02. November 2017

Die Gräben sind heute nicht mehr so tief

Die Unterschiede zwischen Stadt und Land schwinden zunehmend, sagt Politologe Markus Freitag. Politisch ist ohnehin oft die Agglo entscheidend. Ein Gespräch über Anonymität auf dem Land, urbane Wolf-Fans und pragmatische Agglomenschen.

Markus Freitag
Der politische Soziologe Markus Freitag ist auf dem Land aufgewachsen, wohnt und arbeitet heute in der Stadt – und kennt sich auch in der Agglomeration aus.

Markus Freitag, was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen Stadt und Land?

Schwierig. Die Unterschiede sind nicht mehr so offensichtlich wie noch vor 20 oder 30 Jahren. Wenn man in Zürich in die Quartiere geht, fühlt man sich schnell mal wie auf dem Dorf: Man kennt den Bäcker, die Verkäuferin oder andere Eltern auf dem Spielplatz. Gleichzeitig ist das Leben in den Dörfern anonymer geworden. Man wohnt zwar dort, ist aber mobiler als früher, arbeitet in der Stadt oder der Agglomeration und nimmt nicht mehr unbedingt am sozialen Leben vor Ort teil. Zudem hat man dank Internet von überall Zugang zur Welt.

Aber es gibt schon noch Unterschiede.

Klar. In meiner neuen Studie mit Persönlichkeitstests von über 14 000 Personen aus der Schweiz stellte sich zum Beispiel heraus, dass sich Menschen in urbanen Gebieten im Vergleich zu denjenigen in ländlichen Regionen als neugieriger, kreativer und origineller betrachten. In der Persönlichkeitspsychologie gehören diese Eigenschaften zum Merkmal «Offenheit». Landbewohner hingegen sind beharrlicher, bodenständiger und prinzipientreuer. Sie erzielen einen höheren Wert beim Merkmal «Gewissenhaftigkeit».

Wie erklärt sich das?

Im Dorf stossen die Leute immer aufeinander, ob sie wollen oder nicht – dieses Gesetz des Wiedersehens hat Auswirkungen auf das soziale Miteinander und macht das Dorf zu einem geschlossenen Kreis voller Normen und Konventionen. Mit Vorteil schauen Sie, dass sie mit allen irgendwie auskommen. Und wenn Sie die Konventionen missachten oder anecken, müssen Sie mit Sanktionen rechnen. In der Stadt ist die persönliche Freiheit grösser, jeder ist ein Stück weit fremd und nicht «Herr im Haus», mit Ausnahme der Quartiere, wobei auch dort alles weniger verbindlich ist als auf dem Dorf.

In den Städten gibt es nach wie vor Leute, die unter Einsamkeit leiden.

Sicher. Aber es gibt auch immer mehr Initiativen, um Gemeinschaft zu bilden. Etwa die Aktion «Hansbank in allen Gassen», die in Zürich vergangenen Sommer dazu aufgerufen hat, Bänke oder andere Sitzgelegenheiten aufzustellen, um Begegnungsraum zu schaffen. Die Stadt und ihre Einwohner versuchen mit vielfältigen Aktionen der Anonymität entgegenzuwirken – während sich das Dorf ihr allmählich ergibt.

Wie kommt das?

Viele traditionelle Begegnungsräume in den Dörfern sind verloren gegangen: Oft gibt es keinen Dorfladen mehr, der Postschalter wurde geschlossen, und in die Kirche geht man auch nicht mehr. Das karge Restangebot kann mit den Reizen des Internets und der Mobilität nur schwer mithalten.

Und dennoch sehnen sich viele nach dem Landleben mit Haus und Garten.

Mein Eindruck ist, dass diese Sehnsucht abgenommen hat. Nicht zuletzt, weil die Städte viel getan haben, damit sich auch Familien wohlfühlen können: Grünflächen, Kinderbetreuung, Verkehrsberuhigung, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Allerdings können viele es sich gar nicht leisten, in der Stadt zu wohnen, selbst wenn sie wollten. Eine Form von unfreiwilliger Stadtflucht

In ländlichen Kantonen wie der Zentralschweiz leben deutlich weniger Frauen als Männer. Wie erklären Sie sich das?

Die Frauen haben in den letzten Jahrzehnten ihre Karrieren vorangetrieben, dafür gibt es in der Stadt hinsichtlich Bildung und Beruf einfach mehr Möglichkeiten, gerade im Dienstleistungs- und Pflegebereich.

Ist es vielleicht auch leichter, in der Stadt ein emanzipiertes Leben zu führen?

Das ist wohl so. Zumal in der Stadt die Angebote zur Kinderbetreuung vielfältiger und die Einstellungen generell liberaler sind.

Das Auto ist der Wolf der Stadt.

Politisch fallen die Unterschiede immer dann auf, wenn es um Immigrationsfragen geht. Die Stadt, in der viele Ausländer leben, stimmt mehrheitlich liberal, das Land, wo es viel weniger Migranten gibt, tendenziell konservativ. Paradox, oder?

Mehr Ausländer in der Stadt bedeutet mehr Internationalität, einen Zuwachs an vertrauter Fremdheit. Auf dem Land, wo sich die meisten vom Sehen her kennen, wirkt das Fremde und Unbekannte aber ungewohnt und bedrohlich. Regelmässige persönliche Kontakte würden helfen, medial inszenierte Ängste und Vorurteile gegenüber Migranten abzubauen. Weil es dazu auf dem Land aber viel weniger Gelegenheiten gibt, kann dieser Mechanismus nicht greifen.

Den umgekehrten Effekt haben wir beim Wolf: Die Städter, die ihm eh nicht begegnen, finden, man solle ihn um jeden Preis schützen, derweil Leute auf dem Land weniger begeistert sind.

Weil ihr Risiko deutlich höher ist, tatsächlich auf einen zu treffen. Bauern und Schafhalter befürchten gar finanzielle Einbussen. Städter hingegen begegnen Wildtieren eigentlich nur im Zoo und haben deshalb vielleicht etwas romantisierte Vorstellungen von ihnen und der ungezähmten Natur entwickelt. Ähnliches gilt unter gegensätz­lichem Vorzeichen im Übrigen für das Auto: geschätzt auf dem Land, aber verwünscht in der Stadt – das Auto ist der Wolf der Stadt.

Ziehen Konservative aufs Land und Liberale in die Stadt – oder gelangt man am ­jeweiligen Wohnort erst zur ent­sprechenden Einstellung?

Beides ist möglich: Das Umfeld vermag Menschen zu konditionieren und ihre Einstellungen zu beeinflussen. Aber ebenso bahnen bestimmte Charaktereigenschaften unseren Weg der Niederlassung. Wer sich als offener Mensch auf dem Dorf eingeengt fühlt, wird in die Stadt ziehen und dort noch mehr zu dem, was er schon ist.

«Das Ständemehr fordert uns heraus, Lösungen zu suchen, zu denen auch die Minderheit Ja sagen kann», sagt Markus Freitag.
«Das Ständemehr fordert uns heraus, Lösungen zu suchen, zu denen auch die Minderheit Ja sagen kann», sagt Markus Freitag.

Beim Ja zur Masseneinwanderungsinitiative 2014 stimmten Stadt und Land wie immer, aber in der Agglomeration gab es Verschiebungen zu mehr EU-Skepsis, die deshalb am Ende obsiegte. Entscheidet die Agglo über das Schicksal der Nation?

Drei Viertel der Schweizer Bevölkerung leben in Agglomerationen, sie haben also erhebliches Gewicht. Entscheidend ist, worüber wir abstimmen: Bei soziokulturellen Themen und symbolischen Wertfragen mit schwer quantifizierbaren Risiken verbündet sich die Agglomeration eher mit dem Land, steht der Wohlstand auf dem Spiel, eher mit der Stadt.

Wie würden Sie denn die Menschen in der Agglo charakterisieren?

Als individualistisch und pragmatisch. Die meisten ziehen nicht deshalb dorthin, weil es ihnen eine Herzensangelegenheit ist. Aber man ist schnell in der Stadt mit ihrem grossen Angebot an Kultur und Restaurants und genauso schnell in der Natur und in den Bergen. Gehdistanzen sind unwichtig, man hat ja das Auto, das den meisten in der Agglomeration sehr wichtig ist.

Relativ viel politische Macht hat auch die Bevölkerung in kleinen, ländlichen Kantonen, dank des Ständemehrs.

Ja, es soll der Tyrannei der Mehrheit eine Schranke setzen, ist quasi eine Schutzklausel für die Minderheit. Für den sozialen Frieden ist das sehr wichtig, auch wenn es den kleinen Kantonen viel Gewicht gibt: Die Stimme einer Urnerin zählt 33 Mal so viel wie die Stimme einer Zürcherin.

Fair ist das nicht.

Das ist eine Frage der Perspektive. Leute auf dem Land werden sagen, genau das mache die Schweiz aus: Das Ständemehr fordert uns heraus, Lösungen zu suchen, zu denen auch die Minderheit Ja sagen kann. Wir Städter müssen uns damit arrangieren, dass nicht alle so ticken wie wir. Es gibt auch andere Ideen. Und Menschen, die sich darüber wundern, was die Städter wichtig finden.

Donald Trump konnte auch deshalb Präsident werden, weil es ihm gelungen ist, den Eindruck zu erwecken, er sei eine Stimme für die Unverstandenen.

Leute vom Land und aus der Agglo gehen oft in die Stadt, sie kriegen zumindest mit, wie die Städter ticken. Fällt es ihnen leichter, sich einzufühlen als umgekehrt?

Berufsbedingt und auf der Suche nach Abwechslung verbringen Menschen vom Land und der Agglomeration viel Zeit in der Stadt. Allein dadurch werden sie mit den dortigen Verhältnissen und Lebensweisen konfrontiert. Der Städter wiederum findet alles vor der Haustür: Arbeit, Schule, Kino, Konzerte, Theater, Restaurants und Parkanlagen. Ich habe einen Cousin, der in Berlin-Kreuzberg wohnt – als ich ihn vor ein paar Jahren besuchte, erzählte er mir, er sei schon seit zwei Jahren nicht mehr in Berlin-Mitte gewesen. Aber er hatte eben alles, was er brauchte, in Kreuzberg. So gesehen, ist das Risiko in der Stadt viel grösser, in einer Blase Gleichgesinnter zu leben. Auf dem Dorf dagegen wird man wegen der Kleinheit fast zwangsläufig auch mit Menschen aus ganz anderen Berufs- und Erfahrungswelten konfrontiert.

Zum Land gehört eine ausgeprägte Vereinskultur. Aber fast alle Vereine klagen über Mitgliederschwund. Ist das ein Bedrohung für den sozialen Zusammenhalt?

Mitgliederzahl und Engagement nehmen tendenziell ab, aber nicht überall gleich. Tatsächlich bieten Vereine nützliche Netzwerke. Studien zeigen zudem, dass Leute in Vereinen hilfsbereiter sind – und politisch interessierter. Vereine sind geradezu Schulen der Demokratie, weil man dort lernt, mit anderen zu debattieren, auf einander zuzugehen und tolerant zu sein. Deshalb sind Vereine wichtig, sie können auch durch die sozialen Medien nicht ersetzt werden.

Was kann jeder Einzelne tun, um die Gräben zu verringern?

Ganz wichtig ist, offen zu sein und Brücken zu schlagen, was nicht immer leicht ist – ­gerade im Nachgang von Abstimmungen. Städtern empfehle ich, vielleicht einmal ein Schwingfest zu besuchen. Ich war zum Beispiel am Unspunnenfest und war be­eindruckt: Unter anderem waren da 15 000 Menschen mit 15 000 Rucksäcken – und kein Einziger wurde durchsucht. Wenn ich ins Fussballstadion gehe, muss ich alles zeigen. Sollten wir da nicht ein bisschen neidisch sein auf die Geranienschweiz? Im Grunde geht es darum, sich gegenseitig zu respektieren und andere Meinungen wenigstens zu tolerieren, auch wenn es manchmal anstrengend ist.

In anderen Ländern scheinen die Gräben tiefer als in der Schweiz: In den USA wählen die Städte die Demokraten, das Land die Republikaner, und das gegenseitige Verständnis nimmt immer weiter ab. Was machen wir besser?

Das Ständemehr und der Föderalismus schützen die Minderheitenrechte, und über die direkte Demokratie können wir über Sachfragen mitbestimmen. Dadurch fühlt man sich nicht im gleichen Mass politisch verloren und unverstanden wie in den USA. Donald Trump konnte auch deshalb Präsident werden, weil es ihm gelungen ist, den Eindruck zu erwecken, er sei eine Stimme für diese Unverstandenen. Selbst wenn in der Schweiz nicht jeder politisch aktiv ist, weiss er um die Möglichkeit. Zwar ist die Stimmbeteiligung oft unter 50 Prozent, Auswertungen von Stimmregisterdaten zeigen aber, dass über 70 Prozent selektiv und je nach Vorlage an einer Abstimmung teilnehmen. Diese Art der Volksmitsprache hat auch eine gewisse Ventilfunktion, dadurch können sich Frust und Ärger weniger anstauen.

«Unser Ausbildungssystem gibt eigentlich allen berufliche Perspektiven, das reduziert das Risiko für Ghettoisierung, wie wir sie bei einigen europäischen Nachbarn und den USA teilweise sehen.»
«Unser Ausbildungssystem gibt eigentlich allen berufliche Perspektiven, das reduziert das Risiko für Ghettoisierung, wie wir sie bei einigen europäischen Nachbarn und den USA teilweise sehen.»

Auch sind die Schweizer Agglomerationen friedlich, während es in denen unserer Nachbarländer immer wieder mal zu Ausschreitungen kommt.

Das liegt an den vielen Integrationsbemühungen von Schule, Staat und der Zivilgesellschaft. Aber auch am Schweizer Wohlstand und den guten Chancen, daran teilhaben zu können. Unser Ausbildungssystem gibt eigentlich allen berufliche Perspektiven, das reduziert das Risiko für Ghettoisierung, wie wir sie bei einigen europäischen Nachbarn und den USA teilweise sehen.

Sie sind auf dem Land aufgewachsen, leben heute aber in Zürich und arbeiten in Bern. Könnten Sie sich vorstellen, wieder aufs Land zu ziehen?

(überlegt) Momentan stellt sich diese Frage nicht. Die Stadt und mein Quartier lassen mich urbanes Leben mit ländlichem Flair ideal verbinden. Aber meine Wurzeln liegen in einer Gemeinde mit 100 Einwohnern, und mit zunehmendem Alter erinnere ich mich gern an die Natur und die Gelassenheit dort zurück. Ich könnte mir durchaus vorstellen, den Lebensabend in ländlicher Umgebung zu verbringen.

Durch Ihre Frau haben Sie auch das Schweizer Landleben kennengelernt. Was sind Unterschiede zu Deutschland?

Wenn man sich hier in den 90er-Jahren im Restaurant zum Essen traf, gab man allen zur Begrüssung die Hand und schaute sich tief in die Augen – und zum Abschied erneut, da sollte man dann idealerweise auch alle Namen gekannt haben. In Deutschland begrüsste man alle Anwesenden pauschal und verabschiedete sich auch so. Diese Rituale haben sich auch hier inzwischen gelockert, aber auf dem Land noch nicht so stark wie in der Stadt. Und beim ersten Treffen mit der Familie und den Freunden meiner Frau begrüssten sich alle mit Küsschen; nur ich ging erst einmal leer aus. Ich habe dann gelernt, dass man sich das erst erarbeiten muss, und bei der Verabschiedung zeigte sich dann, ob man erfolgreich war oder nicht.

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