13. Juli 2018

Die Kurve gekriegt

Über 400 Jugendliche werden jährlich in ein Heim eingewiesen, nachdem sie straffällig geworden sind. So erging es einst auch Alexander Neumann. Der heute 22-Jährige erzählt, wie er kriminell wurde und den Weg ins normale Leben fand.

Alexander Neumann bei der Arbeit in den Pilatus Flugzeugwerken
Hat seinen Platz im Leben gefunden und will nie mehr in die Kriminalität abdriften: Alexander Neumann bei der Arbeit.

Samstag, 12. Mai 2012. In der Luzerner Innenstadt gerät eine Fünferbande ausser Kontrolle. Die Jugendlichen stehlen Notausstieghämmer aus Linienbussen und machen damit aus mehreren Kiosken Kleinholz. Sie zerstören und plündern zudem Warenautomaten, zertrümmern eine Telefonkabine und beschädigen zwölf Billettautomaten der Luzerner Verkehrsbetriebe. Deliktsumme: 65 000 Franken.

Mit dabei ist Alexander Neumann, damals 16 Jahre alt. «Das war Adrenalin pur», sagt der 22-Jährige heute, «wären wir nicht erwischt worden, hätten wir wohl immer wieder randaliert.» Der Jugendliche kommt darauf in Untersuchungshaft, wo er unter dem Druck der Einvernahme seine Mittäterschaft gesteht. «Der Beamte redete mir ins Gewissen», erinnert sich Neumann. «Er fragte mich, ob ich die Zukunft wirklich auf diese Art und Weise plane.» Neumann begann sich zu besinnen, ein erstes Mal.

Spannungen im Elternhaus
Heute wohnt der schweizerisch-maledivische Doppelbürger in Buochs NW selbständig in einer Wohnung und arbeitet bei der Pilatus Flugzeugwerke AG in Stans. Seine Vergangenheit betrachtet er heute nüchtern mit Abstand. Er glaubt: Der Nährboden für eine gewisse Gewalttätigkeit wurde in seiner Kindheit gelegt.

Alexander Neumann wuchs im Spannungsfeld zweier Kulturen auf: Das Denken seines Schweizer Vaters vertrug sich schlecht mit der Weltanschauung seiner Mutter, die aus den Malediven in die Schweiz gekommen war: Sie erzog Alexander und seine Geschwister Livia (17), Lorena (18) und Kevin (21) freiheitlich. «Es war ihr immer wichtig zu wissen, was wir Kinder wollten», sagt Neumann. Der Vater setzte auf Strenge, was die Kinder oft auch am Leib zu spüren bekamen.

Gemieden, frustriert, wütend
Dann verlor der Vater nach dem Swissair-Grounding seine Stelle. Finanziell ging es bergab. Ihr Haus kam unter den Hammer. Nach einer kurzen Trennung und einem Neustart liess sich die Mutter scheiden. Alexander zog mit der Mutter und den Geschwistern nach Obergütsch LU, wo die Kinder vergeblich Anschluss suchten. Die Geburtstagspartys von Klassenkameraden fanden alle ohne sie statt. Die Familie wurde ausgegrenzt. «Wir haben einfach nicht ins Bild gepasst, in dieses schöne Quartier», erzählt Neumann. Er war von seinem Vater enttäuscht und fühlte sich von der Gesellschaft gemieden. Wut und Frust wuchsen.

Der Job als Flugzeuglackierer
Der Job als Flugzeuglackierer gibt Alexander Neumann den entscheidenden Halt im Leben.

Irgendwann begann ich, gegen alle und alles zu rebellieren», sagt Neumann. Er geriet auf die schiefe Bahn – mit gerade einmal 15 Jahren. Bald verbrachte er ganze Nächte im Ausgang. Er akzeptierte seine Mutter nicht mehr als Autorität, schwänzte den Unterricht und weigerte sich zu lernen.
Die Anweisungen seiner Lehrer ignorierte er – oder wurde sogar beleidigend.

Am Tiefpunkt
In der zweiten Sekundarklasse kam Neumann in eine Sonderschule und erhielt einen Vormund. Doch auch der stiess beim renitenten Jugendlichen auf taube Ohren. Deshalb wies ihn die Luzerner Vormundschaftsbehörde mit seinem Einverständnis in ein Jugendheim ein.

Dann kam die Vandalennacht in Luzern. Und Neumann bekam es als Straftäter zum ersten Mal mit der Jugendanwaltschaft zu tun. Er verlor seinen Platz im Jugendheim und kam im Oktober 2012 ins Jugenddorf Knutwil Bad. Ein schlimmer Moment für ihn: «Ich war dort gelandet, wo ich nie sein wollte», sagt er. In Wahrheit sollte es seine Rettung sein.

Im Rahmen des Berufsfindungsprogramms absolvierte er Praktika in verschiedenen Betrieben des Jugenddorfs: in der Schreinerei, der Malerei, der Küche, der Hauswirtschaft, der Schlosserei und im Lackierwerk, wo er am Ende auch die Lehre als Industrielackierer machte. Parallel dazu fanden viele therapeutische Gespräche statt. «Mit den Sozialpädagogen konnte ich über alles reden, ohne verurteilt zu werden», sagt Alexander Neumann.

Das Jugendheim als «rettende Arche»
477 Jugendliche wurden in der Schweiz zuletzt in einem Jahr ausserhalb ihrer Familie platziert, weil sie straffällig geworden waren. Die Zahl ist seit Jahren stabil. Die grosse Mehrheit ist über 16 Jahre alt und männlich. 83 Prozent von ihnen kamen in sogenannt offene Institutionen, wie das Jugenddorf Knutwil eine ist. Alexander Neumann ist ein Beispiel dafür, was eine solche Einrichtung im besten Fall bewirken kann.

Er betrachtete den Aufenthalt in Knutwil von Beginn an als eine Chance. Nach knapp einem Jahr zog er ins teilbetreute Wohnen einer externen Wohngruppe um. Bereits vier Monate später quartierte man ihn in einer eigenen kleinen Wohnung in Knutwil Bad ein. Ganz auf sich gestellt, erhielt er zugleich alle Freiheiten zurück. Aber es erwuchsen ihm auch neue Pflichten: So musste er die Rechnungen selbständig bezahlen. Und es wurde kein «Kurvengang» mehr toleriert: Jedes Delikt war tabu.

Offen zur Vergangenheit stehen
Alexander Neumann machte sich gut. Im Jugenddorf gab es wenig zu bemängeln, die Jugendanwaltschaft zeigte sich sehr zufrieden. Neumann sagt: «Das Heim war meine rettende Arche.» In Knutwil schaffte er den Lehrabschluss als Lackierer und bewarb sich im Sommer 2016 bei den Pilatus Flugzeugwerken. «Das Einstellungsgespräch verlief positiv, weil ich offen zu meiner Vergangenheit stand. Was war, konnte ich erzählen.» Er habe keine Ausreden gesucht, es sei in seinem Leben einfach nur dumm gelaufen.

Alexander Neumann mit Chef Hanspeter Rohrer
Alexander Neumann mit Chef Hanspeter Rohrer: Manchmal reden die beiden über die Vergangenheit des jungen Mannes.

Sein Vorgesetzter Hanspeter Rohrer (59) erinnert sich: «Alexander war beim Vorstellungsgespräch sehr anständig. Und er sprach sehr offen über seine Vergangenheit.» Das hinterliess einen guten Eindruck. Ausserdem habe das Jugenddorf den jungen Mann empfohlen. Hie und da seien die Geschichten von früher auch heute noch ein Thema, sagt Rohrer. Dann spreche man sie an. «Sonst wurde Alexander von Anfang an behandelt wie jeder andere Lehrabgänger auch», sagt Rohrer und fügt lachend an: «Er hatte auch die gleichen Flausen im Kopf wie andere in diesem Alter.»

Rohrer ist bei Pilatus sowohl Teamleiter der PC-12-Lackierer als auch für die Lernenden zuständig. Er besucht regelmässig Führungskurse, wurde aber für die Mitarbeiter mit besonderem Hintergrund nicht speziell geschult. Er stellt fest: «Alexander ist zuvorkommend wie zu Beginn, zudem hat er fachlich riesige Fortschritte gemacht.»

Im Leben angekommen
Und die Bilanz des einst kriminellen Jugendlichen? «Mir könnte es nicht besser gehen. Ich habe einen super Arbeitgeber und kann die Miete und alles andere vom selbst verdienten Geld bezahlen.» Der Kontakt zu Mutter und Geschwister ist neu geknüpft, er bedeutet ihm viel. Neumann ist sicher, nicht mehr straffällig zu werden: «Ich setze doch mein selbstbestimmtes Leben und meine Stelle nicht aufs Spiel. Immerhin habe ich es zum Lackierer der weltbesten Turbo­prop-Flugzeuge gebracht.» Auch Hanspeter Rohrer ist froh über diesen Entscheid: «Ich wünsche mir, dass Alexander noch lange bei uns bleibt. Er ist ein toller Mensch.»

Der Lehrabschluss baute Alexander auf

Beat Zurfluh (40)

Beat Zurfluh (40) ist Leiter des Teilbetreuten Wohnen im Jugenddorf Knutwil Bad LU.

Welchen Eindruck machte Alexander Neumann beim Eintritt ins Jugendorf Knutwil Bad auf Sie?
Ich hatte nicht von Anfang an direkt mit ihm zu tun. Alexander wurde mir als eher scheu, zurückhaltend und auffallend freundlich beschrieben. Und es fehlte ihm damals an Selbstvertrauen.

Es verwundert ein wenig, dass jemand mit diesen Attributen straffällig wird.
Bei Alexander hat das Umfeld eine entscheidende Rolle gespielt. Zu Hause hatte er es nicht einfach. Der Vater war nicht präsent. Es gab Konflikte mit der Mutter und dem Bruder. In der Schule wurde er gemobbt. Er war überfordert und stand unter zu viel Druck. Ich muss aber betonen, dass viele Jugendliche in einem schwierigen Umfeld aufwachsen, jedoch deswegen nicht straffällig werden.

Wie ging Alexander Neumanns Wandlung vom Straftäter zum gut integrierten jungen Mann vor sich?
Alexander war knapp vier Jahre bei uns. In dieser Zeit arbeitete er relativ konstant an seinen Zielen. In der Konfliktbewältigung zum Beispiel machte er schnell grosse Fortschritte. Weitere Schwerpunkte in der Therapie bildeten der Umgang mit Suchtmitteln und mit den Finanzen. In den letzten zwei Aufenthaltsjahren förderten wir Alexander gezielt auf dem Weg zur Selbständigkeit. Die Freizeitgestaltung wurde thematisiert. Und das Führen eines eigenen Haushalts konnte er mit Begleitung einüben. Er gewann sein Selbstvertrauen zurück. Vor allem der Lehrabschluss baute Alexander auf.

Gab es nie Probleme?
Im letzten halben Jahr seines Aufenthalts waren Motivationsschwankungen spürbar. Er hatte einige Absenzen im Betrieb, denen man nachgehen musste. Aber grundsätzlich war Alexander immer bereit, an sich zu arbeiten.

Wie kommen Jugendliche in der Gesellschaft zurecht, wenn sie Ihre Institution verlassen?
In dem Moment erhalten Jugendliche neue Chancen, wenn sie sich diese erarbeiten. Das zeigt das Beispiel von Alexander. Auf der anderen Seite spüre ich gewisse Vorurteile: Wenn in unserer Umgebung etwas kaputt gemacht wird, wird schnell einmal auf das Jugenddorf gezeigt. Und dies nicht immer ganz ohne Berechtigung.

Wie hoch schätzen Sie Alexanders Rückfallrisiko ein?
Ich habe ein sehr gutes Gefühl. Ich glaube, dass Alexander nicht mehr auf die schiefe Bahn gerät. Jemandem absichtlich zur Last zu fallen oder ihn zu schädigen – das ist nicht seine Sache: Er ist nicht kriminell.

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