05. Juli 2018

Die Kita-Männer

In der Kinderkrippe Bambis Chinderland in Zürich arbeiten ebenso viele Männer wie Frauen. Eine ideale Konstellation, sagen Experten.

Fredi Deck mit Kindern in der Kita
Erzählstunde in der Kita Bambis Chinderland: Betreuer Fredi Deck mit seinen Schützlingen. 
Lesezeit 5 Minuten

Kurz vor neun Uhr in der Zürcher Kinderkrippe Bambis Chinderland. Die Räupli und Schmetterlinge sitzen im Kreis. «Was habt ihr am Wochenende gemacht?», fragt Pascal Saner, der 44-jährige Gruppenleiter der Räupli, in die Runde: Der blonde und etwas verschnupfte Henri (3) sagt: «Ich war im Zoo und habe einen Tiger gesehen!» – «Wer hat Fussball geschaut?», fragt Saner die Räupli, also die jüngeren Kinder in der Kita, weiter. Einige Kinderhände schiessen in die Höhe.

Bevor es Znüni gibt, darf die vierjährige Juna noch die erste Etappe einer Rennstrecke mit einem Auto aus einer WC-Papier-Rolle fahren. Marco Urech (27) hat die Rennbahn extra für sie gebastelt: Junas Kita-Zeit ist bald vorbei. Während er Schüsseln für die Cornflakes verteilt, erzählt er, dass er ursprünglich Sportartikelverkäufer werden wollte. Ein Onkel empfahl ihm dann aber, in einer Kita zu schnuppern. Ihm war aufgefallen, dass Marco an Familienfesten immer so gern mit den kleinen Cousins spielte und dass sie das toll fanden.

In «Bambis Chinderland» arbeiten fünf Männer und fünf Frauen. Das ausgeglichene Verhältnis der Geschlechter ist alles andere als repräsentativ: In vielen Kindertagesstätten arbeiten nur Frauen, in einigen gibt es einen «Quotenmann».

«Das coole an diesem Beruf ist, dass man ab und zu wieder Kind sein darf oder muss», sagt Marco Urech. Wenn er auf Bäume klettere, Hütten baue oder «dreckle», sei er in seinem Element. Im Sandkasten packe ihn manchmal auch der Ehrgeiz: Kürzlich habe er mit den Schmetterlingen – also mit den älteren Kindern – ein so grosses Loch gegraben, dass die Mädchen und Buben unter der selbstgebauten Brücke hindurchkriechen konnten.

Arbeiten mit einem Lächeln im Gesicht

Für Kita-Leiter Pascal Saner ist das eine Qualität vieler Kleinkindbetreuer: «Die Männer, mit denen ich arbeite, verlieren sich manchmal so richtig im Spiel oder beim Sport.» Und Unordnung störe sie weniger. Falle ein Kind hin, seien Frauen oft einfühlsamer, ergänzt Marco Urech. «Ich bin eher der Typ, der dann sagt: Komm, steh auf, das ist doch nicht so schlimm.» Wenn Kinder Trost bräuchten, suchten sie ihre liebste Bezugsperson auf – ob Frau oder Mann, ergänzt Pascal Saner. Die Eltern bewerteten es als grundsätzlich positiv, wenn ihre Kinder Betreuerinnen und Betreuer haben.

Auch Simone Spindler (37), die Mutter des zweijährigen David (2), schätzt den Geschlechter- und Generationenmix: «Für David ist es sicher ganz toll, dass er die Kita-Tage mit Männern und Frauen verbringen kann. Das ist ein bisschen wie in einer Familie.»

Fredi Deck (24) sitzt am Boden und wippt so heftig, dass Nian (2), der auf seinen Rücken geklettert ist, sich festklammern muss. Er habe eigentlich Informatiker werden wollen, sagt Deck, aber keine Lehrstelle gefunden. Da hatte seine Schwester die Idee, er als Pfadfinder könne doch bei einer Kollegin in einem Kinderhort schnuppern. Er tat es – und war begeistert. Seit sieben Jahren nun geht er jeden Tag «mit einem Lächeln auf dem Gesicht zur Arbeit».

Zusammen mit Pascal Saner kümmert sich Fredi Deck um die Räupli. Vor dem Mittagessen gilt es, alle Babys und Kleinkinder zu wickeln. Fredi steht entspannt am Wickeltisch und schenkt jedem seiner kleinen Kunden die volle Aufmerksamkeit. Es gehe nicht darum, schnell zu wickeln, sondern sich Zeit zu nehmen für jeden kleinen Menschen.

Die Kitamänner sitzen mit den Kindern im Kreis
Marco Urech, Pascal Saner, Aaron Buss und Fredi Deck (v.l.n.r.) beginnen den Kita-Tag mit den Räupli und Schmetterlingen. 

Von der Küche in den Kinderhort

Auch Aaron Buss (21) gehört zum Männerteam, das die Räupli betreut. Er hat eine Lehre als Koch abgeschlossen, doch die langen Arbeitszeiten, der Stress und der oft harsche Umgang in der Küche entsprachen ihm nicht. Auf der Suche nach Alternativen landete er bei Bambis Chinderland. Dort fühlte er sich sofort wohl. «Ich sitze gerne auf der Decke und spiele mit den Kleinsten», sagt er. Jeden Tag zu sehen, wie sie sich entwickeln, sei einfach schön.

Während Marco Urech, Fredi Deck und Aaron Buss auf ihrem Berufsweg stets unterstützt wurden, musste Pascal Saner, für den Kinderbetreuer schon immer ein Traumjob war, sich noch rechtfertigen. Seine Eltern bekundeten Mühe, als er nach der Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten 1994 ein Praktikum in einer Kita begann und eine sichere Laufbahn in den Wind schlug. Als Mann war er damals ein absoluter Exot, der vielen Vorurteilen begegnete. «Männer, die mit Kindern arbeiteten, galten als komisch», sagt er. Doch die Zeiten haben sich geändert: Noch vor zehn Jahren habe sich unter 100 Bewerbern ein einziger Mann befunden – heute bewerben sich viele Männer bei Pascal Saner. Er suche allerdings nicht gezielt nach Männern, sondern nach guten Pädagogen.

Für Yvonne Ebinger (35) waren männliche Kollegen von Anfang an die natürlichste Sache der Welt. Nach der Ausbildung zur Miterzieherin bei Bambis Chinderland wechselte sie vorübergehend die Stelle. Sie landete in einer Kita, in der nur Frauen arbeiteten – und fand das anstrengend. «Männer sind unkomplizierter», meint sie. Sie schwärmt von den durchmischten Teams bei Bambis Chinderland: «Wir ergänzen uns, und die Kinder profitieren von unterschiedlichen Bezugspersonen.»

Nadine Hoch vom Verband Kinderbetreuung Schweiz bestätigt: «Männer und Frauen sind unterschiedlich aufgewachsen und können viel voneinander lernen. Dabei geraten auch klischierte Rollenbilder ins Wanken.» Die Anwesenheit beider Geschlechter signalisiere: Kinderbetreuung ist eine Aufgabe für Frauen und Männer. Sie räumt aber ein: Obwohl sich im Jahr 2017 doppelt so viele Männer zu einer Ausbildung zum Fachmann Betreuung Kind entschlossen haben als noch vor sieben Jahren, schliessen viele nicht ab oder bleiben nicht im Berufsfeld.

Laut Lu Decurtins (55), Projektleiter von «Mehr Männer in die Kinderbetreuung» (siehe Kasten Seite 14), sind die Gründe für die immer noch geringe Zahl an Berufseinsteigern und die relativ hohe Aussteigerquote vielfältig. Viele junge Männer könnten sich für die Arbeit mit Kindern begeistern, kämen aber nicht auf die Idee, den Beruf zu wählen; er sei immer noch mit Vorurteilen behaftet, und es fehle an Vorbildern. Manche fühlten sich allein unter lauter Frauen nicht wohl. Und dass man selbst als ausgebildeter Fachmann in diesem Beruf nicht reich werden könne, schrecke viele Männer ab.

Dass Vorbilder entscheidend sein können, zeigt ein Beispiel aus Bambis Chinderland: Ludwig C., der die Ausbildung zum Fachmann Betreuung in der Kita absolviert hat und heute als Miterzieher arbeitet, wurde vor 20 Jahren von Pascal Saner gewickelt.

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