05. August 2019

Die grosse Stille

Bänz Friedli (54) gerät über «seinen» Sommerhit ins Sinnieren. Hier kannst du dich mit dem Kolumnisten und seinen Leser*innen austauschen und findest die vom Autor gelesene Hörkolumne.

Dalla
Lucio Dalla ist für Bänz Friedli unsterblich.

Es muss nur, irgendwo in den Ferien, eins seiner Lieder aus einem vorbeifahrenden Auto erklingen, und ich bin zurückversetzt ­ in eine Bar in Ligurien, wo die Jukebox «Stella di Mare» spielte und der erste Popstar meiner Jugendjahre sich einen Platz in meinem Herzen eroberte: Lucio Dalla. Und nun singt er aus einem fahrenden Auto, ich schnappe nur den einen Fetzen auf, von dem Mann, «der das Mitgefühl erfunden hat».

Himmel, sind das jetzt schon sieben Jahre, dass Lucio Dalla gestorben ist? Ich weiss noch, mit wem ich in welcher Beiz sass, als die Nachricht eintraf: Dalla tot! Wie stets, wenn ein Unsterblicher stirbt, reagierte ich ungläubig. Auch weil es nicht lang her war, dass ich ihn noch quicklebendig erlebt hatte. Ihn, den über und über Behaarten, den Charmeur und Causeur, den munteren Zwerg, der mit seiner Nickelbrille zunehmend wie ein Abziehbild seiner selbst aussah. Er, der seinem Land so schmeicheln und es so wunderbar provozieren konnte, wenn er sich «Jesus» nannte und halbnackt für eine Jeansmarke gleichen Namens warb. Er, der aus seinem Schwulsein keinen Hehl machte, war politisch, ohne zu politisieren, und tarnte seine Gesellschaftskritik mit Poesie. Das machte sie zeitlos: Sein Friedensappell «Washington», einst auf Ronald Reagan gemünzt, klingt noch heute aktuell.

Er flirtete mit Jazz und Belcanto, war unter den italienischen Liedermachern der weitaus musikalischste. Wann immer man in Bologna ins Ristorante Da Cesari trat, traf man ihn tafelnd inmitten von Jüngern und Jünglingen an. Der linke Lebemann wedelte mit seinen Widersprüchen wie mit einem Fächer: Arbeitersohn, aber Bildungsbürger; vulgärer Romantiker; frommer Kirchenkritiker; Pendler zwischen den «Feste dell’Unità» der Kommunistischen Partei und den Tempeln der Hochkultur. Dalla wollte gefallen und misstraute doch dem Erfolg. Seinem Überhit «Attenti al lupo» liess er absichtlich eine sperrige CD folgen: «Henna», ein Manifest der Entfremdung, voller düsterer Anklänge an Grunge und Electro. Der Geniestreich gemahnte an Kurt Cobain.

Dalla und ich sassen bei einer Tasse Tee, als wir auf Cobains Tod zu reden kamen. «Erst wenn man das letzte Wort ausgesprochen hat, erreicht man wahre Grösse. Denn das letzte Wort», Dalla sagte diesen nahezu biblischen Satz leichthin, verschmitzt, «das letzte Wort ist die Stille.» Danach sah ich ihn nie wieder. Trauer über Lucio Dallas Tod? Vielmehr Dankbarkeit: dafür, dass man seinetwegen stets aufs Neue der 14-jährige Junge sein darf, der in Monterosso al Mare immer und immer wieder ein 100-Lire-Stück in die Jukebox warf, um das eine Lied zu hören: «Stella di Mare».

Die Hörkolumne (MP3)

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