09. Januar 2019

Nie mehr Hausaufgaben!

Vergangenen Sommer hat die Primarschule im luzernischen Kriens die «Ufzgi» abgeschafft. Hausaufgaben seien ein auferlegter Zwang und nicht im Interesse der Kinder, sagt der Rektor. Schüler, Eltern und Lehrpersonen berichten von ersten Erfahrungen – und neuen Herausforderungen.

Es ist 15.10 Uhr im Schulhaus Kuonimatt in Kriens LU. Die meisten Viertklässler können nicht schnell genug aus dem Klassenzimmer kommen: Sie flitzen zu ihren Plätzen, räumen die Stifte ins Etui und schütteln der Lehrerin Cécile Gärtner (25) zum Abschied die Hand. Doch ein paar Schülerinnen bleiben, denn jetzt beginnt die freiwillige Lernzeit. Vorne im Schulzimmer stellt Gärtner den Wecker: Eine halbe Stunde lang können ihre Viertklässler nun beliebigen Stoff vertiefen, Aufgaben lösen und Fragen stellen. Maliha (10) schreibt eine Geschichte in Schönschrift: «Da bin ich ein bisschen hintendrein.» Alessia (10) liest in einem Buch, Nadine (9) kontrolliert in ihrem «Ich-Heft», ob sie die Lernziele erreicht hat. Einige Kinder stellen Fragen.

Freizeit bleibt Freizeit

Xaawo (9) klebt Blätter in ihr Ich-Heft. «Mir gefällt, dass man selbst beurteilen kann, wo man noch Übung braucht», sagt sie. Das findet auch Klassenkameradin Samantha (10) gut an der neuen Lernzeit: «Wenn ich merke, dass ich in Mathe nicht gut bin, mache ich Mathe. Die ‹Husi› fand ich blöd. Nach der Schule will ich lieber spielen oder basteln», sagt sie. Maliha will kurz vor Ablauf der Lernzeit noch eine neue Aufgabe anfangen. Just in diesem Moment ertönt der Wecker. Jetzt ist Freizeit angesagt.

Mit dem Start des Schuljahrs 2018/19 hat die Primarschule Kriens die Hausaufgaben abgeschafft. Neu haben die Kinder morgens jeweils eine obligatorische halbe Stunde individuelle Lernzeit, am Nachmittag kommt je nach Stufe ein oder zwei Mal eine freiwillige halbe Stunde dazu. Der Grund für die Abschaffung ist für Rektor Markus Buholzer (54) einfach: «Die Hausaufgaben sind nicht im Interesse der Kinder, sie sind ein auferlegter Zwang» (siehe auch Interview unten).

Entlastung für Kinder und Eltern

Laut Buholzer haben Hausaufgaben keine positive Auswirkung auf das Lernen. Und durch den Lehrplan 21 hat sich die Wochenstundenzahl der Kinder erhöht: Sie haben mehr Nachmittagslektionen als vorher. «Kinder haben ein Anrecht auf Freizeit, in der Schule werden sie schon genug auf Leistung ­trainiert», sagt der Rektor. Zudem argumentiert er mit der Chancengerechtigkeit: Kinder aus sozial schwächeren Familien erhalten bei den Hausaufgaben oft weniger Hilfe. Besonders für Eltern, die stark
ins Berufsleben eingebunden sind, ist die Abschaffung der «Husi» eine Entlastung.

Konzentriert bei der Sache:  Primarschüler während der «Lernzeit» in der Primarschule Kuonimatt in Kriens LU
Konzentriert bei der Sache: Primarschüler während der «Lernzeit» in der Primarschule Kuonimatt in Kriens LU

Drittklässlerin Coleen (9) sagt: «Meine Eltern haben nicht immer so viel Zeit, mir zu helfen. In der Lernzeit sieht die Lehrerin, was ich gut kann, und ich kann Fragen stellen.» Auch Janno (9) ist froh über die Abschaffung der Hausaufgaben: «Mit den ‹Husi› hatte ich zu Hause früher immer Stress, weil meine Freunde schon klingelten, wenn ich noch nicht fertig war.»

Als man den Entscheid kommuniziert habe, seien die Rückmeldungen weitgehend positiv gewesen, so Buholzer. Für viele Familien falle ein belastendes Element weg. In der Tat sind die «Ufzgi» ein Reizthema in vielen Haushalten. Das Magazin «Der Spiegel» schrieb einst sogar von «Hausfriedensbruch».

An den ‹Husi› hat mich vor allem gestresst, dass man morgens in der Schule immer etwas abgeben musste.

Josephine (9)

Thomas Kirchschläger (44) hat vier Kinder an der Krienser Schule und steht der Abschaffung der Hausaufgaben positiv gegenüber: «Wir Eltern sind zwar mit einem anderen System aufgewachsen, aber wir müssen jetzt Vertrauen haben. Schliesslich ist die Schule nicht für die Eltern da, sondern für die Kinder.» Dass sich viele Eltern gar nicht so sehr an den Hausaufgaben stören, zeigt das Beispiel des Kantons Schwyz: Dort beschloss man bereits 1993, die Hausaufgaben abzuschaffen. Vier Jahre später wurde der Versuch beendet auf Druck der Eltern.

Eltern lernen loszulassen

Studien zeigen, dass 90 Prozent der Eltern ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen. Sie sind
für viele Eltern ein Fenster zur Schule und verraten ihnen, wo ihr Kind steht. Das sei durch das neue System nicht leichter geworden, meint die vierfache Mutter Claudia Kägi (39): «Manchmal erzählen die Kinder nichts, wenn ich nicht nachfrage.» Der Krienser Volksschule ist es wichtig, so viel Transparenz wie möglich zu schaffen. Dafür gibt es verschiedene Instrumente: Das eingangs erwähnte «Ich-Heft» etwa, wo Lernziele und individuelle Übungen festgehalten werden. Andere Lehrpersonen setzen auf «Schultaschentage», an denen die Kinder ihre Sachen zu Hause vorzeigen. Die Kontrolle an die Lehrperson abzugeben, fällt nicht allen leicht. Mutter Cornelia Holdener (42) gibt zu: «Vielleicht muss ich noch lernen, mehr loszulassen.» Es brauche eben viel Vertrauen in die Lehrperson, in ihre Fähigkeit, das Kind richtig einzuschätzen und sich bei den Eltern zu melden, wenn etwas ist.

Nach 30 Minuten Lernzeit klingelt der Wecker:  Die Freizeit beginnt.
Nach 30 Minuten Lernzeit klingelt der Wecker: Die Freizeit beginnt.

Lisbeth Arioli (49), Lehrerin im Kuonimatt, betont, dass ihr der Austausch mit den Eltern wichtig sei. Deshalb gibt es das Prinzip der «offenen Schultüren»: Die Eltern können jederzeit vorbeikommen. Vom neuen System des selbstbestimmten Lernens erhofft sich Arioli, dass ein neues Denken einsetzt. «Wir machen uns viel mehr Gedanken, wie wir die Kinder zum selbständigen Arbeiten anleiten können.» Das schätzt auch Mutter Claudia Kägi: «Aus dem Hierarchischen, das wir aus unserer Schulzeit kennen, ist ein Miteinander geworden.»

Zuhause üben muss dennoch sein

Die Abschaffung der Hausaufgaben bedeutet keinesfalls, dass die Kinder daheim nicht mehr üben müssen. Sobald Prüfungen anstehen, müssen die Kinder den Stoff selbständig vertiefen und repetieren. Viele machen das freiwillig und gern. Zweitklässlerin Leandra (8) etwa ist nach der Schule nicht untätig: «Für meinen Lesepass lese ich meinen Eltern zu Hause immer laut vor», erzählt sie stolz. Auch Thomas Kirchschlägers Kinder müssen weiterhin für Prüfungen büffeln. «Trotzdem hat meine Tochter nun mehr Zeit für Familie, Spielen im Quartier und ihre Hobbys.»

Markus Buholzer, Rektor der Volksschule Kriens LU

«Das Kind soll selbst merken, wo es vertiefen muss»

Markus Buholzer (54), Rektor der Volksschule Kriens LU
Mario Andreotti, Dozent für Neuere deutsche Literatur

Absolute Chancengleichheit gibt es nicht.

Mario Andreotti (71), Dozent


Mario Andreotti, Sie setzen sich für Hausaufgaben ein. Warum?
Weil es im Grunde keine Alternative dazu gibt. Schafft man sie ab, muss man sie durch Lernzeiten kompensieren, dann gibt es deutlich mehr Schulunterricht. Hausaufgaben haben eine lange Tradition, sie gehören für ­Eltern, Lehrkräfte und Politiker zur Schule wie das Amen zur Kirche.

Welchen pädagogischen Wert haben Hausaufgaben?
Sie schulen Selbstdisziplin, Pflichtbewusstsein, Durchhaltevermögen, Zeitmanagement, selbständiges Arbeiten – alles Qualitäten, die später in Ausbildung und Beruf gerade im digitalen Zeitalter sehr wichtig sind.

Aber sind Kinder nicht schon gestresst genug?
Das ewige Jammern über die angeblich so gestressten Schüler ärgert mich etwas. Wenn sich Schüler heute gestresster fühlen, hängt das nicht primär mit der Schule zusammen, sondern mit dem häufig vollen Terminkalender. Auch der Handystress wird unterschätzt. Der Stress, der auf den Kindern lastet, wird dann der Schule in die Schuhe geschoben. Also soll sie zur «Wohlfühloase» werden.

Was ist mit dem Argument der Chancengleichheit?
Das mag einleuchtend klingen, aber nur auf den ersten Blick. Eltern, die ihren Kindern schulische Hilfe bieten wollen, machen dies auch ohne Hausaufgaben. Absolute Chancengleichheit in der Bildung gibt es schlicht und einfach nicht.

Es gibt auch viele sinnlose Hausaufgaben.
Hausaufgaben müssen sinnvoll sein, sonst schaffen wir sie in der Tat lieber ab. Vorbereitende Aufgaben mit einem Bezug zur Lebenswelt der Kinder sind vorzuziehen. Werden Masse in Mathematik eingeführt, können Schüler zum Beispiel ihr Spielzimmer ausmessen. Wichtig: Hausaufgaben sollten nicht nur korrigiert zurückgegeben, sondern in den Unterricht integriert werden.

Wie viel Hausaufgabensind angemessen?
Die Faustregel lautet: pro Schuljahr zehn Minuten täglich. Für einen Viertklässler also 40 Minuten pro Tag.

Mario Andreotti ist Dozent für Neuere deutsche Literatur und Buchautor

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