 20 Jahren begleitet. «Damals spielte ich regelmässig bei Trauerfeiern die Orgel. Und bekam so von den Bestattern mit, dass sich immer mehr Menschen Feiern ohne Pfarrer wünschten, weil sie keinen grossen Bezug mehr zur Kirche hatten. Doch die Bestatter fanden in der Region Bern schlicht niemanden, der sich so etwas zutraute.» Und so begann die 72-Jährige sich zusammen mit ihrer Kollegin Susanna Cerny in dieses Thema einzuarbeiten.

Auch der ehemalige katholische Theologe Wolfgang Weigand (53) ist schon seit fast 20 Jahren in diesem Bereich aktiv. Bei ihm begann es mit einem Todesfall in der Familie. «Mein Sohn wurde 1999 tot geboren, und wir haben ihn selbst auf dem Friedhof in Uster mit einer kleinen freien Feier beerdigt.» Damals realisierte Weigand, dass es kaum Anbieter für solche Anlässe gab, obwohl Friedhofskapellen meist nicht zur Kirche, sondern zur Gemeinde gehören – und somit dafür eigentlich offen wären.

Trauerredner Wolfgang Weigand
«Viele Hinterbliebene empfinden die kirchliche Sprache als aufgesetzt und pathetisch, also nicht authentisch», sagt Trauerredner Wolfgang Weigand.

So gehörten Brechbühl und Weigand zu den Ersten, die in der Schweiz alternative Trauerfeiern anboten. «Die Kirche hat das zu Beginn nicht gern gesehen», sagt Brechbühl. Mittlerweile habe sich das jedoch entspannt.

Und die Nachfrage ist deutlich gestiegen. Im Schnitt werden die beiden Trauerredner heute pro Jahr für mehrere Dutzend Feiern engagiert. Den Hauptgrund dafür sehen sie in einem veränderten Verhältnis zum Tod und in der zunehmenden Säkularisierung – aber auch in einer gewissen Verstaubtheit der kirchlichen Rituale. «Viele Hinterbliebene empfinden die Sprache als aufgesetzt und pathetisch, also nicht authentisch», sagt Weigand. «Oder sie sind befremdet von der nachträglichen Heiligsprechung eines Menschen, der auch viele Fehler hatte. Sie wünschen sich einen ehrlichen und dennoch wertschätzenden Umgang mit den Ambivalenzen.» Weigand empfindet seine Klienten oft als spirituell und philosophisch reflektiert. «Sie machen sich sehr viel Gedanken, wie genau sie Abschied nehmen wollen und was für sie dabei wesentlich ist.»

Klienten nicht per se ungläubig

Zur Vorbereitung treffen sich die Trauerredner immer mit den Angehörigen, um die Wünsche zu besprechen und mehr über den Verstorbenen zu erfahren. «Wer zu mir kommt, ist nicht per se ungläubig», sagt Brechbühl. Über die Hälfte ihrer Kunden wünscht sich religiöse Bezüge während der Feier, die sie auch gerne integriert. Eine Zeremonie wird individuell gestaltet, hat aber eine feste Grundstruktur. Sie beginnt oft mit einem Musikstück oder einem Text, das Leben des Verstorbenen wird gewürdigt, und man nimmt bewusst Abschied. Schliesslich findet die Öffnung zurück ins Leben für die Angehörigen statt – das alles angereichert durch Musik oder Texte.

«Ziel ist, dass es den Trauernden nach der Feier ein wenig besser geht als vorher», sagt Christine Brechbühl. Je nach Todesumständen sei dies leichter oder schwieriger. «Wenn ein alter Mensch lebenssatt stirbt, ist es anders, als wenn ein Kind durch einen Unfall aus dem Leben gerissen wird.»

Trauerrednerin Christine Brechbühl
«Ziel ist, dass es den Trauernden nach der Feier ein wenig besser geht als vorher», sagt Trauerrednerin Christine Brechbühl.

Idealerweise gehe von der Feier eine positive Kraft aus, ergänzt Weigand. Eine Herausforderung sei allerdings, wenn sich die Angehörigen untereinander nicht einig sind und familiäre Spannungen durchbrechen. «Dann muss man versuchen, in Gesprächen eine diplomatische Lösung zu finden.» Doch manchmal wirke es sich dennoch auf die Feier aus.

Es ist auch nicht immer leicht, die Tröstlichkeit klassischer Glaubensvorstellungen zu ersetzen, die von einem Weiterleben in einer besseren Welt ausgehen. «Ich sage etwa, dass ich aus eigener Erfahrung weiss, dass Verstorbene nicht einfach weg sind, wenn sie nicht mehr bei uns leben», sagt Christine Brechbühl. «Solange wir an sie denken und uns bewusst sind, was sie in unserem Leben bewirkt haben, bleiben sie präsent.»

Weigand wiederum ist überzeugt, dass es eine Art Jenseits gibt, dass eine Form von Kommunikation und auch ein Wiedersehen möglich ist. Damit arbeitet er in seinen Trauerreden, manchmal auch ganz traditionell religiös. «Nur etwa ein Drittel meiner Klienten möchte eine explizit religionsfreie Feier. Mit ihnen lote ich aus, was ihnen der Verstorbene gegeben hat, was ihnen wichtig war. Mit diesen Erinnerungen und Wertvorstellungen arbeite ich, um Trost zu spenden.»

Hardrock zum Abschied

Beide haben solche Feiern schon auf Seen, Bergen, in Wäldern oder Privathäusern durchgeführt. «Und klar verändert der Ort die Atmosphäre», sagt Brechbühl. «Aber für den Inhalt und die Wirkung der Feier ändert das eigentlich nichts. Ungewöhnliche Wünsche erleben beide selten. «Und falls wir dann in der Kapelle halt mal AC/DC spielen, was einige Gäste irritieren könnte, erkläre ich vorher, was es damit auf sich hat», sagt Weigand.

Daniel Stucki war sehr froh um die Trauerrednerin San Graf : «Sie hat uns vieles abgenommen und durch die Feier geführt, dafür hätte uns die Kraft gefehlt.» Alles habe im Sinn und Geist der Mutter stattgefunden. «Die Zeremonie hat mir das Loslassen ermöglicht, sie war der Höhepunkt dieses Prozesses der Auseinandersetzung mit dem Tod. Ich verliess das Zehendermätteli mit dem Gefühl, jetzt ist es gut, jetzt kann ich sie gehen lassen. Der Kreis hat sich geschlossen.»

Auch bei der Trauergemeinde kam die ungewöhnliche Feier gut an. «Viele haben so etwas zum ersten Mal erlebt. Und ich hoffe, dass es bei einigen noch nachklingen wird», sagt Stucki. Vielleicht habe es sogar einige inspiriert, sich selbst für eine ähnliche Feier zu entscheiden. «Wenn es bei mir mal so weit ist, könnte ich mir etwas in dieser Richtung jedenfalls gut vorstellen.»

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