30. August 2018

Diagnose Schwerhörigkeit

Wie lernt man, mit einem Hörverlust umzugehen, der an Ertaubung grenzt? Silvan Widler ist seit Geburt schwerhörig und will in Zukunft mehr Zeit in der Natur verbringen, wo sein Handicap keine Rolle spielt.

Schwerhörig: Silvan Widler
Tankt in der Stille der Natur die Kraft, die er im lauten Alltag braucht: Silvan Widler liebt Wandern, Biken und Fotografieren.
Lesezeit 3 Minuten

Silvan Widler ist erschöpft. Der 31-Jährige kommt von einem Termin an der Universitätsklinik Zürich, wo er sich über die Vor- und Nachteile einer Hörprothese informieren liess. «Die Ärztin hat mir erklärt, dass man damit das Hören und Sprechen von Grund auf neu erlernen muss. Das ist aufwendig und belastend», sagt Widler. «Diese Energie kann ich zurzeit nicht aufbringen. Deshalb warte ich noch zu.»

Silvan Widler hat gelernt, Nein zu sagen und sich zurückzuziehen, wenn ihm etwas zu anstrengend wird. Zum Beispiel in die Natur: «Beim Fotografieren, Wandern oder Biken spielt mein Handicap keine Rolle. Und das ist sehr entspannend.» Und auch sonst schalte er die Hörgeräte nur noch ein, wenn er sie wirklich brauche. «Ansonsten geniesse ich die Stille um mich herum.» Bis vor zwei Jahren hat Widler versucht, mit den Guthörenden mitzuhalten. «Mit dem Ergebnis, dass ich zusammengebrochen bin, körperlich und seelisch.» Der Nervenzusammenbruch und der stationäre Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik haben dazu geführt, dass der gebürtige Aargauer vermehrt innehält und versucht, seine Bedürfnisse dem sozialen Umfeld kundzutun.

«Wenn meine inneren Alarmglocken läuten, reagiere ich sofort», sagt Widler. Aus diesem Grund hat er auch gewünscht, grosse Teile dieses Gesprächs schriftlich zu führen. «Unterhaltungen zehren ungemein an mir.»

Der Wahlzürcher leidet an einer Schwerhörigkeit, die an Ertaubung grenzt. Seine Hörschwelle liegt je nach Frequenz zwischen 80 und 100 Dezibel (siehe Box unten). Ohne hochsensible Hörgeräte würde Silvan Widler gar nichts hören. «Doch selbst mit Hörgeräten habe ich noch einen Hörverlust zwischen 20 und 40 Dezibel. Das ist immer noch viel.»

Seine angeborene Schwerhörigkeit wurde erst im Kindergarten bemerkt. «Als Kind erlebte ich mein körperliches Defizit nicht als Handicap. Erst mit dem Eintritt in die Oberstufe begann es, mich zu stören. In lärmigen Gruppen verstand ich nichts und war sozial isoliert. Ich hätte mir mehr Verständnis für meine Situation erhofft. Doch als das nicht kam, zog ich mich zurück und wurde zum Einzelgänger», resümiert er. Trotz der widrigen Umstände konnte er das Gymnasium ohne grössere Probleme absolvieren und anschliessend Geografie  an der Universität Zürich studieren. 

Den Austausch mit anderen suchen 

Heute arbeitet der Geograf in einem 50-Prozent-Pensum bei einem Energieunternehmen in der Ostschweiz. Dort ist er für die Netzdokumentation und -kontrolle zuständig und kann viele Arbeiten per Mail erledigen. «An Sitzungen muss ich nicht teilnehmen», so Widler. «Ich bin dankbar, dass ich einen Arbeitgeber gefunden habe, der auf meine speziellen Bedürfnisse Rücksicht nimmt.»

Silvan Widler weiss, dass der Hörverlust ihn ein Leben lang begleiten wird und das Thema Hörprothese nicht vom Tisch ist. «Ich möchte mich in Zukunft mehr mit anderen Betroffenen austauschen.» Die Zeit bis zum Einsetzen einer Hörprothese will er nutzen, um aufzuzeigen, dass man auch anders kommunizieren kann. Zum Beispiel mit der Gebärdensprache, die er gerade erlernt. «Eine grosse Herausforderung für mich.»

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