15. Dezember 2017

Die heilende Kraft der Farben

Wer als Patient auf einer Intensivstation liegt, ist mit viel Lärm, hellem Licht und Hektik konfrontiert. Auf der Suche nach Lösungen sind Spitäler auf Farb- und Lichtkonzepte gestossen.

Das Berliner Charité-Krankenhaus testet in der Intensivstation Lichtdecken.
Das Berliner Charité-Krankenhaus testet in der Intensivstation Lichtdecken. (Bild: Bild: Charité – Universitätsmedizin Berlin)
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Jeder fünfte Patient auf der Intensivstation erleidet während seines Aufenthalts ein Delirium. Bei denjenigen, die künstlich beatmet werden, sind es sogar 80 Prozent. Zwar kann man sie mit Medikamenten ruhigstellen, doch das birgt ein Risiko: Zahlreiche Studien belegen, dass eine tiefe Sedierung, sei es auch nur für die ersten 48 Stunden, zu bleibenden Schäden führen kann. Diese reichen von Gedächtnisstörungen bis zu Alzheimer und Demenz.

Seit einigen Jahren findet in der Medizin ein eigentlicher Paradigmenwechsel statt: weg vom sedierten, komatösen, hin zum wachen Patienten, der seine Umgebung wahrnimmt und im Idealfall kooperieren kann. Auf den Intensivstationen werden deshalb Massnahmen ergriffen, um die Behandlung für die Patienten so stressfrei wie möglich zu gestalten.

Unter anderem setzt man auf Farben. Erfahrungen damit hat etwa das Allgemeine Krankenhaus in Linz (A). Schon vor 15 Jahren versuchte es, mit der Beleuchtung und einer neuen Farbgestaltung das Wohlbefinden der Kranken zu verbessern. Der damalige Oberarzt Dietmar Bibl erklärt: «Wir haben mehrere Zimmer mit intensiven Farben neu gestaltet, orientiert am Krankheitsbild.»

Konkret erhielt ein Raum rote und orange Töne. Hier liegen Komapatienten oder solche mit getrübter Wahrnehmung, bei denen die Farben stimulierend wirken sollen.Türkis und Blau in Raum Nummer zwei und drei sollten auf sedierte Patienten und solche mit künstlicher Beatmung beruhigend wirken. In Raum vier kam Grün als harmonisierende und regenerierende Farbe zum Einsatz, dies bei Patienten mit Stresspotenzial. Zudem wurden die Deckenleuchten mit strukturiertem Glas versehen, was das Fokussieren erleichtert. Dezente Wandlampen spendeten genügend Licht zur Orientierung.

Die Ergebnisse der Linzer Versuche waren positiv: Die Patienten fühlten sich aufgehoben und motiviert, das Pflegepersonal berichtete von «mehr Leben, mehr Freude, mehr Emotion» bei den Patienten.

Wichtig: tiefer Geräuschpegel

Einen noch umfassenderen Versuch, die Intensivstation auf die Bedürfnisse der Patienten auszurichten, unternimmt seit 2013 das Berliner Charité-Krankenhaus. «Wir haben zu Beginn unseres Projekts auf der Intensivstation einen Schallpegel von 80 Dezibel gemessen, mit Spitzen von 100 Dezibel», sagt der Anästhesist Alawi Lütz. «Das ist etwa so laut wie neben einer Autobahn.» Gemäss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollte der Lärm aber nicht lauter sein als 40 Dezibel – das entspricht der Lautstärke eines Flüsterns. Hier liegt die sogenannte Konzentrationsstörungsschwelle. Lütz erläutert das Vorgehen der Charité: «In Zusammenarbeit mit einem Architekturbüro und Mediengestaltern wurden zwei Zweibettzimmer komplett umgebaut. Die medizinischen Geräte rückten optisch in den Hintergrund, die Geräusche wurden gedämpft.» Beim Umbau der zwei Behandlungsräume liessen die Architekten sämtliche Technik ausser dem Dialysegerät hinter schalldämmenden Holzwänden verschwinden, ohne dadurch das Bedienen der Apparate durch Ärzte und Pflegepersonal zu behindern. Nach dem Umbau wurde der Schall abermals gemessen: Die Lärmbelastung war nur noch halb so hoch und damit im gewünschten Bereich.

Zweiter wichtiger Punkt: die Lichtverhältnisse in den Räumen. Denn der Mensch braucht ausreichend Tageslicht oder vergleichbar intensives Licht, damit sein Körper den Hormonhaushalt steuern und den Tag-Nacht-Rhythmus balancieren kann. «Intensivpatienten haben aber oft einen gestörten Rhythmus», erklärt Lütz. Um dies auszugleichen, kommen in der Charité grosse, neu entwickelte Lichtdecken zum Einsatz, die unter anderem das Tageslicht ersetzen können. Die mit zahlreichen LED-Lampen bestückten Decken erreichen die erforderliche Lichtintensität, um den Effekt auf den Hormonhaushalt zu erzielen. Und dies, ohne dass dabei die Patienten geblendet werden.

Schichten von Bewegtbildern

Die Charité hat eine grosse klinische Studie gestartet, bei der der Heilverlauf von Patienten in Standardräumen mit denen der neu konzipierten Intensivstation verglichen wird. Im Zentrum des Interesses steht dabei unter anderem die LED-Decke, die eine Weltneuheit darstellt. Sie kann jede beliebige Farbe und jedes Muster erzeugen. «Wir projizieren meistens bewegte farbige Objekte an die Decke», erläutert Alawi Lütz. Hierfür wurden spezielle inhaltliche Schichten von Bewegtbildern entwickelt. In der ersten Schicht wird zum Beispiel der Himmel abgebildet, die zweite Schicht beinhaltet die Sonne und die dritte grüne Blätter. Wobei Aussehen, Form, Grösse der Elemente und das Tempo der Bewegungen verändert werden können. Das Besondere dabei: Der Zustand des Patienten bestimmt das Erscheinungsbild der Decke. Anhand von Parametern wie Schmerzintensität, Wachheit oder Sedierungsgrad verändert ein Computer die dargestellten Farben und Muster. Lütz erklärt: «Man weiss aus Studien, dass operierte Patienten mit Blick auf einen grünen Baum oder Garten weniger Schmerzmittel benötigen als solche, die zum Beispiel auf eine graue Mauer blicken.»

Alle acht Stunden werden die Schmerzen gemessen. Sind sie gestiegen, werden mehr und grössere Blätter auf die Decke projiziert. Patienten, die vom Beatmungsgerät entwöhnt wurden, fordert man auf, nach oben zu schauen und im Rhythmus der grünen Blätter zu atmen, da sie sonst oft zu schnell schnaufen.

Alawi Lütz und die Ärzte der Berliner Charité sind überzeugt von ihren Ansätzen. Klinische Erfahrungen abseits der Studien wie auch Rückmeldungen von Patienten und deren Angehörigen geben Grund für diese Zuversicht. «Patienten hatten weniger Angst, und unser Eindruck war, dass wir weniger Schmerz- und Beruhigungsmitteleinsetzen mussten», erklärt Lütz. «Und wenn Besucher keinen Monitor vor sich haben, auf den sie angstvoll starren können, haben sie ihre Augen sozusagen frei für den Patienten, was sich auf diesen überträgt.»

Der Berliner Anästhesist erinnert daran, dass es sich erst um eine Pilotstudie mit vier Intensivbetten und bisher 74 Patienten handle. Danach braucht es weitere, grösser angelegte Untersuchungen, bis das neue Intensivzimmerkonzept in Spitälern zum Standard gehört.

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