Leser-Beitrag
20. Dezember 2017

Die etwas andere Weihnachtsgeschichte

Ein überraschendes Treffen im Winterwald

Lesezeit 3 Minuten

Die Bäume ächzen unter der schweren, weissen Last auf den Kronen. Am Waldrand, oben über der Kuppe, biegen sich Tannen durch. Abgebrochene Äste liegen auf dem Weg. Tief hängende, graue Wolken vermischen sich mit Nebel, hüllen alles in ein spärliches Licht. Eine unwirkliche Szenerie.

Die Waldarbeiter der Gemeinde fräsen mit schwerem Gerät. Durch ihre orangen Warnwesten zeichnen sie sich deutlich vom düsteren Hintergrund ab. Ohrenbetäubender Lärm hallt aus dem Dickicht. Zwei Farbige, dick eingehüllt in Pullover, Fellmütze und Wollschal, kristallisieren sich heraus. Kurzfristig angefragt, sagten sie zu, der Einöde des wartenden Alltages abzuspringen. Die kräftezehrende Arbeit scheint den beiden Asylanten Spass zu bereiten. Wendig ziehen sie das abgeschnittene Holz, geschützt durch geliehene, schwere Arbeitsstiefel nebst Schutzkleidung, aus dem Unterholz, schichten einen ordentlichen Stoss.

Gegen Mittag entzündet der weissbärtige Vorarbeiter fachgerecht ein imposantes Feuer. Im Barackenwagen schnippelt und schält er mitgebrachtes Gemüse. Wasser sprudelt im Metalltopf über den Flammen. Kurz darauf strömt der Duft einer feinen Brühe durch die Suppe der Nebelbank. Die Arbeiter tröpfeln nacheinander Richtung Pausenplatz. Die Truppe setzt sich auf gefällte Baumstämme um das wärmende Feuer. Die gestählten Männer integrieren die farbigen Aushilfsmitarbeiter, zwischenmenschliche Gespräche entwickeln sich beim Schlürfen der Gemüsesuppe. Der Brand knackst, zischt, spuckt heisse Glut, die verschworenen Kerle lachen, tauschen intime Geheimnisse aus.

Vom Dorf unten schlängelt sich gleichzeitig eine lärmende Schar Kinder Richtung Lagerfeuerrauch. Der Waldkindergarten verbringt den jährlichen Klaustag bei der nahen Waldhütte. Leider ist dieses Jahr der Klaus, gesundheitlich angeschlagen, abgesprungen. Die Kindergärtler haben aber am Morgen gedrängelt, sodass die Lehrer zu improvisieren versuchen.

Jungs und Mädchen stürmen, beim Mittagstisch der Waldarbeiter vorbeikommend, frech, ungestüm auf die farbigen Mitarbeiter zu, im Irrglauben, bei der Walhütte angekommen zu sein.

«Schmutzli, Schmutzli, aussen weht es bitterkalt, wer kommt da durch den Winterwald? Stipp stapp, stipp stapp und huckepack.»

Auf einmal herrscht eine gespenstige Ruhe. Erzieher, Vorarbeiter, Waldarbeiter schauen beschämt auf die zwei Asylanten. Das Feuer spuckt seine Glut in die peinliche Stille.

Unverhofft stehen die beiden Angestarrten auf, packen ihren Vorarbeiter und einen Lehrer am Arm, stürmen in die Baracke. Die weiss getünchte Holztüre fällt krachend ins Schloss. Die Jungschar sammelt sich um die draussen verbliebenden Erzieher, welche versuchen, ihren Schützlingen den peinlichen Stand der Dinge zu erklären.

Die vermeintliche Sonne hat einen schweren Stand, es dunkelt früh. Holz wird nachgelegt. Die Lage hat sich beruhigt, der Rest der Suppe wird redlich aufgeteilt.

Im Barrackenwagen rumpelt es, das Holzhaus auf Rädern neigt sich hin und her. Die Türe öffnet sich. Der weissbärtige Vorarbeiter schreitet gekrönt die Stufen hinunter, gefolgt von zwei Schmutzlis: «Kinder, Kinder, ich bin in meinem Heimatland auch Lehrer. Darum setzten wir uns jetzt ums Feuer und wir erzählen euch die Weihnachtsgeschichte.»

«Hoho, also kommt Kinder, meine Kameraden und ich, aus dem fernen Wald, wärmen uns jetzt alle und hören zu.»

Diesen Abend werden Kinder und Beteiligte niemals vergessen. Eine zufällige Begegnung, Irrtum, jugendlicher Leichtsinn, gepaart mit viel Nachsicht auf jeder Seite. Noch lange flackern in dieser Nacht die Flammen, selbst der Himmel hat sich unverhofft aufgetan. Die Sonne lacht noch kurz. Sterne neben Mond strahlen besonders hell.

Beim Nachhausegehen, gemeinsam kehren sie glücklich ins Dorf zurück, schüttelt Frau Holle zum Applaus noch die Decken.

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