24. September 2012

Die 30 wichtigsten Fragen zum Herz

In der Schweiz sind jährlich 30'000 Menschen von einem akuten Herzproblem betroffen. Der Infarkt ist die häufigste Todesursache. Zum Welt-Herz-Tag am 29. September beantwortet Herzspezialist Thomas F. Lüscher die wichtigsten Fragen zu einem Thema, das jedem am Herzen liegen sollte.

Herz
Das Herz.

1. Der Volksmund nennt den Liebeskummer auch Herzschmerz. Kann eine verlorene Liebe «das Herz brechen»?

Liebeskummer ist sicher keine direkte Ursache für Herzprobleme. Ein junger, gesunder Mensch kommt darüber hinweg. Aber prinzipiell kann jede Art von Gefühlsregung ein Trigger, also ein Auslöser, für einen Herzinfarkt sein. Emotionale Belastung lässt den Blutdruck steigen, das Herz schlägt schneller, der Körper steht unter Stress.

2. Wie gefährlich ist Dauerstress fürs Herz?

Sein Einfluss auf koronare Erkrankungen wird oft überschätzt, weil nicht alle Menschen Stress gleich erleben. Viele brauchen ihn sogar als Kick. Fühlt sich jemand allerdings über einen langen Zeitraum überfordert, kann das dem Herzen schaden. Prinzipiell spielen jedoch Faktoren wie Rauchen, Übergewicht, Veranlagung oder Bewegungsmangel eine grössere Rolle.

3. Wie geht man mit permanentem Stress um?

Jeder muss seine persönliche Strategie finden. Er kann beispielsweise seine Ansprüche an sich selbst kritisch überdenken, manchen helfen auch Entspannungsübungen. Körperliche Bewegung mildert Stress ebenfalls und schützt letztlich vor Herzerkrankungen.

4. Warum haben dann Sportler ein doppelt so hohes Risiko, plötzlich zu sterben, als Nichtsportler?

Körperliche Bewegung kann ein Auslöser für einen Infarkt sein, weil beim Sport der Blutfluss, den das Herz pumpen muss, massiv ansteigt. Ab einem Alter von 35 bis 40 Jahren steigt das Risiko. Vor allem bei Untrainierten senkt aber Sport insgesamt das Infarktrisiko.

5. Spielt die Sportart eine Rolle?

Ja. Bei wettbewerbsorientierten Sportarten ist die Gefahr des plötzlichen Herztods viermal höher ist als bei anderen Sportarten.

6. Was ist, wenn sich jemand nach jahrelanger Untätigkeit endlich aufrafft, Sport zu treiben?

Das ist absolut begrüssenswert. Denn faul herumzuliegen, ist Gift fürs Herz. Wer sich bewegt, lebt länger. Ein Problem ist, dass gerade ältere Wiedereinsteiger, vor allem Männer, viel zu schnell Höchstleistungen erbringen wollen. Wer normal belastbar ist und normal trainiert, muss sich jedoch keine Sorgen machen — im Gegenteil, er schützt sich so vor einem Herzinfarkt.

7. Welches ist die fürs Herz optimale Trainingsdosis für Normalbürger?

Die optimale Trainingsdosis hängt stark von der Person ab. Doch ein gutes Mass ist, sich an mindestens fünf Tagen pro Woche während 30 Minuten zu bewegen. Ideal fürs Herz ist auch die Spontanbewegung im Alltag: statt den Lift die Treppe zu nehmen oder kleinere Wege zu Fuss oder mit dem Velo und nicht mit dem Auto zurückzulegen. Menschen über 50, die mit Sport anfangen möchten, sollten vorher unbedingt ein EKG machen sowie Cholesterinwert, Diabetes und Blutdruck checken lassen.

8. Wie erkennt ein Freizeitsportler, dass er sich zu viel zumutet?

Wenn sich die Leistung trotz regelmässigen Trainings nicht verbessert, wenn die Pulswerte nicht sinken oder man sich ständig schlapp fühlt.

9. Warum muss man nach einer Grippe mit dem Training pausieren?

Nach fieberhaften Infekten kann eine Herzmuskelentzündung auftreten. Belastet man den Körper zu früh, besteht das Risiko von tödlichen Herzrhythmusstörungen — wie es bei einer Teilnehmerin am Zürcher Marathon 2010 vorgekommen ist.

10. Was versteht man unter einem Sportherz?

Das betrifft hauptsächlich Ausdauersportler. Wie alle Muskeln wird auch das Herz durch intensives körper- liches Training grösser, das ist normal und eigentlich kein Problem. Im Zweifelsfall sollten Menschen, die viel Sport treiben, aber einen Kardiologen aufsuchen.

Thomas F. Lüscher
Thomas F. Lüscher, ist Klinikdirektor der Kardiologie am Unispital Zürich.

11. Was hat Herzstechen zu bedeuten?

Das hängt davon ab, wann die Schmerzen auftreten. Nach körperlicher Belastung oder in Ruhe? Im letzteren Fall haben die Schmerzen vielleicht muskuläre Ursachen. Bei Herzstechen nach dem Sport kann eine mangelhafte Versorgung des Herzes mit Sauerstoff die Ursache sein. Meist ist es dann aber eher ein Würgen oder Brennen und strahlt in den linken Arm aus. Um Gewissheit zu haben, sollte man einen Facharzt konsultieren.

12. Kinder toben oft bis zur Erschöpfung. Muss man sich um ihr Herz Sorgen machen?

Sofern sie keine Vorerkrankung haben — nein.

13. Warum nehmen Herzprobleme mit dem Alter zu?

Wie alle anderen Muskeln wird auch das Herz zunehmend steif und starr. Es kann nicht mehr angemessen pumpen beziehungsweise sich nicht mehr richtig entspannen. Typische Symptome für eine nachlassende Pumpfunktion sind Kurzatmigkeit und ein starkes Nachlassen der Leistungsfähigkeit. Auch Gefässverkalkung oder Arteriosklerose sind typische Alterserkrankungen.

14. Warum verursachen Herzprobleme oft dicke Füsse und Beine?

Herzschwäche geht häufig mit dem Nachlassen der Nierenfunktion einher. Die Nieren werden im Alter schwächer. Ab 70 Jahren ist die Funktion der Nieren bei fast allen Menschen eingeschränkt. Die Nieren verarbeiten das Salz aus der Nahrung nicht mehr richtig, dieses bindet Wasser, das sich nun an Knöcheln und Schienbeinen ablagert.

15. Soll man bei Nierenschwäche viel trinken?

Arbeitet die Niere wegen einer nachlassenden Pumpfunktion des Herzens nicht richtig, ist das kontraproduktiv. In diesem Fall verordnet der Arzt ein wassertreibendes Medikament.

16. Wie gefährlich ist Schwindel?

Schwindel kann verschiedene Ursachen haben: tiefen Blutdruck, ein Klappen- leiden, eine Herzschwäche oder anderes. Je nachdem ist es gefährlich oder nicht.

17. Welche Rolle spielt Wetter bei Herzerkrankungen?

Bei Hitze kommt es zu weniger Herzinfarkten. Denn bei Kälte aktiviert der Organismus Stresshormone, das sieht man den Menschen auch äusserlich an: Sie werden blass.

18. Was bedeutet ein unregelmässiger Puls?

Das Herz ist keine Maschine. Über den Tag können Tausende kurzer Fehlschläge auftreten. Schlanke Frauen nach der Menopause sind besonders oft betroffen. Diese «Stolperer» sind meist harmlos. Anders ist es bei Menschen ab 60. Häufig leiden sie unter Vorhofflimmern: Der Vorhof zieht sich nicht mehr richtig zusammen, das Herz pocht über 100 Mal in der Minute — so stark, dass der Patient manchmal ein Herzrasen oder Druck in der Brust fühlt. In diesem Fall droht die Gefahr eines Hirnschlags, gegen die man einen Blutverdünner nehmen sollte. Bei dauerhaft unregel­mäs­sigem Puls von über 100 — er lässt sich leicht über die Ellenarterie fühlen — sollte man in jedem Fall zum Arzt.

19. Ein hoher Blutdruck ist schädlich fürs Herz. Wie kann man ihn senken?

Der Blutdruck wird auch durch Faktoren wie Alter und erbliche Veranlagung beeinflusst. Bei leichtem Bluthochdruck bringen Gewichtsabnahme und Ausdauersport Erfolge. Und man sollte in jedem Fall das Rauchen sein lassen. Viele Menschen müssen aber zusätzlich Medikamente nehmen.

20. Wie viel Alkohol verträgt das Herz?

Es gibt eine klare Nord-Süd-Statistik: In mediterranen Ländern, wo traditionell mehr Wein getrunken wird, ist der Herzinfarkt seltener. Ein massvoller Genuss — zwei bis drei Gläser am Tag — ist gut für die Gefässe. Anderseits treibt Alkohol den Blutdruck hoch. Bei Alkoholikern steigt das Risiko eines Hirnschlags deutlich. Und man sollte natürlich auch an die Leber denken.

21. Welches sind die Symptome für einen Herzinfarkt?

Ist der Hauptstamm verschlossen, wird man meistens ohnmächtig. Sind kleinere Gefässe verschlossen, tritt ein massiver Schmerz hinter dem Brustbein auf, der in den linken Arm ausstrahlt. Die betroffene Person ist totenbleich und schwitzt, oft kommt es zu Oberbauchschmerzen und starker Übelkeit.

22. Wie hoch ist das Sterblichkeitsrisiko bei einem Herzinfarkt?

Ein unbehandelter Herzinfarkt ist in 20 bis 30 Prozent der Fälle tödlich. Dank der Erfindung des Defibrillators und der akuten Katheterintervention mit Wiedereröffnung des verschlossenen Gefässes überleben aber heute etwa 95 Prozent der Betroffenen die ersten 30 Tage. Etwa zehn Prozent erleiden im ersten Jahr weitere Komplikationen.

Herz
So ist das menschliche Herz aufgebaut.

23. Wie arbeitet ein implantierter Defibrillator?

Er ist eine unterhalb des Schlüsselbeins implantierte Wiederbelebungsmaschine, quasi ein Super-Herzschrittmacher. Er nimmt permanent das EKG auf und erteilt bei Rhythmusstörungen Elektroschocks, sobald der Mensch bewusstlos geworden ist. Bei Patienten, die schon einmal einen Infarkt hatten und eine schlechte Herzfunktion haben, setzt man den Defibrillator prophylaktisch ein. Denn die Gefahr eines plötzlichen Herztods bleibt nach dem Infarkt bestehen.

24. Warum haben Männer häufiger einen Herzinfarkt als Frauen?

Diese Frage ist wissenschaftlich noch nicht geklärt. Eine Theorie besagt, Frauen seien bis zur Menopause durch die Östrogene geschützt. Allerdings gewährt eine Hormonersatztherapie nach den Wechseljahren keinen Schutz mehr.

25. Bei koronarer Herzkrankheit, also wenn die Herzgefässe zu eng sind, setzt man heute einen Stent oder Bypass ein. Was ist besser?

Der Stent ist ein Gefässgitter, das unter hohem Druck in ein verengtes Gefäss implantiert wird. Heute kann man das mit einer Kurzhospitalisation oder amublant machen. Der Vorteil: Die Prozedur ist für den Patienten weniger belastend. Stents werden dreimal häufiger gemacht als Bypässe, bei denen eine Umfahrung um das verengte Gefäss gelegt wird. Hier muss operiert werden. Die Faustregel: Sind alle drei Herzkranzgefässe betroffen, legen wir einen Bypass. Bei einem bis zwei stentieren wir. Auch bei Diabetikern ist der Bypass im Normalfall besser.

26. Wie lange hält ein Stent beziehungsweise ein Bypass?

Die Stents verengen heute selten, das heisst, bei weniger als zehn Prozent der Patienten passiert dies. Ein Bypass aus der Brustwand- arterie hält ewig, während Venenbypässe sehr häufig nach einigen Jahren verschliessen.

27. Was kann der Einzelne für sein Herz tun?

Die Statistik ist eindrücklich: Wer mit 50 Jahren — einer Art Wegscheide — nicht raucht, keinen zu hohen Blutdruck, keinen hohen Cholesterinwert und keinen Diabetes hat, kann darauf hoffen, noch 30 Jahre zu leben. Bei Menschen mit diesen Risikofaktoren hingegen werden zwei Drittel irgendwann an einer Herzstörung erkranken oder sterben. Spätestens ab 50 sollte man deshalb alle zwei bis drei Jahre Blutzucker-, Blutdruck- und Cholesterinwerte messen lassen.

28. Wie gefährlich ist Übergewicht?

Auch das ist ein Risikofaktor. Zwar ist es für die meisten Menschen sehr schwer, eingefahrene Essgewohnheiten abzulegen, aber man sollte mit seinem Körpergewicht unbedingt im grünen Bereich bleiben.

29. Gibt es eine Herzdiät?

Grundsätzlich ist alles gut, was wenig Kalorien hat und den Magen füllt: Reis, Haferprodukte, Pasta.

30. Thema Salz: Laut einer neuen Studie soll auch zu wenig Salz in der Nahrung das Risiko für Herzerkrankungen ansteigen lassen. Was ist davon zu halten?

Die Schweizer konsumieren sehr viel Salz: 9 Gramm pro Tag. Ob ein derartiger Salzkonsum dem Herzen schadet, ist allerdings umstritten, aus-ser bei Patienten mit Herzschwäche und Nierenleiden.

Text: Christiane Binder

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