30. August 2018

Die Auswüchse der Alterspubertät

Menschen mittleren Alters haben es nicht leicht: Die Jugend ist vorbei, und das Alter droht mit allerlei Unerfreulichem. Man stemmt sich also dagegen, so gut es geht, lernt Kitesurfen, kauft sich einen Porsche, geht ins Yoga-Retreat zur Selbstfindung. In ihrem neuen Buch beschäftigen sich Maxim Leo und Jochen Gutsch äusserst unterhaltsam mit den Auswüchsen der «Alterspubertät».

Maxim Leo und Jochen Gutsch
Eingespieltes Autorenpaar mittleren Alters: Maxim Leo (links) und Jochen Gutsch
Lesezeit 10 Minuten

Jochen Gutsch, Maxim Leo, Sie haben Ihr Buch im Auftrag Gottes geschrieben, wie Sie im ersten Kapitel enthüllen.

Gutsch: So ist es.

Gott wirkt recht humorvoll dabei.

Gutsch: Wir fanden ihn eher etwas rechthaberisch. Aber man kann Gott halt schlecht widersprechen, also haben wir den Auftrag angenommen.

Sie erzählen all diese hochkomischen Episoden aus Ihrem Leben als Spät-40er – jetzt mal ehrlich, wie viel davon ist Ihnen wirklich passiert?

Gutsch: 70 bis 80 Prozent sind wir, der Rest Freunde. Und wir haben natürlich übertrieben und auf Pointen hin zugespitzt. Aber es steckt viel Wahres drin.

Leo: Die richtig peinlichen Sachen sind von Gutsch. Da, wo der Protagonist weise und lebenserfahren rüberkommt, das bin meist ich.

Mit 50 «fühlt man sich ein bisschen verloren», ist quasi «im Transitbereich des Lebens», schreiben Sie. Warum ist diese Zeit für viele so schwierig?

Leo: Es ist eine seltsame Zwischenzeit. Man hat plötzlich eine Ahnung vom Alter und findet das alles sehr beunruhigend – dabei ist die Ahnung vielleicht schlimmer als die Realität. Aber schon jetzt ziehen beim Sport die Jüngeren mühelos an einem vorbei, was eine Menge Frust produziert.

Gutsch: Man ist nicht mehr so schlank und fit wie einst, hat nicht mehr so viele Haare, es zwickt da und dort, und Ärzte wollen plötzlich seltsame Untersuchungen vornehmen. Aber am meisten fehlt mir heute die Leichtigkeit der jüngeren Jahre. Dieses Leben ohne gross nachzudenken, das vermisse ich wirklich sehr. In meinem Alter denkt man immer nach, was morgen kommt.

Sich nochmals neu zu erfinden spielt eine wichtige Rolle. Haben Sie schon etwas Bleibendes für sich neu entdeckt?

Gutsch: Es ist eher so, dass einige Dinge zu Ende gehen. Ich spiele zum Beispiel seit Ewigkeiten in einer Fussballmannschaft. Das musste ich vor einem halben Jahr wegen einer schmerzhaften Fersenverletzung auf Eis legen – und weil es den meisten anderen auch so geht, steht die Mannschaft kurz vor der Auflösung. Ich frage mich jetzt, ob ich stattdessen Yoga machen sollte …

Leo: … altersgerechte Dinge …

Gutsch: … genau. Aber dagegen habe ich mich bisher immer gewehrt. Altersgerecht – das klingt schon so freudlos.

Leo: Ich habe schon was Neues kennengelernt: Den Flowtest. Den hat mein Urologe kürzlich mit mir gemacht, weil man das in diesem Alter offenbar tun sollte. Dabei misst man mit einer speziellen Apparatur den Harndruck. Ich war natürlich sehr aufgeregt, weil ich wusste, jetzt muss ich performen, wie man das als Mann ja immer will. Ich hab’ also alles gegeben, worauf mein Arzt mir die Blase eines 80-Jährigen attestierte. In seinen Augen war deutlich zu erkennen: «Armer Kerl, alles vorbei.»

Sie haben also bisher nichts Neues, Bereicherndes entdeckt?

Gutsch: Leider braucht man für viele dieser Alterspubertätshobbys immer gleich einen Schein oder muss erstmal einen Kurs besuchen: Motorrad fahren, Motorboot fahren, tanzen. Ich möchte in meiner Freizeit nichts machen, wofür man erst mal Prüfungen ablegen muss.

Leo: Viele dieser Hobbys sind einfach auch furchtbar langweilig. Da hört man aus dem Freundeskreis, «ach ja, die Daniela und ich, wir machen jetzt diesen Weinkurs». Und dann fahren sie von Weingut zu Weingut und kosten Wein und lernen alles darüber. Es scheint für dieses Alter charakteristisch zu sein, dass das Leben immer wohltemperierter und gediegener wird, aber nicht unbedingt interessanter.

Damit könnte man als gut situierter Mensch der westlichen Welt doch eigentlich zufrieden sein. Aber da ist diese innere Stimme, die findet: Schon, aber liegt da nicht noch mehr drin? Was raten Sie?

Gutsch: Natürlich sollte man diese Stimme einfach ignorieren. Aber sie wirft halt eine Frage auf, deren ehrliche Antwort schwer zu ertragen ist: Was kommt denn jetzt noch? Ist die bessere, aufregendere, sorglosere Hälfte des Lebens schon vorbei? Diesem Gefühl versucht man sich dann irgendwie entgegenzustemmen.

Leo: Unsere Eltern konnten viel besser alt werden, die haben sich solche Fragen gar nicht gestellt. Die waren einfach irgendwann alt und haben das mit Würde ertragen. Unsere Generation hingegen scheint zur Jugendlichkeit verdammt: Auch mit 50 läuft man noch mit Sneakers und Kapuzenshirt durch die Gegend.

Woher kommt das?

Leo: Wir sind wahrscheinlich die Ersten, die daran gewöhnt sind, sich jeden Wunsch erfüllen zu können, alles erreichen und gestalten zu können. So was wie Verzicht oder Entbehrung kennen wir nicht – anders als unsere Eltern. Wenn wir also alles immer kriegen, warum sollte das nicht auch mit der ewigen Jugend klappen? Es wird ja auch fleissig daran geforscht, und viele warten nur darauf, dass sich das Alter als Krankheit herausstellt, die sich überwinden lässt.

Maxim Leo und Jochen Gutsch im Interview
«Was kommt denn jetzt nach Mitte 40 noch? Ist die bessere, aufregendere, sorglosere Hälfte des Lebens schon vorbei?» fragen Leo und Gutsch. Diesem Gefühl versuche man sich dann eben irgendwie entgegenzustemmen.

Das ist auch ein Wohlstandsphänomen, oder?

Gutsch: Wir sind vermutlich die reichste Generation, die es je gab. Nur deshalb haben wir Zeit, uns darüber Gedanken zu machen.

Leo: Und die sozialen Medien befeuern das alles natürlich noch. Dort will man sich in einem möglichst vorteilhaften Licht präsentieren, zeigen, wie gut es einem geht.

Spielt vielleicht auch eine gewisse spirituelle Leere mit rein?

Leo: Das Einzige, an das man als moderner Grossstädter heute glaubt, ist man selbst. Und wenn man sich selbst zu Gott erhebt, hält man den Traum der ewigen Jugend und die eigene Selbstoptimierung für die ultimativen Ziele. Akzeptiert man hingegen eine andere Gottheit, ist es leichter, sein eigenes Vergehen demütig hinzunehmen.

Gutsch: Vielleicht sind wir es auch einfach nicht mehr gewohnt, Grenzen zu akzeptieren. In einer Grossstadt kann ich Sex haben, mit wem ich will, kann Beziehungen mit drei Frauen führen oder mit vier Männern, alles kein Problem. Und da soll ich mir beim Alter plötzlich Grenzen setzen lassen?

Männer reagieren auf ihre Altersverunsicherung gern mit dem Versuch sportlicher Höchstleistungen oder der Anschaffung PS-starker Fahrzeuge. Dabei wirkt doch gerade dieses Aufbäumen gegen das Unvermeidliche total unsouverän, nicht?

Gutsch: Absolut, man erreicht das Gegenteil von dem, was man eigentlich will. Und versucht das dann immer vor sich selbst zu kaschieren. Doch, doch, diese sehr enge Laufhose, die sieht an mir schon gut aus, hat ja auch was gekostet. Für mich persönlich der schlimmste Anblick sind Männer um die 50, die am Meer kitesurfen. Diese voluminösen Körper in ihren grellen Neoprenanzügen, die verzweifelt versuchen, auf diesen Brettern ihr Gleichgewicht zu halten …

Leo: … wie eine sterbende Robbe, die ins Wasser gezogen wird …

Gutsch: Scheusslich!

Problematisch ist auch, dass man in dem Alter das Geld hat, sich für alles die ausgefeiltesten Ausrüstungen anzuschaffen.

Gutsch: Während man den eigenen Kindern gerne sagt: «Ach, das muss doch aber nicht sein.»

Wie könnte man denn besser mit diesen Gefühlen umgehen?

Gutsch: Ich fürchte, gar nicht. Es gibt natürlich dieses Idealbild: gelassen und in Würde altern. Toll! Aber wer schafft das? Ich persönlich würde es schon als Erfolg betrachten, könnte ich die allerpeinlichsten Dinge vermeiden – und fange dann hoffentlich nicht mit 55 eine Beziehung mit irgendeiner 23-jährigen Mandy an.

Leo: Erschwerend kommt gerade beim Mann hinzu, dass Intelligenz und Einsicht erfahrungsgemäss wenig nützen. Kürzlich kam meine Tochter im Teenageralter mit ihren Freundinnen zu uns nach Hause, schon flüsterte diese innere Stimme: Beeindrucke sie, beeindrucke sie! Und ich habe es tapfer versucht, gab mich geistreich und witzig – und wirkte am Ende einfach nur peinlich.

Der Mann will wissen, wie er sein könnte, die Frau will wissen, wie sie ist.

Maxim Leo

Gehen Frauen eigentlich souveräner um mit all dem?

Gutsch: Ich glaube schon. Frauen flüchten sich in den mittleren Jahren eher in die Spiritualität. Sie lesen dann plötzlich Bücher über den Sinn des Lebens und wollen sich noch mal neu entdecken. Der Mann will nicht wissen, wer er ist – er will einfach nur toll rüberkommen.

Leo: Der Mann will wissen, wie er sein könnte, die Frau will wissen, wie sie ist.

Im Buch konstatieren Sie ein «Gleichgewicht der Lügen» im Eheleben: «Meine Frau sieht meine Glatze nicht, dafür ignoriere ich, dass ihre Brüste nicht mehr ganz so fest sind.» Noch wichtiger sei allerdings der Selbstbeschiss…

Leo: Oh ja. Man weiss mit der Zeit genau, in welchem Winkel man in den Spiegel gucken muss, damit alles noch einigermassen okay aussieht. Verpasst man den oder sieht man sich auf irgendwelchen Fotos, denkt man: Oh, wer ist denn dieser alte Mann da? In der Alterspubertät sind Lügen wichtiger denn je, auf keinen Fall sollte man auf die Idee kommen, sich nun ganz ehrlich immer alles zu sagen – das würde die beste Beziehung zerstören.

Und dann ist da noch der schwindende Sex in der Beziehung. Wenn es doch mal wieder dazu kommt, beschreiben Sie das im Buch so: «Mission accomplished. Erst mal eine Woche Ruhe. Es ist ein ähnliches Gefühl wie im Garten nach dem Rasenmähen.»

Leo: Wenn wir auf unseren Lesetouren zu dieser Passage kommen, ist die Reaktion im Publikum immer gleich: befreites Lachen mit einem leichten Erschrecken, weil man damit einräumt, dass einem dieser Gedanke nicht komplett fremd ist. Vor allem aber ist da grosse Erleichterung, dass man nicht der Einzige ist, dem es so geht.

Gutsch: Es scheint vielen schwerzufallen, sich die schlichte Wahrheit einzugestehen: dass der Sex halt weniger wird mit den Jahren. Wie die Obsession mit der Jugend ist auch die mit dem Sex ein typisches Merkmal unserer Generation. Man muss ihn haben, und er muss gut sein und sehr häufig. Und wenn er nicht gut ist, bist du selbst schuld, denn du könntest ja einen Tantrakurs besuchen oder den Partner wechseln oder Sexspielzeug kaufen. Es gibt kein gutes Argument für schlechten Sex. Selbst mit 80 muss ja noch lange nicht Schluss sein, so wird es einem auch in den Medien gerne suggeriert.

Wie entzieht man sich diesem Druck?

Gutsch: Durchatmen, entspannen und sich als Paar selbstbewusst sagen, dass alles schon ganz okay so ist, wie es ist.

Leo: Wenn der Papa heute mit seinen 18 Kilo Übergewicht beim Sex nochmal in die zweite oder dritte Runde soll, wird es schnell schwierig. Von daher sollte man sich wirklich von der Vorstellung lösen, dass die Beziehung nichts mehr wert ist, wenn man irgendwann weniger Sex hat. Es ist schlicht der Lauf der Dinge.

1. Es geht vorbei, es ist wirklich nur eine Phase. 2. Mit Humor wird das alles ein wenig leichter. 3. Niemand ist damit allein, fast jeder hat mit diesen Gefühlen zu kämpfen.

Maxim Leo

Sie haben das Buch auch aus persönlicher Betroffenheit geschrieben. Sind Sie selbst inzwischen gelassener worden?

Gutsch: Nein, wir sind immer noch im deprimierenden Anfangsstadium. Aber es gibt Hoffnung aus der Forschung. Die besagt nämlich, dass die Lebenszufriedenheit mit Mitte 40 auf dem Tiefpunkt ist. Aber anschliessend geht es langsam aufwärts. Kurz vor der Rente hat man wieder die gleiche Lebenszufriedenheit wie mit Anfang 20.

Leo: Wir haben aber immerhin ein paar Erkenntnisse gewonnen, die wir im Buch weitergeben: 1. Es geht vorbei, es ist wirklich nur eine Phase. 2. Mit Humor wird das alles ein wenig leichter. 3. Niemand ist damit allein, fast jeder hat mit diesen Gefühlen zu kämpfen.

Gutsch: Wir nennen es nicht umsonst ein «Trostbuch», und der Humor darin ist zentral, damit das funktioniert.

Man hört diese Forschungserkenntnisse ab und zu. Aber kann das wirklich stimmen? Immerhin werden wir doch nur älter, übergewichtiger und gebrechlicher.

Gutsch: Ich bin da auch skeptisch. Jetzt, mit 46, bin ich gestresst und etwas unglücklich, aber mit 63 soll ich mich dann plötzlich total super fühlen?

Leo: Hinzu kommt, dass man mit Mitte, Ende 40 in gewisser Weise auf dem Gipfel seiner Fähigkeiten ist. Wenn es gut ging, hat man ein bisschen was erreicht im Leben, hat einen Job, mit dem man sich wohlfühlt, ein schönes Beziehungsnetz. Eigentlich müsste man diese Zeit doch richtig geniessen können. Schwer zu glauben, dass man stattdessen als 60er-Jähriger glücklicher sein soll.

Angenommen, es wird tatsächlich besser: Worauf hoffen Sie schon jetzt?

Leo: Ich hätte später gern mal eine ukrainische Krankenschwester, die etwas Deutsch spricht, sodass man sich auch ein bisschen unterhalten kann, wenn sie mich und meinen Tropf durch die Gänge schiebt.

Gutsch: Ich habe die Hoffnung, dass der innere Druck nachlässt, etwas Bestimmtes erreichen zu müssen, dass ich etwas entspannter und ruhiger werde und das auch geniessen kann.

Leo: Ich hoffe ausserdem, lange genug zu leben, um sehen zu können, was aus meinen Kindern wird. In sie lagere ich jetzt sozu­sagen meinen Lebenssinn aus. 

Maxim Leo und Jochen Gutsch auf dem Boden liegend
«Für eine gute Pointe darf man als Autor auch mal eine Grenze überschreiten», finden Maxim Leo und Jochen Gutsch.

Sie haben dieses Buch gemeinsam geschrieben. Wie muss man sich Ihren Arbeitsprozess vorstellen?

Leo: Erst mal haben wir mögliche Themen diskutiert, dann passende Geschichten dazu gesucht – aus eigenen und anderen Erfahrungen. Die haben wir uns dann aufgeteilt, separat geschrieben und gemeinsam über­arbeitet. Wir schreiben schon lange zusammen, von daher ist das ein gut eingespielter Prozess.

Gutsch: Und nicht immer hat derjenige, der die Geschichte selbst erlebt hat, den Text dazu verfasst. Man ist dann oft ein bisschen zu nahe dran, ist zu nett oder zu vorsichtig.

Leo: Im Grunde ist unwichtig, was man selbst erlebt hat, es geht darum, dass die Geschichte gut wird. Und da ist manchmal der besser, der das emotionsloser angeht.

Ihre Ehefrauen kommen im Buch nicht eben sonderlich vorteilhaft weg. Nehmen die das locker?

Gutsch: Die Ehefrau des Protagonisten im Buch ist ja eine Kunstfigur. Das wissen unsere Ehefrauen natürlich auch. Trotzdem ist es manchmal für sie sicher nicht einfach. 

Leo: Meine Frau ist Französin und redet generell nicht gern über Details aus ihrem Privatleben. Sie wurde auch schon öfters in der Öffentlichkeit angesprochen: «Ich hab das gerade gelesen, ist ja furchtbar, Frau Leo.» Es gibt schon Momente, wo der Familiensegen etwas schief hängt.

Gutsch: Autor und Ehemann – das ist zuweilen eine schwierige Kombination. Aber ich glaube, für eine gute Pointe darf man auch mal eine Grenze überschreiten ...

Leo: … und muss später zu Hause auf Knien um Vergebung bitten. 

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