25. September 2018

Die adlige Netzwerkerin

Marina de Senarclens entstammt einem Adelsgeschlecht mit über 800-jähriger Geschichte – und Verbindung zum britischen Königshaus. Wichtiger ist ihr aber der unternehmerische Geist.

Marina de Senarclens in ihrer Wohnung
Marina de Senarclens in ihrer Wohnung am Zürichberg, in der sie gern Gäste empfängt. (Bild: Gerber Loesch)
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Ein unscheinbarer Ring mit einem bläulichen Siegel verrät ihre Herkunft: Marina de Senarclens (72) trägt ihn am kleinen Finger der rechten Hand. Die zierliche Frau lebt in einer geräumigen Wohnung am Zürichberg – zusammen mit Maxli. Den jungen Kater habe sie von Nachbarn übernommen, erklärt sie mit einem rollendem R, das das Frankophone schnell verrät.

Marina de Senarcles
Marina de Senarclens, Nachfahrin der Adelsfamilie Senarclens, lebt in einer Wohnung am Zürichberg. (Bild: Gerber Loesch)

Tatsächlich stammt ihr adliger Name aus dem kleinen Dorf Senarclens bei Morges VD. «Urahne August Ludwig Senarclens de Grancy war zu Beginn des 19. Jahrhunderts Oberstallmeister im Dienst von Grossherzog Ludwig II. von Hessen-Darmstadt. Verheiratet war Ludwig mit Wilhelmine von Baden», steht im Buch «Adel in der Schweiz». Ein Sohn dieser waadtländisch-badischen Liaison begründete das Haus Battenberg (Mountbatten), zu dessen Nachfahren auch der britische Thronfolger Prinz Charles gehört.

Indirekt mit Charles verwandt

Die Senarclens stammen aus Flandern und wurden erstmals 1070 historisch erwähnt. So steht es in der 450 Seiten starken Familienchronik «800 ans d’histoire de la famille de Senarclens et de sa branche de Grancy», geschrieben von einem Cousin ihres Vaters. Ihr Vater wuchs in Tschechien noch zur Zeit des kaiserlich-königlichen Reiches auf und wurde nach seinem Umzug in die Schweiz mehrfacher Schweizer Meister im Tennis. Die Mutter stammte aus der Romandie, weshalb zuhause in Zürich Französisch gesprochen wurde. Die Familienchronik liegt auf einem antiken Tisch im liebevoll, aber nicht prunkvoll eingerichteten Wohnzimmer.

Wenn man weit sucht, bestätigt Marina de Senarclens, sei sie indirekt mit Prinz Charles verwandt. «Wäre ich als Bub geboren, hätte man mich Charles Alexandre getauft.» Zu ihrem Vornamen kam sie, weil ihr Vater für die Prinzessin Marina von Kent schwärmte. «Ich liebe meinen Namen und möchte nicht anders heissen.» Auf dem Siegelring der Familie steht der Leitspruch «sans décliner» oder frei übersetzt «sich nicht unterkriegen lassen». Sie erzählt, wie oft ihr dieser Satz beruflich und privat geholfen habe, und irgendwann wurde der Leitspruch für sie zu einer Art Verpflichtung.

Schloss Vufflens
Schloss Vufflens im Waadtland war bis ins 19. Jahrhundert im Besitz der Familie Senarclens. (Bild: Gerber Loesch)

Obwohl sie die beste Matura absolvierte, studierte sie nicht und arbeitete zuerst in Genf, dann ein halbes Jahr in Frankreich in einem Hotel sowie ein Jahr in England. Dort besuchts sie die Sprachschule und finanzierte sich ihren Aufenthalt mit dem Verkauf von Theater- und Konzertkarten.

Es folgte ein Jahr in Rom, wo sie als erste Ausländerin von der Compania Italiana del Turismo, der staatlichen Tourismusagentur, angestellt wurde. Sie betreute Ausflüge in die Toskana, nach Norditalien und nach Neapel. Zurück in der Schweiz, wurde sie Assistentin am Gottlieb-Duttweiler-Institut. Und nach einem Engagement bei der damaligen Bankgesellschaft und zwei Jahren bei der damals weltweit grössten Werbeagentur wagte sie Anfang 1983 mit 37 Jahren die Gründung ihrer eigenen Agentur für Kommunikation.

«Ich habe so viel Zeit und Energie in meine Aktivitäten investiert, dass ich keine Zeit für eine Familie hatte. Und meine Firma ist auch heute noch ein wenig meine Familie», sagt Marina de Senarclens. Teil einer altadligen Geschichte zu sein, heisse Verantwortung zu tragen. Der Name sei Verpflichtung, und sie wollte etwas erreichen. Ohne etwas Ehrgeiz komme man zu nichts. «Ich wollte mich meiner Familie würdig erweisen.» Lachend stellt sie fest, dass sich ihr Name in der ersten Phase ihrer Selbständigkeit eher als Hindernis denn als Vorteil erwies, da er immer wieder buchstabiert und erklärt werden musste.

Nur nicht in die Politik

Damals wie heute setzt sie sich mit ihrem grossen Beziehungsnetz für Projekte ein wie «IngCH Engineers Shape our Future», ein von ihr gegründeter Verband, der seit 1987 den Ingenieurnachwuchs fördert. 1984 verfasste sie das Sachbuch «Software Szene Schweiz», das den zunehmenden Einfluss der IT in allen Branchen und Lebensbereichen thematisierte. Unternehmerin, Förderin, Visionärin: Nur eine gute Politikerin wäre sie nie geworden, sagt sie selbstkritisch. «Ich bin viel zu direkt und verliere selten Zeit für Kompromisse.»

2007 erhielt sie als zweite Frau in der Geschichte der ETH Zürich den Titel «Ehrenrätin» – als Dank für ihr Engagement in der Nachwuchsförderung von Ingenieurinnen und Ingenieuren sowie und Naturwissenschaftlern. Mitte 2016 ist sie als Verwaltungsratspräsidentin von Senarclens, Leu + Partner AG zurückgetreten. Doch als Ehrenpräsidentin und Aktionärin ist sie weiterhin mit der Firma verbunden.

Heute nimmt sie sich mehr Zeit für ihre Hobbys und reist besonders gerne nach Italien, zu den Anfängen ihrer Berufskarriere. Manchmal wird sie von ihren Neffen und Nichten begleitet. Die Grande Dame vom Zürichberg findet endlich Zeit zur Lektüre und der Pflege ihres Gartens. Sie ist eine begeisterte Gastgeberin für Freunde und spannende Persönlichkeiten und kümmert sich liebevoll um ihren Maxli.

Einfach so zur Ruhe setzen kann sie sich allerdings nicht. Bei der Stiftung Swisscontact, die sich für Wirtschafsentwicklung und Berufsbildung in den Zielländern einsetzt, sitzt sie etwa im Stiftungsratsausschuss. Für das Forum Verantwortung für die Entsorgung radioaktiver Abfälle – um nur ein weiteres Beispiel zu nennen – organisiert sie als Vorstandsmitglied Weiterbildungskurse für Dozenten. Ihren Leitspruch «sich nicht unterkriegen lassen», wendet sie bestimmt auch dort an.

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