31. März 2014

Krebs trifft auch die Angehörigen

Bei Krebserkrankung leiden nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Angehörigen. Sie kommen oft zu kurz und fühlen sich allein. So wie die Familie von Liliane Perez-Elze, deren Mann an einem Gehirntumor gestorben ist.

Das Leben muss ohne Vater weitergehen.
Das Leben muss ohne den Vater weitergehen: Paul, Camilo, Liliana und Manuel Perez-Elze (von links) auf dem Spielplatz.

Wer an Krebs erkrankt, erhält viel Anteilnahme von Angehörigen und Freunden. Die Angehörigen selbst gehen dabei oft vergessen, obschon sie gleichermassen der Unterstützung bedürften. Eine von ihnen ist Liliana Perez-Elze (48). Die Kolumbianerin, die seit 15 Jahren in der Schweiz lebt, verlor ihren Mann Paul Elze vor zwei Jahren, als er im Kampf gegen einen Gehirntumor unterlag.

Die Erinnerung holt sie ein, Tränen fliessen. Sie wischt sie weg und schüttelt dabei ihre schwarze Mähne, als ob sie damit die dunklen Gedanken vertreiben könnte.

Die Geschichte einer grossen Liebe

Sie waren von Beginn weg ein enges Team, Paul und Liliana. Die beiden extrovertierten und politisch engagierten Exilkolumbianer trafen sich ganz zufällig 1994 in der Schweiz, heirateten und hatten drei Kinder. Lebensmittelpunkt der jungen Familie wurde das Basler Matthäus-Quartier mit seinem baulichen und links-grünen Charme, der die beiden alsbald umgarnte. So gaben beide Spanischstunden für Schweizer Quartierbewohner, sie engagierten sich in der Arbeitsgruppe Schweiz- Kolumbien, schrieben in der Quartierzeitung «Mosaik» mit, und sie leitete über zehn Jahre mit viel Herzblut einen Mittagstisch. Das Leben war stets nach aussen orientiert.

Dann der Paukenschlag: Plötzlich traten bei Paul Kopfschmerzen auf. Da er sonst nie krank war, wollte er auch diesmal nicht zum Arzt gehen. Doch Liliana drängte ihn. Die Hausärztin fand aber nichts und gab ihm das Schmerzmittel Dafalgan. Als die Schmerzen nicht nachliessen, begab er sich ins Kantonsspital. Es folgte eine ganze Untersuchungsreihe, bis im Februar 2010 feststand: Paul hatte einen Gehirntumor.

Wie die Krankheit die Beziehung veränderte

Paul und Liliana waren geschockt. Sie verstanden es nicht: Warum gerade er? Er, der sich biologisch ernährte und mit dem Fahrrad unterwegs war. Sie war auch wütend: Warum gerade er? Er, der sich nie zu schade war, irgendeine Arbeit auszuführen, gewissenhaft und zuverlässig war. Man suchte verzweifelt nach Ursachen und Erklärungen. Paul unterzog sich derweil den üblichen Therapien wie Operation, Chemo und Bestrahlung. Erfolglos. Er wurde immer schwächer und unselbständiger, seine Persönlichkeit veränderte sich. Schliesslich verbrachte er die meiste Zeit zu Hause in der Obhut seiner Ehefrau, auf deren Schultern nun der ganze Alltag der Familie lastete. «Zuerst war ich Ehefrau für Paul – und dann auch noch Mutter», stellt Liliana Perez-Elze traurig fest.

Neben ihren drei Schulkindern auch ihrem Ehemann eine Mutter zu sein, damit war sie hoffnungslos überfordert – ein Jahr nach der Diagnose brach sie vor Erschöpfung zusammen und kam in eine psychiatrische Klinik. Jetzt konnte Liliana Perez-Elze endlich Unterstützung annehmen. So stiess sie erst jetzt auf die dringend benötigte Hilfe, in Person von Ruth Madörin, der psychosozialen Beraterin der Krebsliga beider Basel.

Ruth Madörin ist psychosoziale Beraterin der Krebsliga beider Basel.
Ruth Madörin ist psychosoziale Beraterin der Krebsliga beider Basel.

Ruth Madörin sorgte für Entlastung in den täglichen Belangen, bis hin zur Kinderbetreuung. So nahm sie die Kinder mit auf den Spielplatz, gelegentlich setzte sie sogar ihren Ehemann ein, der auch Spanisch spricht. «Ein netter Grossvater», lacht Liliana Perez-Elze hell. Die letzten Wochen vor seinem Tod verbrachte Paul in der Palliativklinik Hildegard, wo ihm ein würdevoller Abschied bereitet wurde. Ihm zu Ehren organisierte man ein Abschiedskonzert mit mehr als 20 Musikern.

Das Fazit: Sich früher Hilfe holen

Das Leben ohne Paul hat sich für Liliana und ihre drei Kinder stark verändert. Nicht nur erfuhr – und erfährt – sie durch Freunde und Nachbarn viel spontane Solidarität. Es hat sich auch gezeigt, wer ein wahrer Freund ist, musste Liliana Perez-Elze merken: «Ich wurde manchmal angeschaut, als ob ich eine ansteckende Krankheit hätte», sagt sie und schüttelt dabei verständnislos den Kopf.

Inzwischen kann sie mit solchen Enttäuschungen leben. «Sie ist heute wieder stolze Bewohnerin des Matthäus- Quartiers», stellt Ruth Madörin fest. Im Nachhinein findet die Kolumbianerin indes, sie hätte sich früher Hilfe holen sollen, vor allem psychologische Unterstützung für die Kinder, die doch so sehr an ihrem Vater gehangen seien. Und die ihn noch immer sehr vermissen – immer wieder wollen sich die Kinder deshalb ein Video ansehen, das ihren Vater anlässlich einer Integrationsveranstaltung zeigt.

Bilder: Vera Hartmann

Benutzer-Kommentare