Leser-Beitrag
19. Februar 2018

Die Coffee-to-go-Gesellschaft

Als ich kürzlich ein Wochenende in den Bergen verbrachte und mir auf einer Alp der Kaffee in einer dieser roten Porzellantassen mit weissen Punkten serviert wurde, realisierte ich, wie blind ich durch den Alltag gehe.

Coffee-to-go-Becher
Lesezeit 2 Minuten

Kaffee gilt als Wachmacher schlechthin. Wenn ich mich jedoch umschaue, wie heute Kaffee konsumiert wird, entlockt mir diese Bezeichnung bloss ein müdes Lächeln.

Da stehen sie morgens am Bahnhof, in der linken Hand den Coffee-to-go, das rechte Pendant krallt sich um das Smartphone. Der Daumen navigiert flink über den Bildschirm, der Nacken tief gebeugt. Der Rentner daneben hält sich die Hände im Kreuz, beobachtet seelenruhig das Rundherum und steht im Vergleich aufrecht wie eine Giraffe. Dann passierts: Eine schnelle, leicht seitliche Drehung, die Lippen pressen sich auf den Plastikdeckel, der Blick bleibt auf dem Handydisplay haften. Praktisch, dieser «Kaffee zum Mitnehmen».

Im Autopilot durch den Alltag

Statt uns tatsächlich wach zu machen, sorgt der Coffee-to-go dafür, dass wir noch einfacher auf Autopilot schalten. Wir erledigen mehrere Dinge gleichzeitig und nebenher, ohne uns dessen wirklich bewusst zu sein. Von Achtsamkeit liest man zurzeit überall. Das ist weder Hokus-Pokus noch Trend, sondern einfach das Gegenteil von unserem Autopilot-Alltag.

Faule Ausreden – *gähn*

Ist unsere Gesellschaft wirklich so müde, dass wir morgens auf dem Bahnsteig eindösen würden, wäre da nicht der rettende Coffee-to-go, an dem wir nebenher nippen? Der Kaffee könnte doch bis im Büro oder nächsten Café warten. Frisch gebrüht, in einer hübschen Porzellantasse, die beim Aufsetzen auf den Teller klirrt und mit Glück sogar ein Herz den Milchschaum ziert. Das klingt doch nach mehr Genuss als der Pappbecher mit Plastikdeckel, an dem man sich sowieso immer die Lippen verbrennt.

Wer für Kaffee mit Deckel aus «Sicherheitsgründen» argumentiert, dem sei gesagt, dass Achtsamkeit mit Aufmerksamkeit zu tun hat. Schliesslich treten wir auch nicht jeden Tag im Regenponcho vor die Tür, damit wir geschützt sind, falls plötzlich der Regen kommt und wir es nicht merken.

Sei dein eigener Wachmacher

Wie können wir den Anspruch an eine braune Brühe haben, dass sie uns wach macht, wenn wir selber nicht wach durch den Tag schreiten? Wir haben mehr Hirn, Energie und Verstand als zig dieser klitzekleinen Kaffeeböhnchen!

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