10. September 2018

Der Wal im See

Bänz Friedli hat zu einer Lüge gegriffen. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Holzboot nit Holzfigürli
Unser Kolumnist sticht mit seiner Kolumne in See.

«Minghia!» Es war durch die ganze Wohnung zu hören. Dem Monteur, der bei uns unlängst einen neuen Kühlschrank installiert hat, war es nach einem Missgeschick herausgerutscht: «Minghia!» Ich werde den Ausdruck hier nicht übersetzen, aber wenn du dir ein primäres männliches Geschlechtsmerkmal vorstellst, liegst du nicht falsch. «Sie kommen aus Sizilien?», fragte ich unvermittelt, weil der wüste Schimpf sizilianischen Ursprungs ist. Darauf er: «Ma come fa a sapere?» Wie ich das nun erraten hätte? – «Weil Sie, ähm, so braun gebrannt sind», log ich. (Unsinn, warum sollte ein Sizilianer, der in Regensdorf lebt, brauner als andere sein?) Immer noch besser, als ihm zu eröffnen, ich hätte seinen Fluch sehr wohl verstanden – wie auch all die anderen «Mannaggia!», «Porca Puttana», «Ma vai a cagare!» und «Rompicoglioni», die er im Verlauf des Nachmittags ausgestossen hatte.

Was uns zur Frage bringt, ob man denn immer die Wahrheit sagen muss. Nehmen wir die Mutter, die sich diesen Sommer im Interregio aus Richtung Chur so überaus pädagogisch gab: «Das isch de Walesee», dozierte sie ihren Kindern auf Höhe Quarten. Darauf die Tochter, im Glitzershirt, etwa siebenjährig: «Hätts dänn da Wale?» Das Mami, besserwisserisch und ein bisschen humorlos: «Näi, Chloé, wo läbed d Wale?» Chloé zuckt mit den Schultern. «Im Meer?» – «Ebä. Und das isch käs Meer. Das isch en See.» Die Tochter, um eine Antwort nicht verlegen: «Aber am Schluss flüüsst er au is Meer.»

Chloé hat ihren kleinen Triumph genossen, dünkt mich. Und ich – ganz angestrengt vorgebend, ich sei in ein Buch vertieft und höre den beiden üüüberhaupt nicht zu – fragte mich, weshalb Eltern immer so belehrend sein müssen. Warum hat die Mutter die Frage, ob im Walensee Wale lebten, nicht einfach mit einem «Ouuh, du! Da müssten wir mal mit der Taucherbrille nachschauen gehen» beantwortet? Weil sie nicht wollte, dass sich die Tochter etwas auf lange Frist falsch einprägt? Weil ihr in diesem Moment die Verspieltheit abging, die nötige Portion Albernheit, um sich auf die kleine Chloé einzulassen? Oder weil sie will, dass Tochterherzchen immer alles ganz genau weiss und in der Schule brilliert? Keine Ahnung. Aber ich fands halt etwas schade, dass sie einfach die banale Wahrheit sagte.

Mir jedenfalls gefällt die Vorstellung, dass meine Mutter mal kantonalbernische Meisterin im Rettungsschwimmen war, noch immer. Ihre Lüge hat mich damals, als ich in einem Ruderboot weit vor der ligurischen Küste vor Angst sterben wollte, sehr getröstet.

Bänz Friedli und Thomas C. Breuer live: 11. und 12. September Bern, 13. September Buchs SG, 19. September Dübendorf ZH

Die Hörkolumne (MP3-Format)

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