11. August 2017

Die Langzeitlehrerin

Nach 40 Jahren Schulbetrieb ist Lotti Berner vor Kurzem in den Ruhestand getreten. Sie hat viele Schulreformen erlebt, eins jedoch ist für sie unverändert wichtig geblieben: die persönliche Beziehung zu ihren Schülerinnen und Schülern.

Lehrerin Lotti Berner posiert vor der Wandtafel
Lotti Berner räumt ihr Schulzimmer und zieht Bilanz nach 40 Jahren als Realschullehrerin.
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Für Lotti Berner (63) ist es der allerletzte Schultag. Nach rund 40 Jahren räumt sie das Schulzimmer im Schulhaus Steinli in Möhlin AG, in dem sie in den vergangenen 33 Jahren unterrichtet hat: Sie packt Lehrmittel, Bücher und Acrylfarben in Kisten. Die Schülerinnen und Schüler, die ihr T-Shirt für die Abschlussparty bereits fertig gestaltet haben, helfen ihr dabei: «Frau Berner, wir brauchen für die Graffitischrift eine Spray­dose.» – «Geht schnell in den Laden und kauft eine», antwortet sie. «Mit Ihrem Auto, okay?», fragt der eine. Lotti Berner lacht schallend.

Die Stimmung im Schulzimmer ist entspannt, die Vorfreude auf den Abschluss und die gemeinsame Reise nach Köln gross. Zehn ihrer elf Realschülerinnen und -schüler haben eine Lehrstelle gefunden. Sie lernen Elektromonteur, Logistiker, Assistentin Gesundheit, Coiffeuse. Ein Schüler absolviert das zehnte Schuljahr. Lotti Berner hat zwei Lehrplanreformen miterlebt. «Kompetenzen gab es schon, bevor man sie so genannt und mit dem Lehrplan 21 ins Zentrum gerückt hat», sagt sie und zuckt mit den Achseln.

Über all die Jahre seien neue Lehrmethoden hinzugekommen, aber etwas sei unverändert wichtig geblieben: die Beziehung zwischen Lehrperson und Schülerinnen und Schülern. «Jugendliche sind bereit, viel zu geben, wenn sie sich ernst genommen fühlen und spüren, dassman sie mag», sagt die Mutter zweier erwachsener Kinder.

Lotti Berner war im Klassenzimmer nicht nur Lehrerin, sondern vor allem Mensch. Als ihre Eltern und später ihr Lebenspartner im Sterben lagen, wussten ihre Schüler Bescheid. Im Gegenzug erzählten sie ihr auch, was sie in der Freizeit unternahmen und was zu Hause lief. Lotti Berner übernahm auch viel Erziehungsarbeit. Das war für sie Teil ihres Jobs: «Berufstätigen Eltern fehlt in gewissen Momenten ganz einfach die Energie für Auseinandersetzungen mit den Jugendlichen. Da ist es gut, wenn sie Konsequenz auch an anderen Orten erleben.»

Sie erzählt von einem Schüler, der stets zu spät kam. Immer wieder gab es neue Vereinbarungen, die aber nie etwas brachten. Schliesslich fragte sie ihn: «Welche Konsequenzen fändest du sinnvoll?» Er antwortete: «Das Handy abgeben.» Als er beim nächsten Mal wieder zu spät war, nahm sie sein Handy an sich. Von da an war der Schüler immer pünktlich.

Entscheidend bei Konflikten sei es, dem Schüler zu vermitteln, dass nicht er als Mensch schlecht sei, sondern nur sein Verhalten. Gerade in Umgang mit Fehltritten und Grenzüberschreitungen habe sich in all den Jahren am meisten geändert, meint Lotti Berner. Früher sei es möglich gewesen, in Absprache mit Eltern und Schulpflege kurzfristig Konsequenzen zu ziehen, etwa Schüler in Time-outs zu schicken. «Wenn sie eine Zeit lang arbeiten mussten, kamen sie wieder gern in die Schule.»

Heute neige man schnell zur Kriminalisierung. Sie erinnert sich an einen Schüler, der vor etwa 20 Jahren Waffen aus Kellern von Privatleuten stahl und sie auf einem Heustock hortete. Als das aufflog, musste er den Schaden bei den Bestohlenen reparieren und ihnen seine Zeit für Arbeiten zur Verfügung stellen. Er habe nie wieder etwas Illegales getan und sei ein anständiger Familienvater geworden. Wenn ein Schüler sich heute etwas Vergleichbares zuschulden kommen lasse, werde eine unglaubliche Maschinerie losgetreten.

«Jeder findet seinen Weg»

Lotti Berner hat keine Mühe sich abzugrenzen. «Man muss auch mal streiten können, ohne es persönlich zu nehmen», sagt sie. Das sei entscheidend, um als Lehrperson nicht auszubrennen. Sie war auch im Klassenchat dabei. Hie und da erhielt sie eine SMS: «Sie, haben wir jetzt morgen eine Prüfung?» Aber bombardiert wurde sie nicht. Sie riet den Jugendlichen, ihr Handy so einzurichten, dass nicht sichtbar ist, wann sie zuletzt online waren. «Das will ich gar nicht wissen.»

Dass die Realschule oft so negativ besetzt ist, bedauert Lotti Berner sehr. Viele Jugendliche fühlten sich deswegen minderwertig. Gelinge es ihr, ihnen zu zeigen, dass sie «kein Quäntchen weniger wert sind als die anderen», zeigten sie sich wieder lernbereit. «Nicht jedes Kind ist zum Studieren geboren. Zum Glück auch!», sagt sie. Die langjährige Erfahrung hat ihr gezeigt: Jeder findet seinen Weg.

Seit 15 Jahren setzt sich die Aargauerin auch für Kinder und Jugendliche in Senegal ein. Dank dieses Engagements wisse sie: «Manchmal finden wir hier Dinge katastrophal, die eigentlich nicht der Rede wert sind.» Lotti Berner freut sich auf ihre Pensionierung. Sie hat viele Ideen – mehr Zeit mit ihrem Enkel verbringen, Velotouren unternehmen, sich in ein Buch festbeissen –, aber keine konkreten Pläne. Sie möchte «einfach mal sein».

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