22. April 2014

Der Weg zurück aus der Hölle

Als Kind ist Christina Krüsi in einer freikirchlichen Mission in Bolivien missbraucht worden. Jahrelang. Mit Disziplin und Malerei hat sie es geschafft, dies alles hinter sich zu lassen.

«Ich wusste: Ich will kein Opfer mehr sein»: Christina Krüsi.
«Ich wusste: Ich will kein Opfer mehr sein»: Christina Krüsi.

Entspannt blättert Christina Krüsi (45) durch eine abgegriffene Broschüre: «Jungle Gem 1978/79», ein Jahrbuch der bolivianischen Missionsstation, in der sie mit den Eltern und drei Geschwistern ihre Kindheit verbracht hat – den Fotos nach zu urteilen in einer Dschungelidylle mit fröhlich lachenden Kindern und gut gelaunten Erwachsenen. Doch die Bilder täuschen. «Er hier war einer der Täter», sagt sie und zeigt auf einen Mann mittleren Alters mit Bauchansatz und Schnauz. Sie blättert weiter. «Er auch. Und sie kam ganz besonders schlimm dran.» Ein kleines Mädchen, keine zehn Jahre alt, blond, so weit das auf den Schwarz-Weiss-Fotos zu erkennen ist.

Es hat viele Jahre gedauert, bis Christina Krüsi in der Lage war, dieses Jahrbuch einfach so durchzublättern. Bis sie es ertragen hat, die Bilder der Täter anzuschauen. «Aber es gibt auch heute noch im Alltag Situationen, die Assoziationen auslösen und mir zu schaffen machen.» Jahrelang hätte sie beim Anblick eines Manns mit einem roten Bart jeweils sofort erbrechen können. Mittlerweile hat sie das einigermassen im Griff. «Je öfter mir rote Bärte begegnet sind, desto besser wurde es.»

Christina Krüsi ist vom sechsten bis zum elften Lebensjahr von fünf verschiedenen Männern regelmässig missbraucht worden. «Manchmal jede Woche, manchmal hatte ich ein paar Wochen Ruhe. Wir Kinder wurden vom einen zum anderen weitergereicht.» Bis heute weiss sie von 18 weiteren Opfern, etwas mehr Frauen als Männer.

Schauplatz jener höllischen Jahre war eine Missionsstation im Urwald des nördlichen Boliviens. Krüsis freikirchlich orientierte Eltern lebten dort, um im Namen der Organisation Wycliffe die Bibel zu übersetzen und auf diese Weise das Wort Gottes auch den Einheimischen zugänglich zu machen.

Krüsi mit ihrem zweiten Ehemann (links) und einem weiteren früheren Opfer.
Krüsi mit ihrem zweiten Ehemann (links) und einem weiteren früheren Opfer.

Für die Geburt ihrer zweitältesten Tochter Christina reisten sie 1968 kurz in die Schweiz, blieben jedoch noch bis 1979 in der Missionsstation. «Dann bot Wycliffe meinem Vater eine Stelle als Direktor in der Schweiz an, ausserdem wollten meine Eltern, dass wir hier in die Sekundarschule gehen», sagt Krüsi. «Das war meine Erlösung.»

Wenn sie heute über jene Jahre des Missbrauchs berichtet, tut sie das ohne zu zögern, mit klarer, fester Stimme und einer erstaunlichen Abgeklärtheit. Sie erzählt, wie alles begann in einer Halloween-Nacht, als sie sechs Jahre alt war. Wie ihr danach immer Zettel zugesteckt wurden, wann und wo sie sich einzufinden hatte für den nächsten Übergriff. Wie sie weitergereicht wurde, vom Schulleiter zum Techniker zum Lehrer.

Am liebsten war ihr einer, der sie immer erst mit Äther betäubte. «So bekam ich nicht mit, was er mit mir machte. Gespürt habe ich es natürlich danach, aber es half, nicht dabei sein zu müssen.» Sich zu wehren, kam nicht infrage. Die Täter drohten den Kindern mit dem Tod und redeten ihnen ein, sie machten das für den Herrgott. «Würden wir sie verraten, wären wir schuld, dass die Indianer in die Hölle kommen, erklärten sie uns. Denn wegen uns würden dann die Bibelübersetzungen verzögert oder gar gestoppt. Und wir wussten ja: Nur das Wort Gottes konnte die Indianer retten.» Trotzdem haben einige geredet, insbesondere die älteren Jungs. «Aber entweder glaubte man ihnen nicht, oder es führte zu nichts. Denn die Täter sassen im Camp an höchster Stelle und konnten immer alles vertuschen.»

Krüsis Eltern sagen, sie hätten nichts bemerkt. Obwohl es viele Signale gegeben hätte: Der kleinen Christina ging es schlecht, sie hatte Albträume, sie machte sich in die Hosen, mit zehn Jahren versuchte sie gar, sich im Fluss das Leben zu nehmen. «Aber erstens waren meine ­Eltern damals für dieses Thema grundsätzlich nicht sensibilisiert, und zweitens war es sowieso völlig undenkbar. Es waren schliesslich alles gute Christen.»

In religiösen Organisationen herrscht blindes Vertrauen

Mittlerweile vermutet sie nach vielen Gesprächen mit anderen Opfern sowie Einheimischen vor Ort, dass die Missionsstation und andere Teile von Wycliffe von einem Pädophilenring systematisch unterwandert worden waren. «Religiöse Organisationen sind für so etwas besonders anfällig», sagt sie im Hinblick auf vergleichbare Vorwürfe an die katholische Kirche. «Es sind geschlossene Gesellschaften, in denen sich Verbrecher hervorragend tarnen können, weil man einander bedingungslos vertraut und das Böse nur ausserhalb vermutet.»

Erschwerend hinzu komme der glaubensspezifische Umgang mit dem Thema: «Mir hat man gesagt, wenn ich den Tätern nicht vergebe, dann werde Gott auch mir nicht vergeben, dann komme ich in die Hölle.»

Krüsis Verdacht geht noch weiter: Sie und andere Kinder wurden eines Nachts Zeugen eines schockierenden Vorfalls im Dschungel, bei dem ein Baby geopfert und dessen Blut getrunken wurde. «Wäre ich die Einzige, die sich daran erinnert, hätte ich Zweifel, ob das nur ein Albtraum war, aber es gibt weitere Zeugen. Ich vermute heute, dass dies mehrmals vorgekommen ist und man damit ungewollte Mischlingsbabys beseitigt hat, die bei verbotenen sexuellen Kontakten zwischen weissen Missionaren und Einheimischen entstanden sind.»

Wycliffes Partnerorganisation SIL untersucht inzwischen den Mord. Den sexuellen Missbrauch an Christina Krüsi und den anderen hat die Kirche längst eingestanden. «Wir sind zutiefst betrübt über das, was ihr und ihrer ganzen Familie dadurch an Ungerechtigkeit und Leid widerfahren ist», sagt Hannes Wiesmann, Leiter von Wycliffe Schweiz. Krüsi anerkennt die Bemühungen des Schweizer Ablegers, solche Vorkommnisse künftig zu unterbinden. «Sie arbeiten mit der erstklassigen Kinderschutzorganisation Mira zusammen.»

Die Täter sind kaum mehr juristisch zu belangen

Juristisch ist die Situation schwierig: Es handelt sich um längst verjährte Übergriffe von Amerikanern an Europäern in Südamerika. Dass die Täter je zur Rechenschaft gezogen werden können, scheint also unwahrscheinlich. In Krüsis Fall sind drei der fünf ohnehin verstorben. «Die anderen beiden leben noch, einer war jahrelang als Lehrer tätig.»

Ein anderer, den sie vor Jahren schriftlich mit den Vorwürfen konfrontierte, reagierte allerdings umgehend. «Wir wohnten damals noch in Benken und hatten gerade Gäste – zum Glück.» Es tauchten da nämlich ganz überraschend zwei bullige Typen auf, die einfach ins Haus hereinmarschierten und nach einer Christina Krüsi fragten. Als sie sich zu erkennen gab, grüssten sie sie auf Englisch von jenem Täter. «Sie richteten mir von ihm aus, dass ich gefälligst ruhig sein soll. Sie wüssten, wo meine Kinder zur Schule gingen.»

Krüsi war schockiert. Aber sie schwieg nicht, sondern begleitete ihre beiden Söhne jeden Tag zur Schule und zog dann bald weg nach Winterthur, wo sie heute mit ihrem zweiten Ehemann lebt. Und letztes Jahr erzählte sie ihre Geschichte im Buch «Das Paradies war meine Hölle», das ein enormes Medienecho auslöste und zu einem Dokumentarfilm über Krüsis Leben führte, den das SRF diese Woche ausstrahlt.

Der Weg zu dieser Offenheit war jedoch steinig. «Ich habe es jahrelang verdrängt und geschwiegen – als Teenager hier in der Schweiz habe ich sogar an kirchlichen Seminaren teilgenommen und davon geschwärmt, wie toll es war, als Missionarskind im Urwald aufzuwachsen.» Damit sollten weitere Missionsfamilien gewonnen werden, was auch gelang. «Die Gehirnwäsche meiner christlichen Kindheit war bei mir sehr erfolgreich.» Und alles in allem funktionierte sie auch sonst ganz gut: Sie wurde erwachsen, heiratete, zog zwei Söhne gross, wurde Lehrerin und malte.

«Im Malen konnte ich schon früh ausdrücken, was ich mit Worten nicht schaffte.» Das ging so lange gut, bis sie 2002 beim Joggen einen Kollaps hatte und danach nicht mehr sprechen konnte. «Mein Körper zwang mich, mich den Ereignissen von damals zu stellen.» Und das tat Christina Krüsi dann auch – gemeinsam mit einer Freundin, die nach und nach all das Schreckliche aus ihr herausbrachte. Eine professionelle Therapie machte sie aber nur ganz kurz.

«Das erste Jahr war furchtbar. Ich weinte viel und musste meine Wut immer wieder herausschreien, ich hatte Albträume. Und ich wusste nicht, ob dieser Schmerz, dieser Ekel jemals weggehen würde.» Ganz weg wird er nie sein, das weiss sie heute. Aber nach fünf Jahren wurde es langsam besser. Seit zwei Jahren hat sie das Gefühl, alles ziemlich gut verdaut zu haben.

Krüsi therapierte sich selbst, mit viel Disziplin

«Seit dem Kollaps ist wohl kein Tag vergangen, an dem ich mich nicht mit den Missbräuchen auseinandergesetzt habe. Mit der Zeit habe ich ein System entwickelt.» Krüsi machte sich eine Art Stundenplan, mit dem sie es schaffte, die Verarbeitung auf eine bestimmte Zeit einzugrenzen. «Den Rest des Tages konnte ich dann einigermassen unbelastet leben und arbeiten.» Sie setzte sich regelmässig Ziele, die sie auf Zettel schrieb – und arbeitete daran, bis sie sie erreicht hatte. «Ich stellte mir vor, wie es sich anfühlen würde, so weit zu sein. Das verstärkte die Entschlossenheit, den Weg dorthin zu schaffen.»

Krüsis Selbsttherapie erforderte enorme Disziplin und Stärke – eine Kraft, die sie vor allem aus sich selbst schöpfte. «Ich bin grundsätzlich ein lebensfreudiger Mensch und mag die guten Seiten des Lebens, das hat sicher geholfen. Und ich weiss einfach auch: Ich will kein Opfer mehr sein. Ich will den Tätern diese Genugtuung nicht geben, ich will mein Leben zurück.»

Ihr war auch schon bald klar, dass sie die Ereignisse von damals nicht für sich behalten konnte. Dass sie ihren Teil dazu leisten wollte, künftige Missbräuche zu verhindern. «Das war mein Motiv für das Buch, für den Film, für all die Mediengespräche: Ich möchte, dass Schulen und religiöse Organisationen für diese Themen sensibilisiert werden, dass sie alles unternehmen, um Missbräuche an Kindern zu verunmöglichen.» Aus ihrer Sicht hat sich diesbezüglich einiges getan. Auch Freikirchen haben auf ihre Geschichte reagiert. «Ich erhielt extrem viele Reaktionen, Tausende Mails – von Opfern, die dankbar waren, dass endlich mal jemand redet, und von christlichen Organisationen, die zusicherten, Kinderschutzmassnahmen einzuführen.»

Aber sie erlebt auch, wie schwierig es für die Opfer ist, sich von einem solchen Missbrauch zu befreien. Mit gut der Hälfte ihrer Leidensgenossen aus Bolivien ist sie in Kontakt – niemandem geht es so gut wie ihr. «Einige können bis heute nicht darüber reden, viele haben keinen richtigen Job, sind von der Fürsorge abhängig.» Vielen fällt die Verarbeitung auch schwer, weil sie noch immer freikirchlich irgendwo eingebunden sind, eine Konfrontation erscheint ihnen deshalb wie ein Verrat am Glauben. Krüsi hingegen hat sich von dieser Welt in den 90er-Jahren gelöst und will nichts mehr mit ihr zu tun haben. «Ich kann keine Freikirche mehr betreten.» Sie glaubt zwar noch an Gott, aber Taten sind ihr wichtiger als Worte.

Zu den Eltern hat sie derzeit keinen Kontakt

Entsprechend distanziert ist heute das Verhältnis zu ihren Eltern – seit ihr Buch erschienen ist, hat sie zu ihnen keinen persönlichen Kontakt mehr. Sie sind noch immer in einer Freikirche und im Namen Gottes auf der Welt unterwegs. Und so entsetzt sie waren, als sie 2003 von ihrer Tochter erfuhren, was ihr widerfahren war, so sehr nehmen sie es ihr übel, dass sie damit an die Öffentlichkeit gegangen ist.

«Ich denke, sie schämen sich für das, was damals passiert ist, und es ist ihnen peinlich, dass das nun alle Welt weiss.» Aus ihrer Sicht wurde damit auch der Glaube schlecht gemacht. So geht heute ein Riss durch die Familie Krüsi: Zwei ihrer Geschwister halten eher zu den Eltern, zwei eher zu ihr, eine balanciert irgendwo dazwischen.

Christina Krüsi kann damit leben. Sie hat inzwischen ihr eigenes Unternehmen aufgebaut und ein Studium in Mediation und Konfliktmanagement abgeschlossen. Sie schreibt an einem zweiten Buch über die Verarbeitung von Traumata, geniesst ihre Malerei und führt eine glückliche Ehe. Die Täter von damals mögen ihr den Glauben genommen haben, ihre Kindheit und wohl auch einen Teil ihrer Familie, aber ihr Leben, das hat sie sich zurückgeholt.

Buch: Christina Krüsi, «Das Paradies war meine Hölle», Knaur, 2012, erhältlich bei Ex Libris.

Bild: Nathalie Bissig

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