06. Juni 2018

Die Fussball-Sammler

Von Paninibildern über Signaturen bis zu Fussballreisen: Rund um das runde Leder lässt sich vieles sammeln. Wir stellen fünf Sammler und ihre Geschichten vor.

Vom Leibchen zur Liebe

Der Trikotsammler: Markus Deininger
Der Trikotsammler: Markus Deininger mit einigen frisch gewaschenen Shirts aus seiner Sammlung.

Im Luftschutzkeller von Markus Deininger riecht es angenehm frisch. Und das obwohl der 48-Jährige dort 2135 Fussballtrikots lagert. Manche wurden in legendären Spielen verschwitzt und manche hängen schon seit 40 Jahren da. Damit der Duft bleibt, wie er ist, verbringt der St. Galler manche Wochenenden beim Waschen.

Der Bankangestellte sammelt Trikots. Er besitzt T-Shirts von allen 211 von der Fifa anerkannten Fussballverbände. Als er dieses Ziel 2016 erreicht hatte, wollte er eigentlich aufhören, aber seine Frau Olga meinte, dass sei doch schade. Darum sammelt Markus Deininger heute auch Exoten: die Nationalmannschaften der Osterinseln, der Weihnachtsinseln oder Saint Pierre et Miquelon, eine Inselgruppe vor Kanada. Sogar den Vatikan hat er im Keller.

Seine Sammlerleidenschaft hat Deininger 1997 und 1998 einen Eintrag ins Guinnessbuch der Rekorde beschert: Wahrscheinlich ist er auch heute noch Rekordhalter, schliesslich ging es nach der Würdigung erst richtig los: Plötzlich war er vielen Fussballern ein Begriff und die Trikots flogen ihm nur so zu.

Aber wichtiger als die Zahl der Trikots sind Deininger die Geschichten, die in den Textilien stecken: «Vor allem in jungen Jahren harrte ich zuweilen stundenlang vor dem Hotel oder dem Mannschaftscar aus, um an die Spieler und ihre Liibli ranzukommen.» Mit manchen Fussballgrössen wie etwa dem ehemaligen Schiedsrichter Kurt Röthlisberger sei er schon lange befreundet – was ihm mitunter schon Zutritt in den Trophäenraum der Tottenham Hotspurs oder eine Fahrt mit Blaulicht direkt vors Stadio delle Alpi von Juventus Turin verschafft habe.

Die schönste aller Geschichten ist allerdings nicht mit einem Fussballtrikot, sondern einem Eishockey-Shirt verbunden: 1991 weilte der Eishockeyclubs Krilija Moskau für ein Freundschaftsspiel gegen den ZSC in Zürich. Deininger traf den Trainer Alexander Zarubin und bat ihn um ein Leibchen des russischen Teams. Ein paar Monate später schickte ihm Zarubins Tochter Olga einen netten Brief. Daraus entwickelte sich eine Brieffreundschaft, die 1993 in einer Hochzeit mündete und dem Paar zwei Söhne schenkte. Noch heute bringt der Schwiegervater bei jedem Besuch ein paar weitere russische Sammlerstücke mit – darunter auch absolute Raritäten aus Sowjetzeiten.

Mit Rotblau durchs Fahrverbot

Der Unterschriftensammler: Philippe Mangeney
Der Unterschriftensammler: Philippe Mangeney konnte das gesamte FC-Basel-Team von 2004 dazu bewegen, die Motorhaube seines Fiats zu signieren.

Gegen den Fiat X1/9 von Philippe Mangeney (51) haben selbst Lamborghinis und Ferraris keine Chance: Kreuzt er damit an einem Oldtimer-Treffen auf, erregt sein kleiner Sportwagen stets am meisten Aufmerksamkeit: «Da stehen dann Luxusflitzer, die eine Viertelmillion wert sind, aber die Leute wollen meine Blechbüchse fotografieren», erzählt der gebürtige Franzose stolz. Kein Wunder: Der Zweiplätzer mit Jahrgang 1979 ist komplett in Rotblau gehalten und trägt die Unterschriften des gesamten FC-Basel-Teams von 2004.

Der Fiat ist seit 2002 im Besitz des gelernten Speditionskaufmanns aus Grellingen BL. Das Interieur war damals schon rotblau, die Sitze waren aber zerschlissen und mussten neu bezogen werden. Das brachte den bekennenden FC-Basel-Fan auf die Idee, das Auto auch gleich in diesen Farben zu lackieren.
Um das Werk zu vollenden, fuhr er den Fiat eines Morgens durchs Fahrverbot in den Grün-80-Park, wo das Basler-Team seine Trainingsanlagen hat. Er lud die Spieler ein, sich auf der Motorhaube zu verewigen – und die liessen sich ob so viel Rotblau nicht zweimal bitten.

«Auch Breel Embolo wollte später noch unterschreiben, aber da blieb ich hart», kokettiert Mangeney. Der Urbasler durfte erst nach seiner Vertragsverlängerung im Jahr 2014 auf dem Kotflügel unterschreiben.

Autogrammjäger Mangeney weiss um die Wirkung seines fahrenden Prunkstückes: Oft wird ihm zugewunken oder er wird gebeten anzuhalten. Einmal sogar von der Polizei. «Aber nur um ein Foto zu machen», sagt er und kichert vergnügt.

Feinstoffliches

Die Erfolge des südlichsten Fussballklubs der Schweiz sind bescheiden. Und doch ist der FC Chiasso präsent in den bekanntesten Stadien der Welt: Seit nunmehr 30 Jahren reist der «Drappo Rossoblù», eine Fahne des FC Chiasso, mit Fussballfans um die Welt.

Der Moment, in dem aus dem Fanartikel mehr als ein Stück Stoff wurde, liegt etwa 30 Jahre zurück. Damals schauten sich noch bis zu 10'000 Fans die Matchs im Stadio Comunale in Chiasso an. Einer, der immer mitfieberte, ist Aldo Polloni (70). Es war ein Derby zwischen Chiasso und Lugano und Aldo Polloni, genannt «Folle», war mit einer Gruppe von Freunden im Stadion. Nach dem Spiel merkte er, dass seine rotblaue Fahne verschwunden war. «So nicht», dachte er und machte sich auf die Suche. Schon bald entdeckte er den «Drappo» bei einer Gruppe von Lugano-Fans. «Sie waren ein gutes Dutzend, ich allein. Sie waren keine 20, ich schon 40 Jahre alt», erzählt Polloni. Die Fahne in den falschen Händen zu sehen, das tat weh. So weh, dass er die denkbar schlechte Ausgangslage ignorierte, sich vor die Gruppe stellte und rief: «He, die Fahne gehört mir!» Sein Auftritt muss überzeugend gewesen sein. Der Luganese mit der Fahne in der Hand übergab sie «Folle» jedenfalls widerstandslos.

Seither ist «Il Drappo» in der Fangemeinde des FC Chiasso zur Legende geworden. Eine handvoll eingefleischter Tifosi nimmt ihn mit auf Reisen. So hiess es 1993, als die Schweizer Nationalmannschaft im Berner Wankdorf Stadion gegen Italien spielte, genauso «Forza Chiasso!» wie auch an den Weltmeisterschaften 1998 im französischen Lyon oder 2014 im brasilianischen Salvador. Fotos auf der Webseite ilmiochiasso.ch dokumentieren, dass der «Drappo» nach all den Engagements auch mal Ferien braucht: Er war schon trekken in Nepal, hat sich vor dem Weissen Haus ablichten lassen und in Adelaide am Strand entspannt.

An die Spiele seines Heimclubs Chiasso geht die Fahne jedoch nicht mehr. «Wir möchten auf Nummer sicher gehen», sagt Aldo Polloni. Der Drappo sei zu wertvoll geworden. Bald steht schon die nächste Reise an: Die rotblaue Fahne unterstützt die Schweizer Nationalmannschaft an der Seite von Paolo Cremonesi (33) an der WM in Russland.

Fussballer, fotografiert oder illustriert

Stefan Künsch und Ralf Künzler
Stefan Künsch und Ralph Künzler (v.l.) kleben in ihrer Freizeit beide gerne Fussballer in Sammelalben. Paninimann Ralph Künzler findet: «Die Künstlerportraits sind tatsächlich speziell und würden sich in meiner Sammlung auch gut machen.»

Einmal stand Ralph Künzler (52) wegen seiner Sammlerleidenschaft unter einem schlimmen Verdacht. Das war im Jahr 2008. Der Verkäufer hatte eine gute Idee, wie er schnell und einfach zu den fehlenden Panini-Bildchen kommen könnte – auf dem Schulhausplatz. Ein erwachsener Mann, der die Buben wie magnetisch anzuziehen schien: Es dauerte nicht lange und die Lehrkräfte tauchten auf. Sammler Künzler musste sich erklären und wurde weggewiesen.

Ein anderes Mal kam er durch einen glücklichen Zufall vor dem offiziellen Verkaufsstart zu den Fotos und konnte sein Album vor allen anderen füllen. Dieser Rekord wurde von der Pendlerzeitung «20 Minuten» aufgegriffen und bescherte ihm nationale Bekanntheit.
Sein ältestes Album ist von 1979: «Da war ich 14 Jahre alt und habe mein ganzes Sackgeld in die Päckli investiert, fünf Bilder für 80 Rappen, ein Vermögen», erinnert er sich und lacht. Inzwischen besitzt er 16 Alben, die meisten sind fast komplett gefüllt. «Paninisammeln ist wie nochmals Kind sein», erklärt er seine Leidenschaft.

Stefan Künsch (47) besitzt bloss sechs Fussballalben, dafür ganz spezielle. Er sammelt die so genannten Tschuttiheftli. Das sind Hefte, hinter denen ein Verein aus Luzern steckt. Sie funktionieren wie Paninialben, aber anstatt Fotos von Fussballern enthalten sie gezeichnete, gemalte oder modellierte Portraits der Stars. Pro Mannschaft kommt ein Künstler zum Zug: «Das erste enthielt sogar Bilder einer Mannschaft, die aus Marzipan geformt war. Das hat mir besonders gefallen, da ich Konditor-Confiseur bin», sagt Sammler Künsch. Zudem habe das Ganze keinen kommerziellen Hintergrund: «Der Erlös geht in kulturelle und karitative Projekte – momentan etwa zu Terre des Hommes Schweiz.»

Die Passion von Paninisammler Künzler kann Tschuttiheftlisammler Künsch durchaus nachvollziehen. Er besitzt selber einige Alben des italienischen Verlags und sammelt zudem auch Gesellschaftsspiele: «Ich habe das Sammlergen von meinem Vater, der ist auf Modelleisenbahnen abonniert», sagt Künsch und lacht.

Paninimann Künzler blättert derweil interessiert in den Tschuttiheftli und meint: «Die sind tatsächlich speziell und würden sich in meiner Sammlung auch gut machen.»

Vom Hobby zum Beruf

Der Spielszenensammler: Christian Maier
Der Spielszenensammler: Christian Maier analysiert beim Schweizer Fernsehen Fussballspiele und hat so schon gegen 1000 Szenen gesammelt.

Wenn Benjamin Huggel oder Peter Knäbel für die Zuschauer von SRF Spielszenen kommentiert, profitieren beide von der Zusammenarbeit mit Christian Maier (54). «Ich bin der verlängerte Arm der beiden. Sie entscheiden, welche Spielszene wir auswählen, und ich lasse diese aufbereiten. Das Ganze ist eine Teamarbeit mit Produzent, Regisseur, Bildmischer, Zeichner und Slowoperator.» Und so kommt es, dass die Zuschauer in der Pause und nach dem Ende von Champions-League- oder Nati-Spielen im Wohnzimmer matchprägende Szenen mit einer Fachanalyse anschauen können.

Maier ist ehemaliger 1.-Liga-Fussballer beim FC Bülach und FC Weinfelden-Bürglen, begeisterter Fussball-Fan und als technischer Leiter beim FC St. Gallen zuständig für den gesamten Nachwuchs. In Bülach ZH aufgewachsen, wohnt er heute berufsbedingt in Wil SG und hat drei erwachsene Söhne. Zwei davon spielen ebenfalls Fussball.

Seit der WM 2014 arbeitet Maier als freier Mitarbeiter fürs Schweizer Fernsehen. Er hörte von Beni Giger, Sport-Regisseur beim SRF und einst Spieler unter Maier, dass das SRF auf der Suche nach einem Fussballanalysten war. Während der gesamten WM in Russland ist Maier für die WM-Spiele im Einsatz – vom SRF-Studio in Zürich aus. Er ist damit der einzige externe Fussballanalyst.

Insgesamt hat der gelernte Sanitärzeichner schon über 160 Spiele mit jeweils rund einem halben Dutzend Szenen analysiert und kommt so auf ungefähr 1000 Spielmomente. «Herausragend war das Champions-League-Spiel FC Basel gegen Moskau. Peter Knäbel wollte eine Szene zeigen, in der gleich mehrere taktische Elemente verpackt waren. Es ist uns gelungen, das dem Zuschauer verständlich rüberzubringen», erzählt Maier.

Generell möge er Mannschaften, die technisch und taktisch auf einem Top-Niveau spielen, etwa der FC Barcelona zu jener Zeit, als Pep Guardiola Trainer war und es der Mannschaft perfekt beigebracht habe, rasch von Defensive auf Offensive umzuschalten. Und dank seinen deutschen Vorfahren schlage sein Herz neben dem FC St. Gallen auch für den FC Bayern.

Obwohl Maier durch und durch fussballbegeistert ist, schaute er sich nach den Champions-League-Partien nicht auch noch Europa-League-Spiele an. «Als technischer Leiter habe ich wenig Freizeit und beschäftige mich fast immer mit Fussball. Mir ist es deshalb wichtig, auch mal eine Pause einzulegen und Zeit für ein Abendessen und eine Unterhaltung mit meiner Frau zu haben», betont der technische Leiter. Sie sei nicht so «angefressen wie ich, schaut aber auch manchmal Sport». Kennengelernt hat sich das Ehepaar selbstverständlich beim Fussball. «Meine Frau war Masseurin der 1. Mannschaft des FC Ebnat-Kappel, als ich als Trainer engagiert wurde.»

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