11. Juni 2012

Die ewige Angst vor dem Ende der Welt

Finanzkollaps, Maya-Kalender, biblische Apokalypse: Die Tage der Welt sind gezählt, davon sind viele Menschen überzeugt. Drei von ihnen erzählen, wie sie sich auf das Ende vorbereiten.

Weltuntergang «2012»
Der Weltuntergang, visualisiert von Hollywood im Film «2012» aus dem Jahr 2009. (Bild: Sony Pictures/Cinetext)

Eines ist sicher: Die Welt wird untergehen. In 7,5 Milliarden Jahren (plus/minus 50 Millionen) ist unsere Sonne ausgebrannt, bereits in rund 1,5 Milliarden Jahren dürfte es auf der Erde ziemlich ungemütlich werden, da dann die Sonne ihren Todeskampf beginnt, was die Temperaturen auf 60 bis 70 Grad Celsius hochtreiben wird, Tendenz steigend.

Bis zum Ende der Welt dauert es also noch etwas. Oder doch nicht? Tatsächlich wimmelt es nur so vor Untergangsszenarien — für den Planeten, die Menschheit oder zumindest die moderne Zivilisation. Trotz aller Dementis der seriösen Maya-Forschung glauben nicht wenige, dass es bereits am 21. Dezember dieses Jahres zu Ende geht. So stehe es im Langzeitkalender der längst untergegangenen Maya. Zu befürchten sind Erdbeben, Feuersbrünste, Vulkanausbrüche, Seuchen.

Sollte die Welt dieses Datum überstehen, droht ihr allerlei anderes Ungemach: Dabei gehören Finanzkollaps, Klimakatastrophe, atomare Verseuchung oder Virenpandemie noch zu den realistischeren Szenarien. Exotischer sind der Alienüberfall oder die christliche Apokalypse.

Besonders virulent wird die Furcht immer bei Jahrtausendwechseln

Die Untergangsfantasien bieten Hollywood reichlich Stoff für Katastrophenfilme wie «2012» (die Prophezeiung der Maya wird Wirklichkeit), «The Day after Tomorrow» (eine neue Eiszeit bricht an), oder «The Walking Dead» (Zombies haben die Welt überrannt). Aber für viele sind Untergangsängste mehr als reine Fantasie. Mit Survivalkursen bereiten sie sich auf den Zivilisationskollaps und das Überleben in den Wäldern vor. Oder sie bekennen sich zu Jesus.

Bemerkenswert ist, dass diese Furcht vor dem bevorstehenden Untergang die Menschheit seit ewigen Zeiten zu begleiten scheint. Besonders virulent wird sie bei Jahrtausendwechseln. Anno 999 verkündete gar Papst Sylvester II. persönlich, am 31. Dezember um Mitternacht sei alles vorbei. Es kam zu Panik und Plünderungen. Als die Welt danach noch immer da war, erklärte der Papst, seine Gebete seien erhört worden. Oder man erinnere sich an die sehr viel weltlichere Angst, sämtliche Computersysteme könnten beim Übergang von 1999 zu 2000 kollabieren.

Geschehen ist nichts — wie immer, wenn Untergangspropheten ein konkretes Datum genannt haben. Doch davon lassen sich die Ängstlichen nicht beirren, zum Teil mit tragischen Folgen: 1994 fanden 53 Mitglieder der Sonnentempler-Sekte in Cheiry FR den Tod, in Erwartung der Apokalypse und einer Wiedergeburt als Sonnenwesen auf dem Planeten Sirius. 38 wurden von den Sektenführern umgebracht, der Rest beging Selbstmord. Ob sie sich in Sonnenwesen verwandelt haben, darf man bezweifeln, wissen kann man es nicht. Das Ende der Welt ist und bleibt Glaubenssache.

Der neue Zyklus bringt Unruhen

Bruno Würtenberger, Esoteriker und Bewusstseinsforscher, erwartet bald starke spirituelle Veränderungen. Gefolgt von einer friedlicheren, glücklicheren Welt.

Es ist kurz vor 12, glaubt Bruno Würtenberger. Deshalb empfiehlt er, mit den eigenen Gefühlen ins Reine zu kommen.
Es ist kurz vor 12, glaubt Bruno Würtenberger. Deshalb empfiehlt er, mit den eigenen Gefühlen ins Reine zu kommen.

An die Prophezeiungen des Maya-Kalenders glaubt er nicht, zumindest nicht mit Weltuntergangsfolgen. Aber laut Bruno Würtenberger (51) haben viele alte Kulturen für Ende 2012/Anfang 2013 das Ende eines kosmischen Zyklus vorausgesehen, der immer rund 25'600 Jahre dauert. «Die Schwingungen des Sonnensystems werden stärker und sorgen für eine starke spirituelle Öffnung des Bewusstseins bei allen Menschen. Sie verdrängen ihre Gefühle weniger, sie wenden sich stärker gegen jene, die in der materiellen Welt verhaftet bleiben», erklärt Würtenberger.

Man sehe ja jetzt schon, wie Proteste zunähmen, etwa gegen die Finanzindustrie, die früher oder später kollabieren werde. «Die Wahrheit wird viel schneller ans Licht kommen als bisher.» Doch die alten Kräfte würden möglicherweise nicht einfach so klein beigeben, sondern sich wehren. «Es kann zu grösseren Unruhen kommen und auch zu logistischen Störungen bei den Lebensmittelläden und beim Geldfluss.»

Konflikte bereinigen und den Gefühlen folgen

Daher könne es kein Nachteil sein, ein paar Dosen als Notreserve im Keller zu lagern, was er auch tut. Für wichtiger hält er es jedoch, als Vorbereitung auf die spirituelle Öffnung mit den eigenen Gefühlen ins Reine zu kommen und ihnen zu folgen. «Überlege dir, wie du zu einem bestimmten Menschen stehst. Wenn es unausgesprochene Konflikte gibt, sprich ihn darauf an, bereinige es. Dadurch kommt der Mensch in Harmonie mit sich selbst und schafft so die Resonanz mit den nun einströmenden Energien. Es ist ganz einfach: Machen, was man fühlt.» Disharmonie bedeute Schmerzen, Symptome wie Burn-out oder Rückenschmerzen zeugten davon.

Für die Zeit danach sieht Würtenberger eine bessere, friedlichere Welt anbrechen, in der die Menschen glücklicher und zufriedener sind — etwas, worauf sich alle freuen können, so sie bereit sind, sich spirituell zu öffnen.

Würtenberger bezeichnet sich als «optimistischen Realisten, mit Ecken und Kanten». Er ist schon seit den 90er-Jahren eine Grösse in der spirituellen Szene Europas. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass er von einer solchen Bewusstseinsöffnung kündet. «So etwas passiert in mehreren Phasen, Ende der 90er-Jahre gab es einen ersten Schub», ist er überzeugt.

Würtenberger hat sich schon als Teenager mit Parapsychologie beschäftigt, hat Karten gelegt und Medialitätskurse geleitet. Der gelernte Koch segelte dann einige Monate als Sous-Chef auf der Privatjacht des Grundig-Konzernbesitzers um die Welt und «studierte die Menschen». Ende der 80er-Jahre machte er sich auf Drängen seiner damaligen Frau als Heiler und Berater selbständig. Später eröffnete er die Spirituelle Schule Schweiz, die inzwischen allerdings nicht mehr besteht.

Heute arbeitet der Bewusstseinsforscher aus seiner Wohnung in Uster ZH heraus; mit einem Team von rund 40 Trainern gibt er «Free Spirit»-Kurse, ein von ihm entwickeltes Bewusstseinstraining, «das den Menschen einen Weg zeigen soll, wie es möglich ist, sein Leben so zu gestalten, dass eine friedliche und glückliche Weltgemeinschaft aller Menschen nicht nur eine schöne Fiktion ist, sondern Realität wird». Siebentägige Intensivkurse kosten 3000 Franken, dazu kommen Kost und Logis. Wer nicht zufrieden sei, bekomme sein Geld zurück, betont Würtenberger. Die Einnahmen ermöglichen ihm ein angenehmes Leben, wie er sagt, und es bleibt genug übrig, um sein Kinderhilfswerk «Free Spirit Compassion» zu alimentieren, das unter anderem in Afrika und Haiti aktiv ist.

Nahtoderlebnis und geistige Wesenheiten

Kritiker werfen Würtenberger vor, er schüre unrealistische Erwartungen und Katastrophenängste, früher schärfer als heute. Damit trage er zumindest eine Mitverantwortung an den Folgen bei den Enttäuschten, wenn dann — wie üblich — nichts passiere. Dass einige ihn als «Spinner» abqualifizieren, kann Würtenberger nachvollziehen, aber er habe schon zu viel gesehen und zu viel erlebt — darunter ein Nahtoderlebnis, den spirituellen Kontakt mit geistigen Wesenheiten und Verstorbenen sowie Sichtungen von Ufos.

Allerdings räumt er auch ein, er sei gerne leichtgläubig. Und er will nicht völlig ausschliessen, dass am Ende alles doch ganz anders kommen könnte. «Ich glaube es nicht, aber wirklich wissen tun wir es erst, wenn unwiderlegbare Beweise vorliegen.» Und diese, meint er, stünden unmittelbar bevor.


Vorbereitet auf drei Monate Chaos

Peter Trinkler in seinem Vorratskeller. Für schwierige Zeiten hat er sogar eine Art Backofen entwickelt, der mit nur sieben Teelichtern funktioniert.
Peter Trinkler in seinem Vorratskeller. Für schwierige Zeiten hat er sogar eine Art Backofen entwickelt, der mit nur sieben Teelichtern funktioniert.

Ohne tiefgreifende Reformen droht dem heutigen Finanzsystem der Kollaps, ist Peter Trinkler überzeugt. Für die turbulenten Zeiten danach ist er gewappnet.

Die Angst vor dem Finanzkollaps ist heute weit verbreitet, aber Peter Trinkler beschäftigt sich schon sehr viel länger mit dem Thema — und er ist vorbereitet. «Ich halte den Kollaps nicht für unvermeidlich, und ich hoffe auch nicht, dass er passiert. Aber man muss damit rechnen, dass es in einem solchen Fall zu einem Bank-Run kommt, die Banken geschlossen werden und die Läden nach Panikkäufen rasch keine Lebensmittel mehr haben.»

Entsprechend hat der 48-Jährige, der in einem Mehrfamilienhaus in Neuheim ZG wohnt, immer etwas Bargeld vorrätig und auch sonst alles, was es braucht, um zwei, drei Monate Chaos zu überstehen. In den Küchenschränken lagern Pakete von lang haltbarem Getreide, das Trinkler von Hand mahlen kann, um Brot zu backen. Im Keller gibts noch mehr Getreide, ausserdem rund ein Dutzend Honiggläser, Teigwaren, Reis, Nüsse, Früchte, Kartoffeln, Wasser. Die verderblichen Produkte konsumiert er nach und nach und stockt die Vorräte wieder neu auf. Trinkler verfügt zudem über ein Radio, dessen Akku mit einer Kurbel aufladbar ist, Petroleum, Teelichter sowie Pfefferspray, um sich und seine Vorräte notfalls verteidigen zu können.

Richtig angefangen mit dem Vorratsaufbau hat Trinkler erst 2011, da besuchte er auch einen einwöchigen Survivalkurs, in dem er gelernt hat, wie er draussen im Freien zurechtkommen könnte, falls er gezwungen wäre, seine Wohnung aufzugeben. Trinkler rechnet damit, dass sich die Situation im Fall eines Kollapses nach zwei, drei Monaten Chaos wieder beruhigt und neu einspielt. «Aber selbst wenn ich das alles nie brauche, ist es eine Bereicherung für mein Leben, dass ich diese Dinge tue. Es bringt mich der Natur und unseren Ursprüngen näher.»

Ein Thema, das den sportlichen Gesundheitsberater ohnehin umtreibt. Er selbst lebt spartanisch in einer kleinen Wohnung, deren Stromverbrauch er drastisch reduziert hat. Trinkler propagiert eine neue Form des Lebens und des Wirtschaftens, die er «das Solarzeitalter» nennt. Die Eckpfeiler: Frieden unter den Menschen, Strom nur aus erneuerbaren Energiequellen, Nahrung aus biologischem Anbau sowie ein stabiles Geldsystem ohne Zinsen.

Reformen in diese Richtung sind seiner Ansicht nach nötig, um einen Finanzkollaps zu vermeiden. «Krisen sind immer ein Signal, dass etwas verändert werden muss. Unser Finanzsystem funktioniert super, solange alles wächst. Aber es ist nicht darauf ausgelegt, mit der Schrumpfung klarzukommen, die uns bevorsteht.»

Lebenskrise führte zur Idee des Solarzeitalters

Leute, die sich auf einen Zivilisationskollaps vorbereiten, exponieren sich in der Regel nicht, erklärt Trinkler. «Die richtigen Freaks haben allzeit einen voll gepackten Fluchtrucksack bereitstehen, um sofort in den Wald zu verschwinden, wenn es knallt. Die würden nie mit den Medien reden.» Dass er sich mit diesen Themen zu beschäftigen begann, lag an der tiefen Lebenskrise nach einer Trennung, die den damals 22-jährigen Vermessungsingenieur-Studenten und Radsportler heftig aus der Bahn warf.

Das «Solarzeitalter» zu propagieren sieht er als seine Lebensaufgabe. «Die meisten Menschen glauben, dass es immer so weitergehen wird wie bisher. Aber das passiert nicht einfach so, Probleme können so gross werden, dass Zivilisationen zusammenbrechen», sagt Trinkler. «Die alten Römer hätten das auch niemals erwartet, aber passiert ist es trotzdem.»


Erst Trübsalszeit, dann Paradies

Pastor Norbert Lieth in der Zionshalle des Missionswerks Mitternachtsruf in Dübendorf ZH.
Pastor Norbert Lieth in der Zionshalle des Missionswerks Mitternachtsruf in Dübendorf ZH.

Norbert Lieth legt die Bibel wörtlich aus und hofft auf dei Rückkehr von Jesus noch zu seinen Lebzeiten. Die Ungläubigen erwartet Verdammnis und ewige Qualen.

Wann es passiert, weiss ich nicht, aber ich weiss, dass es passiert», sagt Norbert Lieth mit fester Überzeugung. Der Pastor und geistige Leiter des evangelikalen Missionswerks Mitternachtsruf in Dübendorf ZH spricht von der sogenannten Entrückung. Dies ist der Moment, an dem unmittelbar vor Jesus’ Rückkehr auf die Erde alle Rechtgläubigen sofort in den Himmel an die Seite Gottes aufsteigen, derweil die Ungläubigen auf der Erde zurückbleiben und durch eine längere «Trübsalszeit» gehen müssen, wie Lieth es nennt. «Das gerechte Gericht Gottes über den Unglauben in unserer Welt.»

Diese Phase wird gekennzeichnet sein von Naturkatastrophen, Wirtschaftseinbrüchen sowie Konflikten aller Art, und gemäss Lieths Bibelinterpretation wahrscheinlich sieben Jahre dauern. In dieser Zeit haben die Ungläubigen eine letzte Chance, sich doch noch zu bekehren. Dem Rest drohen Verdammnis und ewige Qualen, derweil der Planet unter Gottes Herrschaft in ein 1000-jähriges Paradies verwandelt wird. Dort soll laut Lieth absolute Gerechtigkeit für alle herrschen, es wird genug zu essen und zu trinken geben, und alle werden gesund und glücklich sein.

Wie andere religiöse Gruppen, die ihren Fokus auf die Endzeit legen, hat auch das Missionswerk Mitternachtsruf schon ein paar Mal erfolglos mit Jesus’ baldiger Rückkehr gerechnet, weil es weltpolitische Ereignisse als Zeichen interpretierte. «Das war ein Fehler», gibt Lieth zu. «Niemand weiss Zeit und Stunde, heisst es, aber ich hoffe und bete auch dafür, dass ich die Entrückung noch erleben darf.» Lieth ist 57. «Ich rechne jedoch nicht unbedingt damit. Und natürlich wünsche ich niemandem, dass er in der Trübsalszeit Qualen erleiden muss.»

Besondere Vorbereitungen brauche man als Gläubiger nicht für den grossen Tag. «Wenn es morgen passiert, bin ich bereit», sagt Lieth. Und auch alle anderen müssten nur eins tun, um gewappnet zu sein: an Jesus glauben.

Zehntausende warten auf die Entrückung

Sonntags versammeln sich rund 800 Gläubige jeden Alters in der Zionshalle der Freikirche in Dübendorf. Dort ist auch der internationale Hauptsitz der Gemeinschaft, die 1955 vom Holländer Wim Malgo gegründet wurde. Sie finanziert sich hauptsächlich über Spenden und besteht laut Lieth weltweit aus rund 100'000 Personen, in der Schweiz sind es knapp 10'000.

Der katholisch aufgewachsene Deutsche aus Wuppertal ist schon als junger Mann auf der Sinnsuche auf Jesus gestossen. Freunde brachten ihn zum Missionswerk, und nach einiger Zeit als Missionar in Südamerika wurde er in den 80er-Jahren zur rechten Hand des mittlerweile verstorbenen Gründers.

Kritiker sorgen sich wegen der Endzeitbotschaft, sie könnte bei labilen Menschen falsche Erwartungen wecken. Lieth verneint diese Risiken. Der Glaube helfe den Menschen, im Diesseits gut zu leben, eine gute Ausbildung anzustreben, eine Familie zu gründen. «Die Bibel sagt eben auch: Seid nüchtern in allen Dingen.» Er weiss allerdings von Gläubigen, «die mit einer gewissen Enttäuschung gestorben sind, weil sie die Entrückung nicht erlebt haben».

Lieth sagt, es sei ihm bewusst, dass sein Weltbild wie Science-Fiction klinge. «Aber ich glaube daran.» Dies, weil in der Bibel nachweislich vieles historisch korrekt sei. «Ein Professor hat kürzlich ausgerechnet, dass es im Alten Testament etwas mehr als 6000 Prophezeiungen gibt, mehr als die Hälfte davon ist bereits eingetreten. Also muss sich auch der Rest erfüllen.»

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