23. August 2018

Der Ultra-Trail-Läuferin ist kein Weg zu weit

Brigitte Daxelhoffer ist zäh wie ein Turnschuh, wenn sie Menschen in Not helfen kann. Nun nimmt die Bernerin ihre grösste Herausforderung unter die Füsse: die Via Alpina quer durch die Schweiz.

Brigitte Daxelhoffer
Strapazen in der Wüste: Brigitte Daxelhoffer 2016 am Marathon des Sables in Marokko
Lesezeit 5 Minuten

Die schmale Dorfstrasse in Burgistein BE schlängelt sich den Hügel hoch – zuoberst thront ein Chalet, idyllisch gelegen, alt, die Türen sind offen. Der Wind pfeifft durch die Tannen, Grasfelder erstrecken sich über die Höhen, kein Mensch weit und breit. Hier kommt der Fuchs nicht nur nachts vorbei. Brigitte Daxelhoffer (40) hat ihren 14 Hühnern, dem «Güggu» und den 16 Kaninchen sichere Ställe gebaut. Ihre Tiere sollen einen angenehmen Lebensabend geniessen dürfen. Sie hat sie vor dem sicheren Tod gerettet. Ihre vier grossen Hunde lebten früher auf der Strasse, die zwei Katzen stammen von Bekannten. Die alleinerziehende Mutter hat ein Herz für Tiere, hilft gern. Genauso wie ihre Tochter Hannah (8). «Das liegt bei uns in den Genen.»

Die studierte Psychologin und Mitarbeiterin einer Beratungsfirma in den Bereichen Medizin und Pharmaprodukte hat schon mit acht Jahren entdeckt, dass sie schnelle Beine hat. Dieses Kapital macht sie inzwischen mit Spendenläufen zu Geld: Seit vier Jahren kennt die Ultra-Trail-Läuferin keine Grenzen, wenn es darum geht, anderen Menschen zu helfen. Sie rennt, damit es missbrauchten Frauen und benachteiligten Kindern in Indien und Nepal besser geht. Erst 101 Kilometer in den Berner Alpen, dann 201 Kilometer in den Bündner Bergen, 257 Kilometer durch die Sahara, 320 Kilometer quer durch das Gebirge in Wales, 430 Kilometer durch England.

Schon die Grossmutter war eine «zähe Hutte»

Mit ihrer privaten Hilfsorganisation «Run for Hope» und der Partnerorganisation «Chance Swiss» unterstützt Brigitte Daxelhoffer jährlich ein Projekt durch Spendenläufe. Ihr Anliegen ist es, Leid zu mindern, Mädchen aus der Prostitution zu retten, die so alt sind wie ihre Tochter, ihnen eine Schulbildung zu ermöglichen. Im September startet sie in Montreux VD an einem weiteren grossen Lauf: entlang der Via Alpina, quer durch die Schweiz. Es ist bis jetzt ihre grösste Herausforderung. «Ich weiss, mein Körper kann noch länger, noch weiter.» Schon ihre Grossmutter sei «eine zähe Hutte» aus dem Emmental gewesen.

Nach fünf Tagen, 380 Kilometern und 25 000 Höhenmetern will sie in Vaduz (FL) ankommen. «Das hat noch niemand so gemacht. Aber mir ist das ‹Dürezie›, ‹Düre­bisse› und Leiden gegeben.» Unterwegs auf den langen, harten Rennen fluche sie viel, habe sie Selbstmitleid, heule und lache. Mit sich selbst. Das passt ihr. «Ich bin eine Eigenbrötlerin, bin gern allein.»

Und immer wieder denke sie dabei an die Frauen und Kinder in Indien und Nepal. «Das ist ein grosser Motivator», sagt sie. Für den Lauf entlang der Via Alpina seien bereits über 20000 Franken zusammengekommen.

Brigitte Daxelhoffer mit Tochter Hannah und den Hunden Struppi, Bonnie und Clyde
Daheim in Burgistein: Brigitte Daxelhoffer mit Tochter Hannah und den Hunden Struppi, Bonnie und Clyde (v.r.)

Angefangen hat alles mit einer Trekking­Tour in Nepal. Ihr damaliger Guide, Sherpa Ash Gurung, kam 2014 in der grossen Lawine am Mount Everest ums Leben – ein halbes Jahr nachdem sie mit ihm im Himalaya unterwegs gewesen war. Brigitte Daxelhoffer wollte die junge Witwe und Mutter zweier kleiner Kinder nicht in ihrem Elend zurücklassen. Die Spenden für die ersten Läufe reichten aus, um für Gurungs Kinder Aslima und Abin eine Schulbildung sicherzustellen.

Das Schicksal der Frauen und Kinder geht ihr nah. «Ich kann die Blasen an meinen Füssen nach fünf Tagen von einem Arzt aufstechen lassen und die Füsse pflegen. Aber für die Menschen dort gibt es keinen Ausweg.» Die Probleme gewisser Menschen hierzulande machen sie manchmal «richtig hässig». Kürzlich habe ein Senior in einem Einkaufszentrum über die Nektarinen geflucht: Entweder seien sie zu weich oder zu hart. «Seien Sie froh, dass es überhaupt Nektarinen gibt», habe sie etwas forsch gesagt.

Wenn es um die Ernährung geht, ist die Ernährungsberaterin nicht heikel. An den Läufen – und auch sonst – esse und trinke sie, worauf sie Lust habe. Bananenshake, Eierbrötli, Sandwich. Auch Cola trinke sie, wenn sie Lust darauf habe. Von speziellen Riegeln, Drinks oder gar Hormonen hingegen hält sie nichts. «Nie im Leben! Mein Körper dankt es mir.» Ihm tue auch die wöchentliche Massage gut, das Liegen in der Badewanne und das frühe Zubettgehen. «Um 22 Uhr lösche ich das Licht.»

Einzig um ihre Füsse sorgt sie sich, «meine Schwachstelle». Auf dem 257-Kilometer-Lauf durch die Wüste kam Sand in die Schuhe und gefühlte tausend Blasen an den Füssen bereiteten ihr grosse Schmerzen. Sie fluchte. «Ich lief auf den Fersen.» An einem Checkpoint liess sie sich helfen. Ein Arzt baute ihr eine Sohle aus Schaumgummi. «Ich fühlte mich danach unglaublich gut.» Bei einem anderen Lauf steckte sie sogar den lästigen Stein weg, den sie nicht mehr aus den Schuhen brachte, weil er schon zu tief in der Haut steckte.

Brigitte Daxelhoffer besitzt derzeit 18 Paar Laufschuhe. Sie haben eine «Lebenszeit» von 300 Kilometern – dann schenkt sie sie den Menschen in Nepal und Indien, wo sie einmal pro Jahr hinfliegt. Ihre Lieblingsschuhe allerdings sind Flipflops. Die hat sie sogar auf ihren Spendenlauf durch die Wüste mitgeschleppt, damit ihre Füsse sich abends erholen konnten. «Alle schüttelten nur den Kopf über mein zusätzliches Gepäck, aber ich würde es wieder tun.»

Die Frauensolidarität macht es möglich

«Run for Hope» ist unter anderem nur möglich, weil Brigitte Daxelhoffer auf grosse Frauensolidarität zählen kann. Grosse Unterstützung erhält sie zum Beispiel von ihrer Mutter Lotti (73), die allwöchentlich zweimal in Burgistein übernachtet, damit die Tochter arbeiten und trainieren kann. Und nur dank ihrer Chefin könne sie sich überhaupt in diesem Ausmass für «Run for Hope» engagieren. «Sie ist auch eine Macherin», sagt Brigitte Daxelhoffer, die 60 Prozent arbeitet.

Besuch in der Kindertagesstätte in Kalkutta, Indien, im Januar 2018
Engagierte Läuferin: Besuch in der Kindertagesstätte in Kalkutta, Indien, im Januar 2018


Wenn sie ihre zwölf Stunden Lauf pro Woche zurücklegt, begleitet Hannah sie manchmal auf Teilstrecken. Schon als Hannah ein Kleinkind war, nahm sie sie im Kinderwagen mit zum Training – und zog damit in Burgistein alle Blicke auf sich. Auch auf der Via Alpina wird das quirlige Mädchen in Grindelwald vor Ort sein, gemeinsam mit ihrer Kindergartenklasse. Selbstbewusst kommentierte die kleine Läuferin: «Mängisch rennen i schnäuer aus ds Mami.»

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Evan spielt Unihockey

«Wer träumt, schiesst kein Goal»

Elias Ambühl

Freestyler Elias Ambühl möchte Transportpilot werden

Breel Embolo und Blerim Dzemaili im Jubel

Was der Jubel über einen Sportler aussagt

Informationen zum Author

Max spielt Fussball und sammelt allerlei Fanartikel

Max will Fussball spielen wie Barnetta