20. März 2019

Die Geburt der Circus-Knie-Legende

Der Circus Knie feiert seine hundertjährige Geschichte mit einer Jubiläumstournee. Schon seine allererste Vorstellung im Jahr 1919 war ein Grosserfolg – der Ansturm verängstigte damals sogar die Kassenleute.

Erste Zeltvorstellung des Circus Knie am 14. Juni 1919.
Ein Programm voller Wunder war angesagt, und die Leute stauten sich vor dem Zelteingang. (Bilder: Katja Stuppia, Circus Knie, 5)

Auf der Berner Schützenmatte stand am 14. Juni 1919 ein stattliches Zelt für 2500 Menschen. Doch das Gedränge vor dem Kassenhäuschen wurde immer grösser. Bald zeigte sich, dass längst nicht alle Leute auf den Tribünen Platz fanden. Der Ansturm war vorhersehbar. Schliesslich hatte die berühmte Artistenfamilie Knie in Inseraten die Gründung des «Grande Cirque Nationale Suisse» angekündigt und ein Eröffnungsprogramm voller Wunder versprochen. So sollte das Publikum über «chinesische Gaukler» und den «kleinsten Jockey-Reiter der Welt» staunen.

Fredy Knie jr., langjähriger Direktor Circus Knie
Circusdirektor Fredy Knie jr.: «In unserer Familie wurde von der Wut der Leute erzählt, die keinen Platz mehr im Zelt hatten.»

«Für mich ist diese allererste Zeltvorstellung ein weit entferntes Ereignis», meint Fredy Knie jr. (72), langjähriger Direktor des Circus Knie. «In unserer Familie wurde vor allem von der Wut der Leute erzählt, die keinen Platz mehr im Zelt hatten. Sie rüttelten so stark am Kassenhäuschen, dass die Verkäufer in Panik gerieten.» Fest steht, dass der Zirkus über den ersten Abend hinaus ein Kassenerfolg blieb, denn schon im November 1919 konnten die Knies das Darlehen für das Zelt zurückzahlen.

Doch was in der Manege wirklich geboten wurde, ist zum grössten Teil in Vergessenheit geraten. Die Gaukler, die an Bambusstäben durch die Luft schnellten, gehörten wohl zu einer chinesischen Artistenfamilie, die sich in Europa niedergelassen hatte. Das «Berner Tagblatt» schrieb in einem kurzen Bericht auch von «Trapezkünstlern, Equilibristen und Seiltänzern», kritisierte aber, dass «die Clownspässe einen etwas zu breiten Raum einnahmen».

Doch die Zuschauer hatten offenbar ihre Gaudi damit. «Clownerien waren damals viel derber als heute», meint Fredy Knie jr. «Da konnte schon mal ein Anzugträger mit Wasser übergossen oder einem kahlen Mann die Perücke vom Kopf gerissen werden.» Auf exotische Tiere musste das Publikum von 1919 verzichten: Nur sechs Ponys und einige dressierte Hunde gehörten zum Programm. Erst 1920 schafften die Knies einen ersten Elefanten an.

Der Circus Knie schaffte 1920 den ersten Elefanten an.
1920 schaffte der Circus den ersten Elefanten an und taufte ihn auf den Namen Dicky.

Fredy Knie jr. sagt, eines sei schon 1919 unter der Zirkuskuppel richtig wichtig gewesen: «Das Publikum vergisst seine Sorgen, es wird aus dem Alltag herausgerissen und in eine Traumwelt katapultiert.» Der Aufwand der Shows hat sich seither vervielfacht, und die Clowns sind bei ihren Spässen zurückhaltender. Doch das Ziel ist das gleiche geblieben: Auch auf der Jubiläumstournee 2019 wird der Alltagsärger keinen Zutritt zum Zelt haben.

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