31. Dezember 2018

Die kleinen Dinge

Bänz Friedli plädiert für das Erinnern. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Blechschild: "Bereich der volbildichen Ordnung, Sicherheit, Sauberkeit und Disziplin"
Unseren Kolumnist verschlägts in ein DDR-Museum – wo er sich so seine Gedanken macht...

Unterwegs im Osten Deutschlands. Laut Kalender war Hochsommer, doch es regnete seit Tagen, und das nasskalte Grau passte zur Tristesse der Umgebung. Ein Schriftzug an farbloser Fassade kündet von versunkener Zeit: «Film-Palast». Die Lettern prangen seit 1957, Filme aber werden längst keine mehr gezeigt. «DDR-Museum», verrät stattdessen eine Blache, notdürftig ans Geländer gezurrt, und das Museum ist mehr Sammelsurium denn Ausstellungsraum. Lauter Alltagsgegenstände sind zu sehen, Limonadeflaschen, Sportabzeichen, Handmixer, wild durcheinander. Dazu, aus Zeiten, als die Versorgungslage wieder mal prekär war, das Schild «Heute keine Ware».

Stell dir vor, man hätte dir von heute auf morgen gesagt, alles, was dein Leben ausgemacht habe, sei wertlos geworden: Plüschtiere, Kassettenrecorder, Gutenachtgeschichten, der Sportverein deiner Jugend, dein Betrieb, samt Kinderkrippe. So muss es für die Menschen in der DDR gewesen sein, vor bald 30 Jahren. Selbstverständliches, Geläufiges, Liebgewonnenes – plötzlich weg. Das Gleiche wird dir in ähnlicher Form neu verkauft, bloss nicht mehr in der Sowjetunion hergestellt, sondern made in USA. Die Firma, ohne Krippe, gehört nun neuen Investoren.

Warum hatte ich mir das in den Jahren seit 1989 nie überlegt? Wie die Leute all der kleinen Dinge beraubt worden waren. Der Zufall wollte, dass ich gerade «Beste Absichten» las, den Roman über eine Rockband aus der DDR, die nach der Wende auseinanderbricht. Und natürlich war das kein Zufall: Der Band hatte in einer Buchhandlung in Neubrandenburg prominent ausgelegen, er musste mir ins Auge springen. Der Autor, Thomas Brussig, wertet nicht, er erzählt einfach nur: vom verrückten Umbruch, vom völlig neuen Leben nach dem Mauerfall, das manche überrumpelte, andere beflügelte.

Als im Herbst dann «Gundermann» ins Kino kam, glaubte ich zunächst, der Film sei erfunden. Aber nein, den singenden Baggerführer aus Hoyerswerda hatte es wirklich gegeben. Wie kommt es bloss, dass ich von all den DDR-Abtrünnigen – Wolf Biermann, Bettina Wegner, Stephan Krawczyk – noch LPs besitze, von Gerhard Gundermann aber, der geblieben war, nie gehört habe? Es ist an der Zeit, den Alltag in der DDR in Erinnerung zu rufen. Wir wissen viel zu wenig. Man versprach diesen Menschen «blühende Landschaften» und liess sie dann allein mit ihrer Geschichte, ihren Ängsten, ihrer Frustration. Das bedeutet nicht, dass ich die fremdenfeindlichen Aufmärsche in Deutschlands Osten gutheisse. Wir müssen nur anerkennen, dass es diese Zeit überhaupt gegeben hat und dass die Erinnerung dieser Menschen nicht wertlos ist. Denn stell dir vor, man hätte dir von heute auf morgen gesagt … 

Die Hörkolumne (MP3)

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