06. September 2019

Die Büezerin und der Akademiker

Wir treffen Kandidierende, die am 20. Oktober ins Parlament gewählt werden wollen. Trotz Differenzen sollen sie sich auf einen Vorstoss einigen und für ein gemeinsames Essen einkaufen. Diese Woche: Damenschneiderin Prisca Salzmann-Lochmatter (SVP Wallis) und Chefarzt Pietro Vernazza (GLP St. Gallen).

Pietro Vernazza und Prisca Salzmann-Lochmatter
Verstehen sich trotz aller Differenzen gut: Arzt und HIV-Forscher Pietro Vernazza und Damenschneiderin Prisca Salzmann-Lochmatter.

Sie sind beruflich und politisch ganz unterschiedlich positioniert und haben sich zuvor noch nie gesehen – aber nach ihrem zweistündigen Treffen in Zürich könnten sie sich ein gemeinsames Znacht gut vorstellen. Auch auf das Menü, das sie zusammen kochen würden, einigen sich die selbständige Damenschneiderin aus dem Wallis und der Chefarzt und HIV-Forscher aus St. Gallen rasch (siehe unten). «Ich esse wenig Fleisch», sagt Pietro Vernazza. «Ich auch», erwidert Prisca Salzmann-Lochmatter, «und wenn, dann aus der Region.»

Beide befinden sich derzeit im Wahlkampf, und für beide ist es der erste Anlauf auf der nationalen Politbühne. Dass sich Prisca Salzmann-Lochmatter politisch engagiert, hat mit der Art der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative zu tun. «Es hat mich wirklich geärgert, was das Parlament daraus gemacht hat.» Pietro Vernazza war im Frühling von der GLP angefragt worden, ob er für sie kandidieren würde und bewirbt sich für den National- und den Ständerat. «Ich nähere mich langsam dem Pensionsalter und möchte mich nun auf einer anderen Ebene engagieren. Und mir scheint, ärztliche Kompetenz würde den Gesundheitsdebatten im Parlament gut tun.» Bei der GLP fühlt er sich wohl wegen deren Umweltengagement und den oft pragmatischen, liberalen Lösungsansätzen. Seiner SVP-Kollegin ist dagegen wichtig, das EU-Rahmenabkommen zu verhindern und die Zuwanderung zu reduzieren.

Gefragt, was sie an der jeweils anderen Partei gut finden, müssen beide nicht lange nachdenken. «Die SVP verpackt ihre Politik in eine einfache, gut verständliche Sprache, davon könnten die anderen Parteien lernen», sagt Vernazza. Und Prisca Salzmann-Lochmatter mag an der GLP, dass sie sich für Schwule und Lesben einsetzt. «Bei mir im Schneideratelier arbeitete ein Transmensch als Praktikant, das hat meine Haltung zu den Anliegen dieser Menschen verändert.» Was wiederum Vernazza sehr sympathisch ist, der als HIV-Arzt viele schwule Patienten behandelt und die HIV-Prävention in der Schweiz massgeblich mitgeprägt hat.

Prägt der Beruf die Politik?

Einig sind sie sich auch, dass ihre Berufsgruppen im Parlament besser vertreten sein sollten. Der Chefarzt ist überzeugt, dass die wissenschaftliche Arbeit seinen Zugang zur Politik und zu Problemlösung massgeblich geprägt hat. «Ich glaube auch, dass der Beruf einen Einfluss hat», sagt die Damenschneiderin, «aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ich als Ärztin andere Positionen vertreten würde.» Vernazza lächelt. «Ich glaube, wenn wir ein Wochenende lang Zeit hätten zu diskutieren, könnte ich Sie von einigen Positionen der SVP abbringen.» Salzmann-Lochmatter quittiert: «Ich glaube, ich hätte da genügend gute Gegenargumente.»

Gibt es trotzdem Themen, zu denen sie einen gemeinsamen Vorstoss formulieren könnten? Salzmann-Lochmatter lotet die Bereiche Zuwanderung und Rahmenabkommen aus, aber die Positionen sind zu unterschiedlich. Vernazza schlägt eine «bessere Kostenkontrolle im Gesundheitswesen» vor. Rasch einigen sie sich, dass mehr Generika dafür ein guter Ansatz wären (siehe oben), ein Vorstoss, der auch bestens ins Parlament passen würde.

Die Auswahl der Kandidierenden erfolgte in Zusammenarbeit mit smartvote.ch Dort lassen sich die eigenen politischen Positionen mit denen aller Kandidierenden vergleichen.

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Jelena Filipovic

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