17. August 2018

Die gelbe Sinnkrise

Unsere Stadt-Land-Kolumnistin liebt Kuchen. Nur mit einer bestimmten Sorte kann sie nichts anfangen: Panettone. Oder?

Kuchen
Unsere Kolumnistin mag jede Art von Kuchen – jede ausser Panettone. Glaubte sie jedenfalls ihr Leben lang. (Bild: Unsplash.com)
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Es gibt Fragen, die man im Lauf seines Lebens für sich beantwortet haben sollte. Zum Beispiel: Glauben Sie an Gott? Heiraten, ja oder nein? Sind Sie glücklich in Ihrem gewählten Beruf? Oder eine ganz brisante, die mich gerade beschäftigt: Wie stehen Sie zu Panettone? Sie wissen schon, der italienische Kuchen mit den Rosinen drin. Das Gebäck, das die Menschheit spaltet. Früher hätte ich eine glasklare Antwort gewusst: «Wää!» Dabei hätte ich mein Gesicht übertrieben verzogen. Jahrelang stand für mich fest: Panettone? Nein danke, für mich kein Dessert.


Die Gründe waren klar: Rosinen mag ich nicht, das gelbliche Gebäck ist trocken, und wer zum Teufel kommt eigentlich auf die Idee, Kuchen in einen Karton zu stecken, der dann wochenlang irgendwo herumsteht? Alles in allem ein sehr unsympathisches Konzept. Und dann kommt heute Morgen meine Arbeitskollegin mit einem Panettone aus den Tessin-Ferien zurück. Zuerst bin ich enttäuscht. Doch plötzlich knurrt der Magen. Mürrisch schneide ich ein Stück des Möchtegern-Desserts ab. Ich beisse hinein und bin überwältigt. Wie feucht! Wie zitronig! Wie wenig Rosinen! Ich esse den halben Panettone und habe eine Sinnkrise.


Mein Leben lang glaubte ich, etwas nicht zu mögen, und nun liebe ich es. Ist das bei anderen Hassobjekten vielleicht auch der Fall? Ferien im Clubhotel, Reggaeton, hautfarbene Strumpfhosen – kann es sein, dass ich das alles tief im Innersten mag? Ich muss nach Hause. Nachdenken. Falls Sie Panettone-Brosamen auf der Strecke zwischen Zürich und dem Aargau finden, war ich das … Oh weh, der Aargau! Nie hätte ich gedacht, dass ich unsere geliebte Rüeblitorte einmal mit ­einem dahergelaufenen Tessiner betrüge.  

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