26. Juni 2017

Der «Winnetou»-Komponist über lebenslange Freundschaften

Die charakteristische Musik der Winnetou-Filme komponierte Martin Böttcher, der lange im Tessin gewohnt hat und kürzlich 90 Jahre alt geworden ist. Er hat bis heute kein einziges Karl-May-Buch gelesen, war aber ein enger Freund von Pierre Brice und Lex Barker.

Komponist Martin Böttcher
Der Komponist Martin Böttcher schrieb die Musik zu den Winnetou-Filmen aus den 60er-Jahren.
Lesezeit 4 Minuten

Martin Böttcher, wie kam es dazu, dass Sie für die Karl-May-Filme die Musik komponieren konnten – angefangen mit dem «Schatz im Silbersee» von 1962?
Mit dem Produzenten hatte ich zuvor schon zusammengearbeitet, und so wendete er sich an mich. Allerdings kannte ich die Geschichten überhaupt nicht und sagte ihm das auch. Worauf er fand, er schicke mir ein paar Muster, und ich solle mir was einfallen lassen. So lief das damals.

Sie kannten die Karl-May-Bücher gar nicht?
Nein, ich habe bis heute keins gelesen. Und das, obwohl mir Frank Elstner in seiner Sendung «Menschen heute» mal «Schatz im Silbersee» geschenkt hatte und fand, ich soll das lesen. Habe ich aber nur ein bisschen. Ich hatte einfach ganz andere Interessen, mich hat vor allem die Fliegerei begeistert.

Ahnten Sie 1962, dass aus den Filmen eine so grosse Sache werden würde und Sie so viele Aufträge bekämen?
Überhaupt nicht. Der Cutter im Schneideraum von «Schatz im Silbersee» meinte sogar, er glaube nicht, dass das mit diesem Film was werde. (lacht) Es war natürlich toll, dass dann so viele weitere Filme gedreht wurden. Hinzu kamen die tollen, aufwendigen Premieren, an denen ich die Stars kennenlernte.

Mochten Sie die Filme und die Winnetou-Geschichten denn überhaupt?
Absolut. Wenn ich im Fernsehen zufälligerweise mal wieder auf einen stosse, finde ich immer, die könnten auch heute gedreht sein, weil sie so modern daherkommen. Sie sind wirklich gut gealtert.

Die Filme könnten auch heute gedreht sein, weil sie so modern daherkommen.

Sie sagten mal, die charakteristischen Winnetou-Melodien seien ganz aus dem Bauch heraus gekommen.
Ja, ich habe diese tollen Filmbilder gesehen, die sofort Emotionen geweckt haben. Daraus entstand dann die Musik. Genauer lässt sich dieser Prozess nicht beschreiben. Es gibt kein klares Rezept, wenn man aus dem Bauch heraus schreibt.

Der Einstieg in den allerersten Winnetou-Film «Der Schatz im Silbersee» (1962), unterlegt mit Martin Böttchers Musik.

Liessen Ihnen Regisseur und Produzent alle Freiheiten, oder mischten sie sich ein?
Die mischten sich eigentlich nie ein. Ganz toll war die Zusammenarbeit mit Regisseur Harald Reinl. Wir sahen uns den Film jeweils zusammen an. Dann klopfte er mir auf die Schulter und fand, mach mal ne schöne Musik, Junge. Und am Schluss wollte er keine einzige Note ändern.

Auf alten Fotos sieht man Sie auch mit Lex Barker und Pierre Brice – wie eng war der Kontakt zu den Stars?
Eng, besonders zu Pierre. Mit ihm war ich 40 Jahre lang befreundet, ging auch 2015 zu seiner Beerdigung. Mit seiner Frau habe ich noch immer guten Kontakt. Auch Lex und ich kamen gut miteinander aus. Diese und andere Freundschaften entstanden aus den Begegnungen bei den Filmpremieren der 60er-Jahre und hielten ein Leben lang. Es entstanden für mich daraus auch weitere Kompositionsaufträge.

Sie haben ja noch zu vielen anderen Filmen und TV-Produktionen den Soundtrack geschrieben. Was braucht es, um als Filmmusikkomponist Erfolg zu haben?
Das kann man so allgemein nicht sagen. Es gibt ganz unterschiedliche Philosophien. Dass ich eine gute Managerin hatte, hat sicher geholfen. Sie kam ursprünglich aus Hollywood und war in der Branche sehr gut vernetzt.

Wie wichtig waren die Winnetou-Filme für Ihre Karriere?
Es gab zuvor schon noch andere Höhepunkte, etwa die Edgar-Wallace-Filme. Aber sie waren auf jeden Fall wichtig, das war eine sehr erfolgreiche Zeit.

Es gab schon zuvor Höhepunkte, etwa die Edgar-Wallace-Filme.

Nervt es Sie manchmal, auf Winnetou reduziert zu werden?
Überhaupt nicht, ich freue mich sogar, dass diese Verbindung noch immer gemacht wird.

Wie geht es Ihnen heute mit gleich 90 Jahren?
Eigentlich ganz gut, nur das Laufen ist schwieriger geworden, seit ich eine Hüftoperation hatte. Ich habe aber mein ganzes Leben lang Sport getrieben, das hat sicher geholfen. Das letzte Mal stand ich mit 78 auf Sardinien auf einem Surfbrett.

Sie haben Ihr halbes Leben im Tessin gewohnt. Weshalb sind Sie vor drei Jahren nach Deutschland zurückgegangen?
Meine Frau und ich hatten immer mehr Altersgebrechen. Unsere Tochter, die schon länger in Norddeutschland lebte, wurde Witwe und fand, wir sollten doch zu ihr ziehen, wo sie nun allein sei. Aber ich vermisse das schöne Wetter und die Landschaft im Tessin sehr. Und natürlich haben wir immer in der Migros eingekauft.

Komponieren Sie eigentlich immer noch?
Nein, das überlasse ich anderen. Wobei: Wenn jemand käme und sagen würde, er hätte nochmals gerne was von mir, würde ich das ohne zu zögern machen.

Martin Böttcher (rechts) mit Winnetou-Darsteller Pierre Brice
Martin Böttcher (rechts) mit Winnetou-Darsteller Pierre Brice.

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