10. Dezember 2019

Die junge Lust auf alt

Schallplatte statt Spotify, Postkarte statt Whatsapp-Nachricht, Reisebüro statt Web: Fünf junge Menschen erklären, warum und wofür sie Smartphone und Laptop gerne weglegen.

Tillmann Ostendarp (26) und Adi Eberhard (33): Analoge Klänge

Die zwei Männer stehen in der zweiten Etage ihres Holzhauses in Wattwil SG. Um sie herum gelbe, grüne, rote und blaue Kabel. Hunderte von kleinen farbigen Lichtern blinken in regelmässigem Rhythmus. Hier haben die Musiker Tillmann Ostendarp und Adi Eberhard ihr eigenes Tonstudio eingerichtet. Unter dem Namen «Skiclub Toggenburg» treten sie in Clubs als Live-Elektronikduo auf. Die Musik oder die «Töne», wie sie es nennen, erzeugen sie live. «Komplett darauf vorbereiten können wir uns nicht», sagt Ostendarp. «Es ist eher ein Sich-aufeinander-Einpegeln und ein Aufeinander-Hören», erklärt Eberhard.

Mix aus alter und neuer Technologie
Die meisten verwendeten Geräte sind analog. Auf Tischen stehen verschiedene Synthesizermodule, die mit Kabeln verbunden sind. «Wir haben die Vorzüge alter und moderner Technologien miteinander kombiniert», so Eberhard. Aufnahmen mit ausschliesslich analogen Geräten etwa können teuer und aufwendig werden. «Da arbeiten wir lieber digital.» Ostendarp ergänzt: «Die Klänge produzieren wir aber alle analog.» Es sei einfach schön, Knöpfe und Schalter anstelle einer Maus zu bewegen und damit direkt Musik zu erzeugen.

Ostendarp fährt den Bildschirm in der Mitte des Raums hoch. Eberhard stellt sich vor den einen Tisch, Ostendarp vor den anderen. Während Ostendarp einen Bassrhythmus einspielt, beginnt Eberhard, an den Knöpfen zu drehen. Aus den Lautsprechern erklingt «Minimal mit einem housigen Einschlag», wie sie es nennen. Mit ihrer Musik sind sie 20- bis 30-mal pro Jahr unterwegs. Sie spielen in Nachtclubs und setzen Projekte mit anderen Künstlern um. «Vor Kurzem haben wir mit dem Klangkünstler Andy Guhl gespielt. In nächster Zukunft ist ein Projekt mit dem Jugendmusikorchester ‹il mosaico› geplant», sagt Ostendarp und dreht die Musik auf. Die beiden versinken wieder ganz in ihrem Beat.

So klingt der «Skiclub Toggenburg»

Jasmin Christen (34), Rapperswil-Jona SG: Rundumpaket aus dem Reisebüro

Jasmin Christen

«Vor vier Jahren war ich für einen Sprachaufenthalt in Australien und buchte da meine anschliessende Reise in einem Reisebüro. Das klappte so gut, dass ich seither nur noch so buche: Ich sage den Reisespezialisten, was ich in dem betreffenden Land gerne sehen würde, und sie stellen mir eine Reise zusammen. Zusätzlich geben sie mir Tipps zu besonders guten Restaurants, Bars oder Sehenswürdigkeiten. Vor der Abreise erhalte ich ein Paket mit allen Tickets und Bestätigungen. So muss ich mich vor Ort nicht mehr online informieren und kann die letzten noch fehlenden Informationen in meinem Reiseführer lesen. Mein Smartphone benutze ich dann höchstens zur Orientierung in einer fremden Stadt oder als Navi im Auto.»

Marco Grimm (27), Zürich: Erlebnis Vinyl

Marco Grimm mit Schallplatten
Platten statt Spotify: Die meisten Exemplare haben aber nur im Estrich Platz.

«Ich war schon immer ein Fan von Progressive Rock und habe früh angefangen, Musik zu sammeln – anfangs noch digitale. Meine erste Schallplatte hörte ich mit 18 oder 19 Jahren. Damals entdeckte ich den Plattenspieler meines Vaters; als ich die Platte auflegte, war ich richtig aufgeregt und fasziniert. Seither kaufe ich meine Musik wenn möglich auf Vinyl. Wenn ich draussen unterwegs bin, benutze ich aber wie alle anderen auch Kopfhörer, die ans Handy angeschlossen sind.

Viele fragen mich, ob die Musik von Schallplatten besser klinge. Meine Meinung: Sie klingt gleich wie die auf alten CDs – man hört viel mehr Details als auf neuen Tonträgern. Das liegt an der heutigen Aufnahmetechnik: Sie lässt viele Feinheiten untergehen. Und wenn man alle Tipps zur Reinigung der Platten befolgt, bringt man sogar das Knistern weg.

Vor Kurzem erst bin ich von Brasilien in die Schweiz gezogen – meine Schallplatten musste ich mit dem Schiff herschicken lassen. Es waren ziemlich viele Kisten: Ich besitze heute etwa 1500 Platten. Die meisten stammen von aktuellen Bands, die ihre Musik auf CD und Platte verkaufen. Die neuesten befinden sich jetzt im Wohnzimmer, aber den Grossteil muss ich im Estrich lagern.

Ich höre Musik zu Hause fast ausschliesslich auf dem Plattenspieler. Ich mag es, eine Platte aufzulegen und sie von Anfang bis Schluss zu hören. So ist das für mich ein schöneres Erlebnis. Ich stöbere in der Plattensammlung, betrachte die schön gestalteten Cover und suche mir eine Platte aus.»

Fabian Grepper (20): Gedruckte Werte

Fabian Grepper mit Zeitungen
Fabian Grepper studiert Wirtschaft an der Universität St. Gallen und mag das Rascheln der Seiten.

Du ziehst Printprodukte den digitalen Pendants vor – zum Beispiel?

Ich lese die Zeitung gern auf Papier. Zudem schmökere ich nur in richtigen Büchern, ein E-Book zu kaufen, kommt für mich nicht infrage. Ich
koordiniere meine privaten Termine mittels Papieragenda. Und Feriengrüsse verschicke ich lieber per Postkarten als via Whatsapp.

Warum?

Ich betrachte es als ein Zeichen des Respekts gegenüber dem Empfänger, eine echte Postkarte zu verschicken: Ich gehe in einen Laden, suche die schönste Postkarte aus, überlege mir einen Text und verfasse ihn von Hand. Das hat eine gewisse Wertigkeit. Eine solche Wertigkeit hat auch eine gedruckte Zeitung oder ein Buch. Ich mag das Rascheln der Seiten, ihren Geruch. Zu Hause nehme ich mir bewusst Zeit, um die Artikel und Geschichten zu lesen. Das ist für mich eine Auszeit von der ständigen Erreichbarkeit, der dauernden Beschallung.

Aber meist ist die digitale Variante doch bequemer.

Ich bin der Meinung, dass digital und analog einander nicht ausschliessen sie ergänzen sich. Natürlich lese auch ich die Zeitung manchmal auf dem Smartphone, aber wenn ich zu Hause bin und entscheiden kann, wähle ich das Printprodukt. Diesen Schritt mache ich bewusst. Und ich bin auch bereit, dafür zu bezahlen. Fahre ich in die Ferien, lasse ich lieber ein, zwei Pullover daheim und packe dafür Bücher ein.

Wie finden das Ihre Freunde?

Ich bin damit durchaus ein Exot in meinem Freundeskreis (lacht). Meine Freunde verschicken eher selten Postkarten. Aber viele teilen zum ­Beispiel meine Vorliebe für gedruckte Bücher. Nachrichten lesen die meisten von ihnen allerdings online.

Immer mehr Printangebote verschwinden. Wie ist das für dich?

Ich kann die Veränderung nicht verhindern, und das will ich auch nicht. In 20 Jahren habe ich vielleicht andere Methoden, um mir kleine Pausen zu verschaffen.

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