Die Bänkli-Direktorin

Renate Albrecher hat eine Leidenschaft: Bänke. Ob am Seeufer oder am Strassenrand – die Sitzgelegenheiten sind für sie ein Teil der Schweizer Kultur. Deshalb hat sie eine interaktive Landkarte lanciert, die «Bankgeheimnisse» lüftet.

Renate Albrecher
Renate Albrecher (43) hat die Online-Landkarte «Bankgeheimnisse» ins Leben gerufen. (Bild: François Wavre)

Es gibt Dinge, über die man sich nicht so viele Gedanken macht. Dinge, die einfach da sind. Sitzbänke zum Beispiel. Vorausgesetzt natürlich, man ist noch nicht «bankophil». So bezeichnet Renate Albrecher Menschen, die vom Bänkli-Virus angesteckt sind. «Es ist ein positiver Virus», betont die 43-Jährige. Die Symptome: Man sieht auf einmal überall Bänkli, Bänkli, Bänkli – und muss sie fotografieren.

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Renate Albrecher sitzt auf ihrer Lieblingsbank auf einer Halbinsel in Saint-Sulpice VD und blickt über den Genfersee in Richtung Westlausanne. Es gibt noch weitere Bänke in der Nähe; alle sind besetzt. Von Studenten, die sich unterhalten, von Arbeitern, die ihren Zmittag geniessen, von Joggern, die eine Pause einlegen. Grosse Bäume werfen Schatten auf die Sitzgelegenheiten, im See badet ein Vater mit seinem Sprössling. «Die Bänkli sind optimal verteilt. Der Ort ist sehr belebt.» Sie könne ewig hier sitzen, sagt Renate Albrecher.

Auf dem Bänkli war es erlaubt, mit Fremden zu sprechen

Mit ihren drei Söhnen im Alter von 9, 11 und 13 Jahren wohnt die studierte Soziologin nur ein paar Gehminuten entfernt. Die Sitzbänke auf der Halbinsel waren das Erste, was die Österreicherin sah, als sie vor einigen Jahren hierher zog. Mittlerweile sind sie längst auf ihrer digitalen Bänkli-Landkarte «Bankgeheimnisse» aufgeführt, damit auch andere Menschen in den Genuss des Glücks auf Holz kommen.

Bilderbuchkulisse: klassische Sitzbank am Arnisee, Uri.

Ein Ort des Austauschs
Wann hat sie der Bänkli-Virus befallen? Sie sei «total abgelegen» aufgewachsen, erzählt Renate Albrecher, in der Nähe von Linz in Oberösterreich. So weit sie blicken konnte, habe es ein einziges «Bankerl» gegeben – neben dem Feld, das ihre Familie bewirtschaftete. Als Teenager setzte sie sich manchmal hin in der Hoffnung, dass jemand zum Schwatzen kam. «Auf dem Bänkli war es erlaubt, mit Fremden zu sprechen», sagt sie. «Es hatte eine wichtige soziale Funktion für mich.» Als sie einmal zwei Monate lang weit weg von daheim lebte, suchte sie immer wieder eine Bank auf. Irgendwann fiel ihr auf, dass sie sich unbewusst nur auf ein Drittel der Sitzfläche setzte, sodass noch jemand anderes gut darauf Platz gefunden hätte. «Ich hatte das Bedürfnis, mit anderen Menschen ein paar Worte auszutauschen.» Fortan beobachtete sie genau, wie jemand auf einem Bänkli sass.

Sitzen am Waldrand bei Hausen am Albis ZH.

Mit ihren Kindern geht Renate Albrecher gern wandern. Einmal fiel ihr auf: Immer, wenn der Ausblick schöner wird, steht da eine Bank. Als sie alleine unterwegs war, fragte sie sich, wie ihre berufliche Zukunft aussehen sollte. «Ich hatte Lust, ein Projekt in Angriff zu nehmen.» Während sie auf einer Bank sass, überlegte sie: Wenn man nur wüsste, wo die schönsten Bänkli stehen, könnte man sie als Ziel für einen Ausflug festlegen. Sie erinnerte sich, wie sie einmal mit Freunden eine Wanderung unternommen und das Picknick am Boden gegessen hatte. Erst später entdeckten sie, dass nur 200 Meter entfernt eine wunderschöne Bank auf sie gewartet hätte. Die Idee einer Bänkli-Landkarte setzte sich in ihrem Kopf fest – und war bald online.

Das Ziel: 1000 Bänkli pro Kanton
Auf der interaktiven «Bankgeheimnis»-Website können Leute ihre neuesten Entdeckungen eintragen. Man findet die genauen Koordinaten eines Bänkli-Standorts; die Community kann die Einträge bewerten und kommentieren. Es läuft gut: Knapp 2000 Ausruhorte sind mittlerweile registriert, 450 alleine im Kanton Aargau.

Im selben Boot: «Fischerbänkli» in Inkwil BE.

Vor zwei Jahren hat Renate Albrecher den «Verein zur Förderung der Schweizer Bankkultur» gegründet. Sie ist sich sicher: Kein Bänkli steht einfach so da, jedes möchte einem etwas Besonderes zeigen. «Für mich sind Bänkli wie ein analoges Instagram: Sie zeigen uns die schönsten Aussichten.» Die Bänke seien ein Bindeglied zwischen Mensch und Natur. Für Familien mit Kleinkindern und Menschen mit eingeschränkter Mobilität gar eine Notwendigkeit, um die Natur und den öffentlichen Raum nutzen zu können.

Neben ihrer Tätigkeit als Bänkli-Direktorin arbeitet Renate Albrecher 30 Prozent an der Universität Lausanne. Zurzeit ist sie auf der Suche nach einer sicheren Finanzierung für ihr Herzensprojekt. «Sonst kann ich die Fixkosten nicht decken.» Ein paar Partnerschaften hat sie bereits – etwa mit der Stiftung Cerebral, die sich für gelähmte Kinder einsetzt. Denn auf der Bänkli-Landkarte ist eingetragen, welche Sitzbänke mit dem Rollstuhl zu erreichen sind. Und das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hat die Bankgeheimnisse-App mitfinanziert, zur Förderung von Innovationen im Tourismusbereich. «Das Bewusstsein für Bänkli ist in der Bevölkerung aber noch nicht ganz da», stellt Renate Albrecher fest.

Es gibt Tage, an denen 80 neue Bänkli hinzukommen

Das könnte sich in diesem Jahr ändern. Denn der Trägerverein des Kulturerbejahrs 2018 des Bundesamts für Kultur hat Renate Albrechers Verein aufgenommen. Das Ziel ist, pro Kanton 1000 Bänkli zusammenzutragen. «Ich freue mich sehr. Es gibt Tage, an denen 80 neue Bänkli hinzukommen.» Und das ohne Werbung. Für Renate Albrecher ist es das Schönste, sich auf Instagram, Facebook oder im echten Leben mit der Community auszutauschen. Da gibt es zum Beispiel eine Dame, die unter einer Herzkrankheit leidet. Ihr Hund gibt Laut, sobald sie sich hinsetzen muss. «Bis vor Kurzem war das total unwürdig, oft musste sie sich mitten auf den Boden setzen.» Mit einer gut gefüllten Bänkli-Landkarte wisse sie bald ganz genau, wo die nächste Bank zu finden sei.

Kunstvolles Objekt: Bänkli am Rämisgummenhoger, BE.

Das perfekte Bänkli ist für Renate Albrecher eins, auf dem man Ruhe findet, bequem sitzt und bei schöner Aussicht das Auge entspannen kann. «Das Schlimmste sind kalte Bänkli», findet sie. Deshalb mag sie solche aus Holz. Mit der Hand streicht sie über die raue Oberfläche ihres Lieblingsbänklis. «Eine Bank integriert sich in den Lebenslauf so vieler Menschen. Just in diesem Moment verbindet mich etwas mit allen Leuten, die schon hier gesessen haben.» Welche das sind, bleibt das Geheimnis der Bank. 


Die Bänkli-Landkarte «Bankgeheimnisse» findest du hier.

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