03. Juni 2019

Die Influencer-Mütter

Elena Habicher verdient Geld mit Werbung im Netz – manchmal mit Bildern ihrer Töchter. Das Modell erfreut sich grosser Beliebtheit. Die Influencerin aus Zürich achtet darauf, die Bedürfnisse ihrer Kinder zu berücksichtigen.

Ein Bild mit der Familie auf Instagram.
Glücklicher Familienmoment: Elena Habicher stellt ihre Erlebnisse mit den Kindern auf Instagram. (Bild @family_first_switzerland und © Elena Habicher)
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Das Kinderzimmer ihrer zweijährigen Tochter kennen Tausende. Damit hat Elena Habicher (41) kein Problem, im Gegenteil: Regelmässig postet sie Fotos aus dem Reich ihrer Jüngsten auf Instagram. Und jedes Mal, wenn sie es tut, erntet sie begeisterte Kommentare, bis zu 600 zu einem Bild. Habicher ist Influencer-Mom, eine Mutter, die andere «beeinflusst». Firmen schicken ihr Produkte zu und hoffen, dass sie diese im Netz zeigt. Oder sie bieten ihr Werbedeals an. Wie jenes Unternehmen, das das Zimmer der Zweijährigen mit Möbeln ausgestattet hat, wofür Habicher im Gegenzug ein Jahr lang Fotos postet, die in diesem Raum aufgenommen wurden.

Die Glaubwürdigkeit zählt


«Nur» 13200 Follower hat die Zürcherin aktuell auf Instagram. Damit gehört sie zur Gruppe der «Mikro-Influencer», die im sogenannten Influencer-Marketing trotz einer vergleichsweise niedrigen Reichweite als Werbepartner besonders begehrt sind. Für die Bewertung der Zusammenarbeit spielen Begriffe wie Engagement und Glaubwürdigkeit eine Rolle. Fundierte Erkenntnisse dazu gibt es zwar nicht, jedoch geht man davon aus, dass die Meinung eines Mikro-Influencers als authentischer wahrgenommen wird als diejenige eines Influencers mit über hunderttausend Followern. «Influencer-Mom zu sein ist schwieriger als Mode-Influencer», sagt Habicher, «denn man zeigt nicht nur sich selbst, sondern auch sein Kind.» Nichtsdestotrotz erlebt diese Social-Media-Sparte einen Boom. Kein Verständnis hat Habicher für Mütter, die ihre Kleinen halbnackt ablichten und posten, um für Windeln zu werben: «Das würde ich nie tun. Meine Follower sehen höchstens, wie meine siebenjährige Tochter mit einem K-Kiosk aus Karton spielt.»

Habichers Tochter spielt mit ihrem Kiosk.
Habichers Tochter spielt mit ihrem Kiosk. (Bild @family_first_switzerland und © Elena Habicher)

Elena Habicher ist gebürtige Tadschikin und lebt seit 2004 in der Schweiz. Influencerin wurde sie zufällig. Um ihre zweisprachige Onlineplattform familyfirst.ch mit Dienstleistungen und Ausflugstipps für Familien bekannt zu machen, legte sie 2016 einen Instagram-Account an und stellte fest: «Wow, hier kann ich viele Leute erreichen.» Nach zwei Jahren hatte sie bereits über 60 Werbedeals mit Unternehmen, für die sie gegen Bezahlung Produkte promotete sowie Hotels und Ausflugsziele testete.

Die Ältere verweigerte sich

Im Kinderzimmer hantiert ihre Jüngste im Elsa-Eiskönigin-Rock mit dem Spielzeughandy. «Sie lässt sich gern fotografieren», sagt Elena Habicher. Mit zwei Jahren versteht die Kleine Mamis Arbeit noch nicht; ihre siebenjährige Schwester schon eher. «Vergangenen Sommer war es mir zu viel», sagt die Erstklässlerin freimütig und meint das Fotografieren. Auf einem gesponserten Wochenendtripp war sie plötzlich müde und hatte keine Lust mehr. «Wir haben ausgemacht, dass ich nicht mehr mitmache», sagt sie.

Der Mutter wurde indessen bewusst, auf welch schmalem Grat sie sich bewegt: «Bezahlte Trips sind nicht nur spassig, sondern auch anstrengend. Für mich, weil ich nach Motiven Ausschau halten muss, und für die Kinder, weil sie nicht immer Geduld haben, bis ich mit dem Fotografieren fertig bin.» Dass ihre Grosse nicht mehr auf die Bilder wollte, findet die Mutter okay: «Ich kann die Kinder nur fotografieren, wenn sie auch Spass dabei haben.»

Anfänglich zögerte Elena Habicher, ihre Töchter im Netz zu zeigen. Bis heute wägt sie bei jedem Foto ab, wobei sie sich streng an ihre eigenen Regeln hält: Sie fotografiert die Mädchen nur in zufälligen Spielsituationen, achtet darauf, dass sie nicht direkt in die Kamera schauen, und gibt ihre Namen nicht preis. Bilder, auf denen die Kinder mit Ketchup-Mund zu sehen sind oder die Wohnung im Chaos versinkt, postet sie nicht. «Das werfen sie mir sonst irgendwann vor – zu Recht.» Zu privat findet sie auch Fotos, «die zu sehr ans Herz gehen», etwa wenn die Kinder schlafen oder in die Kamera strahlen.

Elena Habicher mit ihren beiden Kindern
Elena Habicher mit ihren beiden Kindern (Bild @family_first_switzerland und © Elena Habicher)

Der Vater ist vorsichtig

Es ist eine weichgespülte Welt, die der Wohlfühl-Social-Media-Kanal Instagram zeigt. Möglichst «instagrammable», also ästhetisch in Szene gesetzt, sollen die geposteten Fotos sein. «Ich bin nicht instagrammable», sagt Habichers Ehemann und grinst. Der 49-jährige Österreicher mit wildem Vollbart taucht auf dem Insta-Kanal seiner Frau kaum auf. Er will lieber anonym bleiben. Dafür stammen sämtliche Fotos, auf denen Elena Habicher zu sehen ist, von ihm. Ansonsten hat er nichts mit Social Media am Hut, ist weder bei Facebook noch bei Twitter oder Instagram zu finden. Das Business überlässt er seiner Frau, findet aber: «Am liebsten ist es mir, wenn die Kinder von hinten zu sehen sind.» Auch er geniesst gesponserte Trips und schwärmt: «So lernen wir die Schweiz noch besser kennen.»

Elena Habicher ist Künstlerin. Nach ihrem Studium an der Zürcher Hochschule der Künste steckte sie jahrelang viele Emotionen in Bilder und Skulpturen, fühlte sich am Ende aber oft ausgelaugt und unverstanden. «Damals wie heute habe ich mein Innerstes nach aussen gekehrt», sagt sie. «Doch mit Werbepostings verdiene ich nicht nur Geld, sondern werde auch besser verstanden, weil meine Community aus Eltern wie mir besteht.» Aber auch hier musste sie lernen, es nicht persönlich zu nehmen, wenn ein Foto wenige Likes hat.

Die Kinder spielen mit dem gesponserten Spielzeug.
Die Kinder spielen mit dem gesponserten Spielzeug. (Bild @family_first_switzerland und © Elena Habicher)

Und was macht sie, wenn dereinst beide Töchter nicht mehr auf Mutters Insta-Fotos wollen? «Das wird sich zeigen», sagt die Influencerin. Zurzeit
ist die Grosse wieder mit dabei. «Wegen der coolen Sachen», sagt sie und fragt: «Mami, wann dürfen wir mit der Knete spielen, die du bekommen hast?» «Bei Tageslicht», antwortet die Mutter, «damit die Fotos gut werden.»

Elena Habichers Instagram-Auftritt: @family_first_switzerland

Lassen wir ihnen doch ihre kindliche Welt

Alain di Gallo
Das sagt der Experte: Psychiater Alain Di Gallo im Interview.
Das sagt der Experte: Psychiater Alain Di Gallo im Interview (Bild zVg)

Nicht alle Influencer gehen achtsam mit Kinderbildern um. Psychiater Alain Di Gallo erklärt, wann es schwierig wird.

Beeinflusst es Kinder, wenn sie im Internet für Spielzeug oder Kleider werben?

Die Aufnahme eines einzigen Werbefotos belastet ein Kind kaum. Fotografiert zu werden, sind Kinder heute gewohnt. Bedenklich wird es aber, wenn Druck hinzukommt – etwa wenn Eltern mit Posts Geld verdienen und regelmässig inszenierte Fotos liefern müssen.

Eltern sagen oft, ihr Kind mache dabei gerne mit.

Es ist wohl eher so: Ein Kind merkt, wenn -seine Eltern stolz sind, weil es sich für Werbung fotografieren lässt. Umgekehrt registriert es, dass sie enttäuscht sind, wenn es sich weigert. Die meisten Kinder sehen ihre Eltern gern glücklich und werden also mitmachen. Kinder so zu fotografieren, dass das Bild in erster Linie die Bedürfnisse der Erwachsenen erfüllt, finde ich generell bedenklich.

So, wie es oft auf Instagram zu sehen ist?

Genau. Kürzlich habe ich in einem Fashion-Blog einen Sechsjährigen gesehen, der lässig mit Sonnenbrille und Autoschlüsseln vor einem SUV posierte. Hier geht es darum, dass Erwachsene die Interessen anderer Erwachsener wecken. Das Kind wird für diesen Zweck eingesetzt. Ob das Foto 30 oder 3000 Likes erhält, ist dem Kind völlig egal. Seinen Eltern nicht.

Wenn Eltern dennoch Kinderbilder posten, was sollten sie beachten?

Sie sollten sich zuerst fragen, welchem Zweck das Bild dient, ob es wirklich im Interesse des Kindes ist und wer Zugang zum Foto hat. Ausserdem muss ihnen klar sein, dass ein Foto im Internet nicht einfach gelöscht werden kann. Und sie sollten überlegen, ob sie nicht eine Doppelmoral an den Tag legen.

Wie meinen Sie das?

Wir sagen Kindern: «Sei vorsichtig, was du postest!» Andererseits stellen Eltern freimütig Fotos des Nachwuchses ins Netz. Ich finde: Lassen wir ihnen doch ihre kindliche Welt!

Was Eltern beachten sollten:

Ab 14 Jahren:

Rechtlich gesehen sind Eltern dazu verpflichtet, ihre Kinder um Erlaubnis zu bitten, wenn sie Bild- und Tonaufnahmen von ihnen veröffentlichen möchten.

Unter 14 Jahren:

Bis Kinder ihre Rechte selbst einfordern können, werden diese von den Eltern gehütet.

Testfrage für Eltern: Würde ich mich so im Netz zeigen wollen?

Die deutsche Bloggerin Toyah Diebel und der deutsche Schauspieler Wilson Gonzalez Ochsenknecht liessen sich für das Projekt #DeinKindAuchNicht in wenig schmeichelhaften Situationen fotografieren, in denen sonst nur Kinder zu sehen sind: komplett mit Brei besudelt, halb schlafend an Mutters Brust oder – bei Influencern beliebt – zwischen beworbenen Produkten platziert. Die Fotos sollen Eltern zum Nachdenken über ihr Posting-Verhalten anregen.

Mehr Infos auf deinkindauchnicht.org

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