10. November 2017

FOMO oder die Angst, etwas zu verpassen

Dank Smartphone sind wir über alles informiert. Trotzdem haben manche Menschen Angst, etwas zu verpassen. Fomo («fear of missing out») gilt als erste Krankheit des Social-Media-Zeitalters.

Frau am Handy
Unter der Angst, etwas zu verpassen, auch FOMO genannt, leiden vor allem Jugendliche. (Bild: Getty Images)
Lesezeit 4 Minuten

Das Smartphone ist uns in der Regel ein guter Freund. Doch es kann schnell zum Feind mutieren – etwa, wenn wieder mal via Social Media Vorschläge für ­Veranstaltungen, Kinopremieren und Konzerte reinschneien und über Whatsapp eine Einladung zur Wohnungseinweihungsparty und eine zum Weekendtrip. Und das alles findet gleichzeitig statt. Spätestens dann macht sich die Angst breit, etwas zu verpassen, auch Fomo («fear of missing out») genannt.

Leidest du unter FOMO (der Angst, etwas zu verpassen)?

Es gibt diese Angst auch analog, also ohne Smartphone, aber besonders verbreitet ist sie bei hedonistischen Menschen, die aktiv Social Media nutzen, sagt Autor Philippe Wampfler (siehe Interview rechts). Nachdem man sich für eine Option entschieden hat, wird einem auf Instagram und Facebook erneut vor Augen geführt, was man dadurch nun alles verpasst.

Das mache es praktisch unmöglich, mit der eigenen Wahl zufrieden zu sein und den Moment zu geniessen. «Diese ständige Wahl aus unzähligen Optionen kann dazu führen, dass wir uns gar nicht mehr festlegen wollen, nicht mal bei der Partnerwahl», sagt Philippe Wampfler.

Er empfiehlt, sich selbst zu beobachten und Routinen zu ändern, wenn man unter dem Einfluss von Social Media leidet. Ganz darauf zu verzichten, käme für ihn aber nicht infrage.

Nicht so Jonathan: Der Berufshacker aus Berlin erklärt im Interview , warum er zum Privatsphäre-Extremisten wurde und Social-Media-Plattformen konsequent meidet.

Philippe Wampfler (40) ist Autor, Lehrer und Dozent für Fachdidaktik Deutsch an der Universität Zürich. (Bild zVg)

Die sozialen Medien wirken nur verstärkend, zuerst gibts immer eine grundlegende Unzufriedenheit

Die Angst, etwas zu verpassen, ist nicht neu. Warum taucht der Begriff «Fomo» («fear of missing out») jetzt auf?

In der Netzkultur gibt es viele solcher bestätigenden Begriffe. Social Media machen einem verstärkt bewusst, dass man diese Angst kennt. Mit Fomo gibt es nun einen Begriff dafür, und man erkennt sich wieder.

Wird da nicht aus einer Mücke ein Elefant gemacht?

Klar. Man muss aufpassen, dass man nicht alles pathologisiert. Ansätze dieser Angst gab es schon immer. Und es gehört auch zu unserer Gesellschaft, dass wir vergleichen und dazu gehören wollen. Aber es gibt auch Menschen, die zwanghaft oder krankhaft darunter leiden. Dann wird es zum ernsthaften Problem.

Warum?

Weil diese Angst zu diagnostizierbaren Krankheiten führen kann: Depressionen oder Neurosen. Aber Fomo ist nie der Auslöser. Die sozialen Medien wirken nur verstärkend, zuerst gibts immer eine grundlegende Unzufriedenheit.

Leidest du unter FOMO (der Angst, etwas zu verpassen)?

Ist Fomo auch eine Art Neid?

Studien zeigen, dass Menschen, die mit ihrer Lebenssituation unzufrieden sind, viel stärker unter Fomo leiden. Diese Menschen sagen sich, dass es allen anderen viel besser geht. Beim ständigen Vergleichen kann Neid schon eine Rolle spielen.

Wer leidet sonst noch unter Fomo?

Es sind eher jüngere Menschen, gerade weil sie im sozialen Gefüge noch weniger verankert sind. Und Männer trifft es etwas häufiger. Es sind vor allem aktive Social-Media-Nutzer betroffen, denn dies verstärkt Fomo.

Es geht nicht primär darum, die Social-Media-Nutzung zu ändern, sondern zu ergründen, warum man unzufrieden ist.

Ein Teufelskreis?

Genau das hat eine Studie auch bestätigt. Wenn man stark unter Fomo leidet, das Gefühl hat, man sei nicht integriert im Leben, dann rate ich zum Gespräch mit einem Psychologen. Dabei geht es nicht primär darum, die Social-Media-Nutzung zu ändern, sondern zu ergründen, warum man unzufrieden ist. Eine abgeschwächte Alternative ist Digital Detox, wenn man also für eine Weile auf das Handy verzichtet.

Nimmt Fomo in der Vorweihnachtszeit zu?

Es gibt bestimmt Menschen, die während der dunklen Wintertage unzufrieden sind. Eher aber ist die Ferienzeit ein Auslöser, weil die idyllischen Ferienbilder gern auf Social Media geteilt werden.

Kann es eine Taktik sein, selbst viel zu posten, damit die anderen sehen, dass man auch etwas unternimmt?

Viele Junge posten vor allem, um Feedback und Bestätigung zu erhalten – sie leiden nicht an Fomo, sondern erfüllen sich ein Grundbedürfnis. Auch die 45- bis 50-Jährigen, die Social Media entdecken und von jeder Wanderung fünf Bilder posten, leiden nicht an Fomo. Sie haben einfach noch nicht ganz verstanden, wie man mit dem Netzwerk richtig umgeht.

Gibt es eine Möglichkeit, Fomo zu verhindern?

In einem ersten Schritt gilt es zu erkennen, dass da etwas ist, das einem nicht guttut. Um dies herauszufinden, gibt es Online-Fragebögen . Eine Studie hat gezeigt, dass es junge Menschen gibt, die nach der Nutzung von Instagram schlechter gelaunt sind als vorher. Ist dies der Fall, sollte man Instagram ersetzen, zum Beispiel mit Kaffeetrinken mit einer Freundin. Die Routine zu ändern, ist sicher ein guter Weg.

Leiden Sie selbst auch unter Fomo?

Selten. Aber es taucht ab und zu mal auf, zum Beispiel wenn ich eine Sitzung habe und nicht am Lehrerfussball teilnehmen kann. Aber so geht es allen, die Pflichten haben und etwas anderem nicht nachgehen können.

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