11. Mai 2015

Die Chancen des altersdurchmischten Lernens

Schulklassen mit mehreren Jahrgängen müssen nicht allein aus der Not geboren sein. Fachleute loben etliche Vorzüge von Mischklassen - doch «AdL» weist auch Risiken auf. Und wie siehst du als Elternteil oder Lehrkraft das Potenzial?

ein Zweitklässler mit der Erstklässlerin
Wenn wie im appenzellischen Schwellbrunn ein Zweitklässler mit der Erstklässlerin zusammen spannt...

In der Schweiz sind die meisten Primarschulklassen (später trifft man das Phänomen kaum mehr an) mit mehr als einer Altersstufe aus einem simplen praktischen Grund zustande gekommen: Mangels genügender Schülerzahlen pro Jahrgang wären Schulen oder Schulstufen andernfalls mit der Zeit schlicht geschlossen worden.

Also versucht man zwei bis im Extremfall drei Jahresstufen im Schulzimmer zusammenzulegen – und in der Regel von einer Lehrerin, einem Lehrer unterrichten zu lassen. Was vor vielen Jahrzehnten noch beinahe die Regel war, als der Frontalunterricht andere Anforderungen ans Unterrichten stellte, und heute auch eher die einzige Alternative zum Abbau dörflicher Schulstrukturen und damit langen Schulwegen zu sein scheint, weist auch Vorteile auf, die klassischen Klassenverbänden abgehen.

Deshalb verstehen und erklären einige Experten das Konzept des Altersdurchmischten Lernens (abgekürzt: AdL) auch als vollwertiges alternatives Schulmodell und fokussieren auf mehrere Stärken alters-gemischter Klassen. Das heisst zwar (noch) nicht, dass diese auf breiter Front selbst da entstehen würden, wo es die Schülerzahlen nicht nahelegen. Schweizweit 21 Schulen verfolgen bisher AdL grundsätzlich. Sicher mindern mehrheitlich positive Bewertungen von Fachleuten zumindest die Skrupel von Schulleitungen und -behörden, das Instrument einzusetzen. So sprach der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer (LCH) schon vor drei Jahren von einer Grösse und Fahrt aufnehmenden Bewegung.

Denn anscheinend, so das kürzeste Fazit, fördern Mischklassen vor allem die sozialen Fähigkeiten der Schüler, und schaden der Entwicklung von Lernkompetenzen wie auch dem Erwerb von Schulstoff nicht feststellbar. Obgleich man kritisch anfügen könnte, dass grosse Studien mit der Erfassung nicht nur kurzfristiger Ergebnisse von altersdurchmischten Klassen modernen Zuschnitts noch fehlen. Bekannt im Schweizer Umfeld sind eine zu eher positiven Schlüssen kommende Arbeit von Christa Urech an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen und Vorträge des Zürcher Uniprofessors Jürgen Oelkers.

Daneben wurden in den letzten paar Jahren auch AdL-bremsende lnitiativen und Vorstösse aus den grossen Kantonen wie Luzern, Bern, St. Gallen oder Zürich registriert, an mehreren Orten wurde die Einteilung in altersdurchmischte Klassen gestoppt oder verschoben. Primär dort, wo AdL nicht die einzige Möglichkeit neben der Einstellung von Schulen oder Schulstufen darstellt und Eltern Nachteile für ihre Sprösslinge in der Schulkarriere befürchten.

Hier finden Sie eine Liste mit wiederholt genannten Vor- und Nachteilen des AdL-Konzepts. Hast du als Mutter/Vater oder Lehrer(in) selbst Erfahrungen gemacht? Dann verrate sie uns in einem Kommentar (unten).

CHANCEN

1. Höhere Sozialkompetenz: Die Schüler(innen) lernen früher, Mitverantwortung für andere (speziell: kleinere) zu übernehmen und auf die allgemeine Lernsituation Rücksicht zu nehmen. Sie nehmen fast automatisch kleinere Kinder im Schulalltag mit, helfen diesen mit praktischen Tipps bei der Angewöhnung an Abläufe usw. Das unterstützt die (frühere) Bildung des Selbstwertsgefühls im schulischen Umfeld, bei etwas älteren wie auch bei jüngeren Kindern.

2. Geförderte Selbständigkeit: Weitgehend unbestritten ist die breitere und konsequentere Herausbildung von Strategien, selbständig zu Erkenntnissen, Herangehensweisen und Wissen zu gelangen.

3. Bessere Integration: Häufig wird ins Feld geführt, wegen unterschiedlicher Altersgruppen sei die Gefahr weit geringer, dass einzelne Individuen ausgegrenzt würden. Toleranz wird häufiger gelebt. Kurz: Mehr Heterogenität führe zu weniger Ausgeschlossenen, die Durchlässigkeit oder mindestens Kontakte zwischen Grüppchen fielen im Vergleich klar leichter als in herkömmlichen Jahrgangsklassen. Natürlich bilden sich auch in Mischklassen klar erkennbare Hierarchien heraus, aber tendenziell spielerischer und mit mehr Wechseln. Neben vergrösserter Auswahl an unterschiedlichen Schülertypen spielen dabei wohl auch die ab der zweiten Klasse automatisch gemachten Erfahrungen von Unterordnung und Führungsrolle mit hinein.

4. Teilrepetition auf höherer Stufe: Zur Verfestigung der Lernbasis gibt es fast nichts Besseres, als bisweilen als Lernhilfe den etwas jüngeren Schülern Stoff begleitend näherzubringen, mit dem man selbst erst vor einigen Monaten konfrontiert war. Die Wiederverarbeitung in anderer Form setzt ähnliche Vorgehensweisen und Inhalte nachhaltig im Gehirn fest.
Und: Der Stoff wird von leicht älteren Kindern häufig kindgerechter mitvermittelt, wenn sie Jüngeren etwas zeigen oder erklären. Schliesslich waren sie selbst vor rund einem Jahr erst so weit.

RISIKEN

1. Mehr Förderung für auffällige Kinder: Arbeiten Kinder zeitgleich an verschiedenen Schulstoffen oder deren unterschiedlicher Umsetzung, steigt nicht selten der Erklärungs- und Begleitbedarf, der nicht immer durch andere Kinder gleicher oder höherer Stufe abgedeckt werden kann. Oder diese sind gerade nicht dazu bereit.
Die Gefahr besteht, dass längerfristig eher die auffälligeren (wenn auch nicht aggressiveren) Kinder mehr Betreuung und Begleitung von Lehrer(inne)n erhalten. Zurückhaltendere, die in der Auffassungsgabe nicht überdurchschnittlich schnell sind, drohen eher auf der Strecke zu bleiben.

2. Mehraufwand für Lehrkräfte: Lehrerinnen und Lehrer von gemischten Klassenverbänden kennen im Durchschnitt längere und speziellere Vorbereitungsphasen für den erteilten Unterricht. Klar müssen sie wie bei getrennten Schulstunden den Stoff für (z.B.) die erste und die zweite Klasse getrennt vorbereiten. Doch dann heisst es auch noch, beides aufeinander abzustimmen. Schon der wohl seltene Idealfall macht deutlich, wie schwierig das ist: Die beiden behandeln ein verwandtes oder gar dasselbe Thema auf altersstufengerechtem Niveau. Und wenn möglich sind immer nur die einen für eine halbe oder eine Schulstunde mit Aktivitäten beschäftigt, die einen höheren Betreuungsaufwand mitbringen. Während bei der anderen Stufe die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass mit wenig bis ohne Unterstützung gearbeitet werden kann ...

3. Hohe Stressresistenz erforderlich: Auch bei optimaler Vorbereitung, grosser Innovationsbereitschaft, feinem Sensorium für die Bedürfnisse der Schüler und Entscheidungsfreudigkeit, auf welche Anliegen gerade zuerst eingegangen werden soll, dürfte die Arbeit mit mehrheitlich gemischten Klassen die Lehrkraft nervlich stärker belasten – und letztlich zu mehr stressähnlichen Situationen führen.

4. Überforderung der Kinder: Selbst wenn viele Kinder die Stimmung und das Lernen in Mischklassen (sehr) schätzen, können sowohl die Kleineren wie die Grösseren in bestimmten Situationen an ihre Grenzen stossen. Bei nicht gleich begreifenden Kleinen wissen die Grossen oft nicht weiter und fühlen sich vielleicht gescheitert, wenn ihre Hilfe nicht zum Erfolg führt. Die Kleineren wiederum beziehen einen Misserfolg ohne Lehrerkontakt bisweilen auf sich selbst («bin zu dumm»), auch wenn ältere Mitschüler unbrauchbare Hilfe angeboten haben. Die genannten Misserfolge wie auch kurze 'Pausen' ohne klar zu verfolgende Aufträge sorgen für erhöhte Unruhe. Ob dies generell gilt im Vergleich zu Jahrgangsklassen, ist allerdings höchst umstritten.


Wissenschaftliche Übersicht: Der Vortrag Anmerkungen zum altersdurchmischten Lernen von Prof. Jürgen Oelkers, Universität Zürich, 2011.

Fotografin: Anita Affentranger

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1. und 2. Klasse der altersdurchmischten Klasse in Schwellbrunn