14. Februar 2019

Der Verwandlungskünstler

Hollywoodstar Christian Bale ist in der oscarnominierten Filmbiografie «Vice» kaum wiederzuerkennen als US-Vizepräsident Dick Cheney. Der frühere Batman-Darsteller über seine bemerkenswerten Verwandlungen, die Abkehr von Blockbuster-Filmen und seinen ursprünglichen Widerwillen gegenüber der Schauspielerei.

Christian Bale
«Ich bin wohl gerne das Versuchskaninchen»: Christian Bale über seine Wandlungsfähigkeit als Schauspieler.

Christian Bale (45) ist seit über dreissig Jahren im Filmgeschäft. Interviews mochte er nie, was vielleicht auch mit seinem Wutausbruch bei den Dreharbeiten zu «Terminator Salvation» (2009) zu tun hat. Die Szene ist auch heute noch auf auf Youtube zu sehen. Als Choleriker kann man sich den zweifachen Familienvater heute aber kaum mehr vorstellen. Locker und lächelnd schlendert er zum Interview im Four Seasons Hotel in Beverly Hills, als könnte ihn nichts aus der Ruhe bringen.

Christian Bale, für «Vice» haben Sie sich in Dick Cheney verwandelt, George W. Bushs umstrittenen Vizepräsidenten. Was hat Sie an der Rolle gereizt?

Er war sicherlich der einflussreichste Vizepräsident, den die USA je hatten, und er ist nach wie vor relevant. Denn mit den Konsequenzen seiner Handlungen leben wir heute noch, hier und im Nahen Osten. Er hat die extreme politische Spaltung in den USA mitorchestriert. Als man mich anfragte, dachte ich schon: Ausgerechnet ich soll ihn spielen? Aber die Möglichkeit, im grossen Stil auf die Nase zu fallen, reizt mich immer.

Wie haben Sie sich dem Politiker angenähert, der am selben Tag Geburtstag hat wie Sie?

Ich habe Bücher von ihm und über ihn gelesen, und hier (klaubt sein Smartphone aus der Hosentasche) ist eine absurd grosse Zahl von Cheney-Videos drauf. Aber so was ist nur der Anfang. Es gibt Leute, die Cheney besser nachmachen können als ich, aber ich wollte tiefer gehen, ihn nicht nur imitieren. Und ich spiele gerne Personen aus dem wirklichen Leben – das ist befreiend. Bei erfundenen Figuren weiss ich nie recht, ob mein Ego ihnen nicht zu sehr in die Quere kommt, was ich natürlich vermeiden will. Wenn hingegen eine reale Person etwas Exzentrisches tut, dann ist das ja so.

Haben Sie Cheney getroffen?

Ich habe es versucht. Oder sagen wir es so: Ich stand in Kontakt mit einem seiner Freunde, der mir Fragen über Cheney beantwortete, weil ein Treffen geplant war. Cheney ist sehr gescheit und detailliert; ich wollte also für ein allfälliges Meeting wirklich sehr gut vorbereitet sein, weil ich wusste, dass er mich testen würde. Als ich so weit war und ins Flugzeug steigen wollte, pfiffen mich die Anwälte unserer Produktionsfirma zurück.

Weshalb?

Ich weiss es nicht genau. Cheney hätte den Film nicht stoppen können, aber vermutlich verzögern. Es war wirklich eine Schande, denn ich habe die Leute, die ich spiele, bisher immer getroffen, wenn sie noch am Leben sind. Das ist für mich nicht nur sehr hilfreich, sondern auch selbstverständlicher Anstand. Doch mir wurde sehr deutlich mitgeteilt, dass ich das Treffen ruhig organisieren dürfe, wenn ich wolle, dass dann jedoch alle, die am Film arbeiteten, den Job verlieren würden.

Was war die grösste Herausforderung bei der Rolle?

Ich konnte mir schlicht nicht vorstellen, wie es ist, dieses Ausmass an Macht zu haben. Ich selbst würde vor so viel Macht sicher davonrennen. Wie wacht man mit der Bürde einer solchen Verantwortung auf? Es gibt den Typus Mensch, der mit viel Macht ein Lachen ins Gesicht anderer zaubern und die Welt verbessern will. Es gibt Menschen, die ihre Macht nutzen, um vergangenes Unrecht zu rächen. Cheney jedoch hat seine Macht anders genutzt. Aber Monster erscheinen in der Regel nicht wie Charles Manson mit einem Swastika-Tattoo auf der Stirn.

Halten Sie Cheney für ein Monster?

Ach, das wäre zu vorhersehbar gewesen: der typische Hollywood-Liberale, der Cheney verteufelt. Niemand ist nur gut oder böse. Es gibt Leute, die Cheney kennen und beteuern, dass er kein Dämon ist. Ich will auch nicht, dass die Zuschauer über meine politische Einstellung nachdenken, wenn sie den Film sehen. Ich habe diese Rolle wahnsinnig gern gespielt, und wenn ich heute ein Bild von ihm sehe, würde ich «meinem Dick» am liebsten einfach in die Wangen kneifen. Es gab nämlich auch Momente mit der Familie, die mich zu Tränen rührten, weil er sich wie ein verdammt guter Vater verhielt.

Seine Frau Lynne scheint ihn besonders angetrieben zu haben. Oder wie sehen Sie das?

Ja, er hat selber gewitzelt, dass jeder Mann an Lynnes Seite Vizepräsident hätte werden können. Sie war akademisch erfolgreicher, und ehemalige Mitschüler fanden seine Erfolge überraschender als die seiner Frau. Seine Taten könnte man auch als die Schattenseite der Liebe eines armen Kerls zu einer Frau betrachten.

Sie sind Brite und leben in den USA. Sehen Sie sich als Systemkritiker?

Waren wir denn je zufrieden? Die Unzufriedenheit mit dem politischen System ist nichts Neues. Schon als ich ein Kind war, waren meine Eltern nie zufrieden damit. Bei Dick Cheney äussert sich das in der Ungeduld gegenüber der Demokratie. «Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit einem Durchschnittswähler» – dieses Zitat von Winston Churchill würde Cheney vermutlich auch unterschreiben.

Ich habe gelacht, geweint, mich geärgert. Derart intensive Gefühle hatte ich noch nie bei einem Film.

Es heisst, dass Sie immer vollkommen in Ihren Rollen verschwinden. Sehen Sie das auch so? Gibt es keinen Christian Bale, wenn Sie drehen?

Doch, den gibt es. Die Leute glauben manchmal, ich sei ein Method-Schauspieler nach dem System von Stanislavsky, aber dafür müsste ich das ja studiert haben, und das habe ich nicht. Ich habe überhaupt nichts studiert. Ich frage mich einfach bei jeder Figur, was sie braucht. Und ich schulde es mir und der ganzen Crew, nicht faul zu sein und die erforderliche Arbeit zu leisten.

Sind Sie bei «Vice» zufrieden mit dem Resultat?

Für mich ist der Film ein Meisterwerk. Ich hatte soeben ein paar Wochen Zeit, mir über diese Aussage Gedanken zu machen, und ich bleibe dabei. Ich habe mir den Film auch mehrmals angesehen. Beim ersten Mal sehe ich nämlich immer nur, was rausgeschnitten und in der Geschichte herumgeschoben wurde. Erst danach kann ich mich auf den eigentlichen Film konzentrieren. Und in diesem Fall habe ich alle Emotionen durchlaufen: Ich habe gelacht, geweint, mich geärgert. Derart intensive Gefühle hatte ich noch nie bei einem Film.

Wie haben Sie Ihrer Familie als dicker Dick Cheney gefallen?

Meine Frau fand es toll, denn je fetter ich werde , desto schlanker sieht sie aus. Für meinen Sohn war ich einfach wie Bär Balu aus dem «Dschungelbuch», auf dessen Bauch man herumhopsen kann. Ob ich dick oder dünn, langhaarig oder kahl, rasiert oder bärtig bin, ist ihm völlig egal. Jeder hat einen Kommentar abgegeben – er nicht. Entweder spürt er einfach meinen Vibe, oder er erkennt meine Augen.

Sie haben für eine Rolle schon mehrmals extreme Gewichtsveränderungen durchgemacht. Verändert sich dadurch auch Ihre Persönlichkeit? Und ist das gesundheitlich nicht gefährlich?

Ich bin wohl gerne das Versuchskaninchen . Dabei habe ich schon mehrfach gesagt, dass ich so was nicht mehr machen werde. (lacht) Denn es verändert die Persönlichkeit tatsächlich. Ich fühlte mich stark, obwohl ich mehr Fett als Muskeln zugelegt hatte. Ich wurde aber auch nervöser. Umgekehrt – wenn man stark an Gewicht verliert – hat man das Gefühl, die Kontrolle über sich zu haben, und wird umso glücklicher. Beim Abnehmen hatte ich den Eindruck, mich körperlich zu reinigen und den emotionalen und mentalen Ballast loszuwerden.

«Ich wurde Schauspieler, weil wir das Geld brauchten», sagte Bale über seine Anfänge in Hollywood
«Ich wurde Schauspieler, weil wir das Geld brauchten», sagte Bale über seine Anfänge in Hollywood.

Nach Ihrem Erfolg als Batman in Christopher Nolans «Dark Knight»-Trilogie haben Sie dem Blockbuster-Kino den Rücken gekehrt. Weshalb?

Ich habe derzeit das Glück, dass ich die Filme machen kann, die ich möchte – und auf Blockbuster habe ich momentan keine Lust. Aber wer weiss, wie lange ich in dieser glücklichen Situation sein werde. Deshalb sage ich niemals nie.

Noch unkenntlicher als in «Vice» sind Sie in «Mowgli», der neuen «Dschungelbuch»-Adaption auf Netflix, wo Sie den Panther Bagheera spielen. Ist das nicht Unterhaltung für die Masse?

Ja, aber ganz anders gemacht als bei «Dark Knight». Klar, auch bei «Mowgli» gibt es Spezialeffekte, und das Produktionsbudget ist beachtlich. Für mich waren es jedoch drei Tage, an denen ich im Motion-Capture-Verfahren mit Regisseur Andy Serkis allein in einem Raum herumalberte. Als Batman war mir der ungeheure Produktionsmoloch um mich herum die ganze Zeit bewusst.

Sie haben in Hollywood gleich gross angefangen – mit 13 Jahren in der Hauptrolle des Spielberg-Streifens «Empire ­ of the Sun» ...

Ach, meine Erinnerungen daran sind stark verblasst. Damals hatte ich eine ganz andere Einstellung zur Schauspielerei. Aber Steven Spielberg hat mich vor ein paar Jahren Zhang Yimou für den Film «The Flowers of War» (2012) empfohlen. Also vielen Dank, Steven!

Was heisst, Ihre Einstellung sei damals anders gewesen?

Zu Beginn gefiel mir die Schauspielerei nicht. Meine ältere Schwester war die Schauspielerin und Theaterinteressierte, ich bin da eher reingerutscht. Dass ich Schauspieler blieb, war ein wirtschaftlicher Entscheid, denn jemand musste Geld verdienen in der Familie. Ich war der, der einen Lohn nach Hause brachte. Aber es machte mich wütend, in meinem Alter schauspielern zu müssen, weil wir das Geld brauchten.

Dennoch überzeugten Sie und wurden zum Star.

Da ich keine Wahl hatte, wollte ich wenigstens versuchen, etwas zu erreichen, auf das ich stolz sein konnte. Gary Oldman war meine Inspiration – ich wollte so gut werden wie er. Mit ihm konnte ich mich so gut identifizieren, weil er in der Nähe meiner Familie aufgewachsen war. Ich habe ihm erst vor Kurzem gestanden, wie wichtig er für mein Schauspielerleben war.

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